In ihrer 225. Sitzung der Ständigen Konferenz der Innenminister und -senatoren der Länder (IMK) haben die Länder beschlossen, für 2028 das Thema Zivile Verteidigung vorzubereiten.
Die LÜKEX hat sich dabei in den vergangenen Jahren als zentrales Instrument zur Vorbereitung von Bund, Ländern und Kommunen auf außergewöhnliche Krisenlagen etabliert. Ihr eigentlicher Mehrwert liegt dabei weniger in den tatsächlichen Übungstagen als vielmehr in dem mehrmonatigen Vorbereitungsprozess. In dieser Phase werden Krisenstrukturen aufgebaut, Verfahren überprüft, Zuständigkeiten geklärt, Netzwerke gestärkt und die Zusammenarbeit zwischen den beteiligten Behörden weiterentwickelt.
Bewährtes erhalten, neue Qualität schaffen
Die bewährte Grundstruktur sollte auch für die LÜKEX 2028 zum Thema Zivile Verteidigung erhalten bleiben. Gerade die Zivile Verteidigung macht jedoch deutlich, dass die sicherheitspolitischen Herausforderungen unserer Zeit eine konsequente Weiterentwicklung des Übungsansatzes erfordern. Wer gesamtgesellschaftliche Resilienz stärken will, darf sich nicht darauf beschränken, staatliche Strukturen zu ertüchtigen. LÜKEX muss den nächsten Entwicklungsschritt gehen.
Zivile Verteidigung braucht einen dritten Wirkungsraum
Bisher entfaltet LÜKEX ihre Wirkung in zwei Bereichen: im langfristigen Vorbereitungsprozess und in der eigentlichen Übung. Für die Zivile Verteidigung reicht dieser Ansatz künftig nicht mehr aus.
Gerade weil Zivile Verteidigung das Zusammenwirken staatlicher Institutionen mit Wirtschaft, Wissenschaft, Medien, Hilfsorganisationen und einer informierten Gesellschaft voraussetzt, braucht LÜKEX einen dritten Wirkungsraum: einen kontinuierlichen gesellschaftlichen Resonanz- und Lernprozess.
Dieser dritte Wirkungsraum ergänzt die beiden bewährten Elemente der LÜKEX. Sein Ziel ist es, den Dialog zwischen Staat und Gesellschaft bereits während der Vorbereitung zu verstetigen, unterschiedliche Perspektiven frühzeitig einzubeziehen und Erkenntnisse nicht erst nach Abschluss der Übung, sondern fortlaufend in beide Richtungen wirken zu lassen.
Die Resonanzgruppe als erster Schritt
Für den Aufbau dieses dritten Wirkungsraums eignet sich zunächst die Einrichtung einer unabhängigen „Resonanzgruppe“.
Sie sollte aus etwa acht bis zehn Persönlichkeiten bestehen, die ausdrücklich nicht als Vertreter ihrer Institutionen teilnehmen, sondern aufgrund ihrer fachlichen Expertise, ihrer persönlichen Glaubwürdigkeit und ihrer Fähigkeit ausgewählt werden, Entwicklungen über den eigenen Fachbereich hinaus einzuordnen. Ergänzend sollte berücksichtigt werden, ob sie über belastbare Netzwerke verfügen und Erkenntnisse wirksam in Wissenschaft, Medien, Wirtschaft und Fachöffentlichkeit tragen können.
Die Mitglieder begleiten den gesamten Vorbereitungsprozess. Sie sind weder Beobachter noch Gutachter, sondern kritische Sparringspartner. In regelmäßigen Formaten erhalten sie Einblicke in Planungsstände, Lageentwicklungen oder Kommunikationsansätze. Sie spiegeln zurück, welche Informationen der Gesellschaft fehlen, wo Missverständnisse entstehen können, welche Fragen Medien oder Wissenschaft stellen würden, wo politische oder gesellschaftliche Konfliktlinien sichtbar werden und welche Aspekte bislang unzureichend berücksichtigt sind.
So entsteht ein permanenter Realitätstest, der den Blick bewusst von innen nach außen richtet und die staatliche Vorbereitung um eine gesellschaftliche Perspektive ergänzt.
Die Resonanzgruppe bilden dabei ausdrücklich kein abschließendes Modell. Sie ist vielmehr ein pragmatischer und zugleich wirkungsvoller Einstieg in den Aufbau des dritten Wirkungsraums. Welche weiteren Formate oder Instrumente sich im Verlauf der Vorbereitung oder in zukünftigen LÜKEX-Zyklen als sinnvoll erweisen, sollte bewusst offenbleiben. Entscheidend ist nicht ein bestimmtes Instrument, sondern das Ziel, den gesellschaftlichen Resonanz- und Lernprozess dauerhaft als Bestandteil der LÜKEX zu verankern.
Vom Resonanzraum zum Multiplikatorennetzwerk
Der Mehrwert der Resonanzgruppe endet nicht mit der Vorbereitung der Übung. Sie bildet zugleich den Nukleus eines belastbaren Multiplikatorennetzwerks. Ihre Mitglieder tragen Erkenntnisse der LÜKEX über Policy Paper, Hintergrundgespräche, Podcasts, Fachveranstaltungen oder wissenschaftliche Beiträge in ihre jeweiligen Communities hinein und spiegeln zugleich Impulse aus Gesellschaft, Wissenschaft, Wirtschaft und Medien wieder in den staatlichen Lernprozess zurück.
So entwickelt sich der dritte Wirkungsraum kontinuierlich weiter und kann künftig um weitere geeignete Formate ergänzt werden. Entscheidend ist, dass LÜKEX dauerhaft über den eigentlichen Übungsrahmen hinauswirkt und einen kontinuierlichen gesellschaftlichen Dialog über Resilienz und Zivile Verteidigung ermöglicht.
Vertrauen als Fundament der Resilienz
Der frühere Richter am Bundesverfassungsgericht Ernst-Wolfgang Böckenförde formulierte den Gedanken, dass der freiheitliche Staat von Voraussetzungen lebt, die er selbst nicht schaffen kann. Für die Zivile Verteidigung gilt dies in besonderer Weise. Staatliche Handlungsfähigkeit allein reicht nicht aus. Krisenvorsorge lebt ebenso von Vertrauen, Verständlichkeit, gesellschaftlicher Mitwirkung und belastbaren Beziehungen zwischen staatlichen Institutionen und den Akteuren der Gesellschaft.
Der dritte Wirkungsraum schafft hierfür einen dauerhaften institutionellen Rahmen. Er verbindet staatliche Vorbereitung mit gesellschaftlicher Resonanz und legt damit den Grundstein für ein Netzwerk glaubwürdiger Multiplikatoren, das weit über die eigentliche Übung hinauswirkt.
Resilienz entsteht dort, wo staatliche Handlungsfähigkeit auf gesellschaftliches Vertrauen trifft. Genau darin liegt die eigentliche Weiterentwicklung der LÜKEX 2028. Sie beschränkt sich nicht mehr darauf, Krisenmanagement zu üben, sondern erweitert ihre beiden bewährten Wirkungsräume um einen dritten: einen dauerhaften gesellschaftlichen Resonanz- und Lernprozess, der Vertrauen stärkt, Wissen verbreitet und die Zivile Verteidigung als gemeinsame Aufgabe von Staat und Gesellschaft begreift.
Die verantwortlichen Planerinnen und Planer sollten diese Chance der LÜKEX 2028 nicht vertun.
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