Einsatzbereitschaft auf dem Papier und im Ernstfall?

Einsatzbereitschaft im Ehrenamt: Der Bevölkerungsschutz in Deutschland gilt traditionell als stark ehrenamtsgetragen. Über 1,7 Millionen registrierte Einsatzkräfte bilden auf dem Papier das Rückgrat der Bewältigung von Krisen, Großschadenslagen und Katastrophen.

Einsatzbereitschaft im Ehrenamt?
Ein Soldat bespricht mit einem Mitarbeiter des Deutschen Roten Kreuzes den Einsatz im Rahmen der Amtshilfe bei einem Stromausfall in Berlin am 06.01.2026.
Foto: Bundeswehr / Tom Twardy

„Wer kommt tatsächlich, wenn es knallt?“ Eine aktuelle bundesweite Untersuchung der Deutschen Gesellschaft für Katastrophenmedizin (DGKM) in Zusammenarbeit mit den Universitätsklinika in Aachen und Tübingen zeigt nun mit bislang nicht gekannter empirischer Schärfe, dass zwischen formaler Planung und realer Einsatzverfügbarkeit eine erhebliche Lücke klafft.

Kernergebnisse der Studie: Weniger als die Hälfte real verfügbar

Die Studie „Wer kommt, wenn es knallt? Verfügbarkeit von Einsatzkräften im Bevölkerungsschutz“ basiert auf einer nationalen Online-Befragung von 3.681 aktiven Ehrenamtlichen aus Feuerwehr, Hilfsorganisationen, Rettungsdienst und Katastrophenschutz (Erhebungszeitraum: Juni–Oktober 2024). Die Ergebnisse sind ernüchternd:

  • Nur 30 Prozent der Befragten geben an, im Katastrophenfall jederzeit verfügbar zu sein.
  • 65 Prozent sind nur eingeschränkt verfügbar, 5 Prozent grundsätzlich gar nicht.
  • Hochgerechnet bedeutet dies: Von den 1,7 Millionen registrierten Ehrenamtlichen stehen im Ernstfall nur rund 44 Prozent tatsächlich zur Verfügung – etwa 755.000 Personen .

Besonders brisant ist dabei die Rolle sogenannter Doppelrollen. Mehr als die Hälfte der Ehrenamtlichen (52,2 Prozent) arbeitet hauptberuflich in kritischen Infrastrukturen (KRITIS), etwa im Gesundheitswesen, bei Energie- oder Wasserversorgern oder in der öffentlichen Sicherheit. Genau dort steigt im Krisenfall die Arbeitsbelastung massiv – mit der Konsequenz, dass diese Personen dem Bevölkerungsschutz häufig nicht zur Verfügung stehen.

Doppelrollen und Mehrfachengagement: Eine stille systemische Schwachstelle

Rund 20,5 Prozent der Befragten engagieren sich in mehr als einem Ehrenamt, bei Ärzten sogar 32,7 Prozent. Was in Statistiken als personelle Stärke erscheint, relativiert sich im Einsatzfall schnell: Eine Einsatzkraft kann zeitgleich nur eine Funktion ausüben. Doppel- und Mehrfachverwendungen führen somit zu einer Überschätzung verfügbarer Ressourcen in Einsatz- und Alarmierungsplanungen.

Gerade im medizinischen Bereich wird dies deutlich. Ärzte arbeiten im Durchschnitt 49 Wochenstunden, sind häufig in leitenden Funktionen (z. B. als LNA) eingeplant, zugleich aber beruflich im Krankenhaus unverzichtbar. Die Studie zeigt klar: Diese Gruppe ist konzeptionell fest eingeplant, real jedoch oft nicht abrufbar.

Der Hauptengpass: Berufliche Verpflichtungen und fehlende Freistellung 

Mit 57,4 Prozent ist die berufliche Tätigkeit der mit Abstand häufigste Grund für Nichtverfügbarkeit. Besonders relevant sind dabei zwei strukturelle Faktoren:

  • KRITIS-Bindung: Beschäftigte in kritischen Infra-strukturen priorisieren im Einsatzfall verständlicher-weise ihren Hauptberuf – teils aus Pflichtgefühl, teils mangels Freistellungsoptionen.

  • Uneinheitliche Helferfreistellung: Eine bundesein-heitliche, rechtssichere Freistellung mit Entgeltfortzahlung existiert bislang nur für das Technische Hilfswerk und die Freiwilligen Feuerwehren. Für Hilfsorganisationen besteht ein föderaler Flickenteppich aus Regelungen – oder gar keine verbindliche Freistellung.

Die Studie belegt, dass eine höhere Freistellungswahrscheinlichkeit signifikant mit höherer Einsatzverfügbarkeit korreliert. Wo Freistellung fehlt, fehlt am Ende auch Personal im Einsatz. Weitere Hinderungsgründe sind familiäre Verpflichtungen wie betreuungspflichtige Kinder oder zu pflegende Angehörige sowie gesundheitliche Gründe. Haustiere spielen dabei keine Rolle.

Politische Einordnung: Forderungen der DGKM

In ihrer Pressemitteilung spricht die DGKM von einer „Einsatzbereitschaft auf dem Papier“ und warnt vor gefährlichen Fehleinschätzungen im Bevölkerungsschutz. Die Gesellschaft formuliert klare politische Forderungen:

  • Bundeseinheitliche Helfergleichstellung für alle Organisationen des Bevölkerungsschutzen
  • Systematische Erfassung von Doppelrollen und Mehrfachfunktionen
  • Gezielte Entlastung besonders belasteter Berufsgruppen, insbesondere im Gesund-heitswesen
  • Nachwuchsgewinnung und attraktivere Rahmenbedingungen für ehrenamtliches Engagement

Diese Forderungen zielen nicht auf Symbolpolitik, sondern auf eine realistische Abbildung der tatsächlichen Leistungsfähigkeit des Systems.

Konsequenzen für Planung und Einsatzpraxis

Die Ergebnisse der DGKM-Studie machen deutlich, dass bestehende Planungsannahmen im Bevölkerungsschutz einer kritischen Neubewertung bedürfen. Alarmierungs- und Einsatzkonzepte beruhen bislang häufig auf nominellen Personalstärken, nicht auf realistisch verfügbaren Kräften. Dies führt insbesondere bei großflächigen oder lang andauernden Schadenslagen zu strukturellen Risiken.

OPLAN: Die Landesverteidigung ist ein gesamtstaatlicher Ansatz und umfasst neben dem militärischen Bereich vor allem auch zivile Organisationen.
Die Landesverteidigung ist ein gesamtstaatlicher Ansatz und umfasst neben dem militärischen Bereich vor allem auch zivile Organisationen.
Foto: Bundeswehr / Anne Weinrich

Während bei kleineren Einsatzlagen informelle Lösungen oft noch funktionieren – etwa durch kurzfristige Absprachen zwischen Arbeitgebern, Führungskräften und Einsatzkräften –, stoßen diese Mechanismen bei Großschadensereignissen systematisch an ihre Grenzen. Dort fehlen nicht nur Zeit und Übersicht, sondern auch belastbare Entscheidungsgrundlagen, um Priorisierungskonflikte aufzulösen. Die Folge ist eine trügerische Einsatzbereitschaft auf dem Papier.

Aus Sicht der Autoren liegt eine der zentralen Schwächen des derzeitigen Systems darin, dass es implizit auf Improvisation setzt. Solange Schadenslagen überschaubar bleiben, lassen sich Doppelrollen und Mehrfachverwendungen häufig pragmatisch lösen. Führungskräfte kennen ihre Leute, Arbeitgeber zeigen sich kooperativ, und individuelle Kompromisse sind möglich.

In großen, dynamischen Einsatzlagen funktioniert dieses Prinzip jedoch nicht mehr. Weder die Einsatzleitungen noch die politisch Verantwortlichen haben dann ausreichend Zeit oder Übersicht, um spontan zu entscheiden, welche Funktion eine Einsatzkraft mit Doppelrolle priorisieren soll – insbesondere, wenn ganze Berufsgruppen gleichzeitig im KRITIS-Bereich gebunden sind.

Vor diesem Hintergrund ist es ein wichtiges Signal, dass das Bundesamt für Bevölkerungsschutz und Katastro-phenhilfe (BBK) nach Vorliegen der Umfrage alle Hilfsorganisationen um Stellungnahme gebeten hat. Auch wenn dies kein Bestandteil der veröffentlichten Studie ist, zeigt dieser Schritt, dass die Problematik inzwischen auf Bundesebene wahrgenommen und ernst genommen wird.

Ebenso ist positiv zu bewerten, dass erste Hilfsorganisationen begonnen haben, Doppelrollen und Mehrfach-funktionen ihrer Einsatzkräfte systematisch zu erfassen. Dies entspricht exakt den Forderungen der DGKM nach mehr Transparenz und realistischer Ressourcenplanung. Entscheidend wird jedoch sein, ob diese Initiativen:

  • organisationsübergreifend kompatibel,
  • dauerhaft gepflegt
  • und in Einsatz- und Alarmierungsplanungen tatsächlich berücksichtigt werden.

Solange Doppelrollen nicht systematisch bekannt sind, bleibt jede Personalplanung im Bevölkerungsschutz zwangsläufig unpräzise. Ein weiterer, bislang kaum systematisch berücksichtigter Aspekt betrifft familiäre Doppelbindungen innerhalb engagierter Haushalte. Auch wenn die Studie zeigt, dass betreuungspflichtige Kinder statistisch nur einen schwachen Einfluss auf die individuelle Verfügbarkeit haben, greift diese Betrachtung zu kurz, wenn mehrere Einsatzkräfte in einer Familie leben.

In engagierten Familien, in denen beide Elternteile im Bevölkerungsschutz aktiv sind, kann im Einsatzfall häufig nur eine Person ausrücken, sofern keine alternativen Betreuungsmöglichkeiten bestehen. Diese Einschränkung wird weder in Personalstatistiken noch in Alarmierungs- oder Einsatzkonzepten strukturiert erfasst.

Gerade bei Großschadenslagen, die über Stunden oder Tage andauern, entsteht dadurch ein zusätzlicher, bislang unsichtbarer Personalabfluss, der die reale Einsatzstärke weiter reduziert. Schließlich stellt sich die Frage nach der Verfügbarkeit von Reservisten im Zivilschutzfall. Auch diese Personengruppe ist in vielen Planungen implizit mitgedacht, ohne dass ihre tatsächliche Einsatzfähigkeit systematisch erfasst wird.

Die Forderungen der Deutschen Gesellschaft für Katastrophenmedizin nach bundeseinheitlicher Helfergleichstellung, systematischer Erfassung von Doppelrollen und gezielter Entlastung besonders belasteter Berufsgruppen sind daher nicht nur nachvollziehbar, sondern zwingend erforderlich, um die Resilienz des Systems zu erhalten.

Auch reicht es nicht aus, allein auf Nachwuchsgewinnung zu setzen. Notwendig ist vielmehr ein Paradigmenwechsel: Weg von der reinen Zählung von Köpfen, hin zu einer kontinuierlichen, realitätsnahen Analyse tatsächlicher Einsatzverfügbarkeit.

Technische und organisatorische Ansätze – etwa digitale Führungsunterstützung, modulare Einsatzkonzepte oder telemedizinische Unterstützung – können helfen, knappe personelle Ressourcen gezielter einzusetzen. Sie ersetzen jedoch keine strukturellen Reformen bei Freistellung, Planung und Rollenverteilung.

Fazit zur Einsatzbereitschaft

Die DGKM-Studie zeigt eindrucksvoll, dass der Bevölkerungsschutz in Deutschland nicht an fehlendem Engagement leidet, sondern an strukturellen Annahmen, die der Realität nicht mehr standhalten. Die ersten Reaktionen – sowohl auf Ebene des BBK als auch einzelner Hilfsorganisationen – sind erste richtige Schritte. Entscheidend wird jedoch sein, ob daraus ein systematischer, bundesweit abgestimmter Prozess entsteht.

 

Autoren:
Dr. Anna Müller, Uniklinik RWTH Aachen
PD Dr. Andreas Follmann, Deutsche Gesellschaft für Katastrophenmedizin (DGKM) e.V. Uniklinik RWTH Aachen

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