Sabotageangriffe, der völkerrechtswidrige Angriff Russlands auf die Ukraine, politische Spannungen – das 21. Jahrhundert zeichnet sich durch eine neue Unsicherheit und ein vielschichtiges Gefahrenspektrum aus. Der fortschreitende Klimawandel verschärft die unsichere geopolitische Lage zusätzlich und stellt Deutschland vor enorme Herausforderungen.

Klimawandel findet statt – bereits heute
Im globalen Vergleich hat sich die Lufttemperatur in Deutschland bis zum Jahr 2025, verglichen mit dem vieljährigen Mittelwert von 1961-1990, überdurchschnittlich stark erwärmt. Dies zeigt: Deutschland ist besonders stark vom Klimawandel betroffen. Von 2014 bis 2025 wurden in Deutschland sieben der zehn heißesten Jahre seit Beginn der regelmäßigen Wetteraufzeichnungen (1881) aufgezeichnet. Zeitgleich wird in der Bundesrepublik seit 2010 immer häufiger ein Trend zu negativen Niederschlagsanomalien, d.h. weniger Niederschlag als im vieljährigen Mittelwert zwischen 1961-1990, beobachtet. Hinzu kommt die Zunahme in Intensität und Häufigkeit von extremen Wettereignissen, wie Starkregen oder Hitze und Dürre. Die Verteilung dieser Risiken kann sich durch Topografie und Lage regional unterscheiden. Grundsätzlich besteht das Risiko von auftretenden Wetterextremen jedoch jederzeit und in nahezu allen Regionen. Ebenso können verschiedene Extremwetterereignisse zeitgleich auftreten. Während es beispielsweise in einem Teil des Landes extrem trocken sein kann, können zur selben Zeit in anderen Teilen des Landes Überflutungen durch Stark- oder Dauerregenereignisse vorkommen. Die Zunahme der Frequenz und Magnitude wetterbedingter Extremlagen korreliert häufig mit dem Klimawandel.
Auswirkungen auf die Zivile Verteidigung
Die mit dem Klimawandel verbundenen Folgen haben sowohl direkte als auch indirekte Auswirkungen auf die Zivile Verteidigung. Dabei sind die verschiedenen Kernbereiche der Zivilen Verteidigung unterschiedlich stark betroffen. Die vier Kernbereiche sind:
- Die Aufrechterhaltung der Staats- und Regierungsfunktionen,
- der Zivilschutz,
- die (Not-)Versorgung der Bevölkerung,
- die Unterstützung der Streitkräfte.
Folgende Beispiele verdeutlichen die Auswirkungen exemplarisch:
Auswirkungen auf den Zivilschutz
Das deutsche Bevölkerungsschutzsystem zeichnet sich durch das integrierte Hilfeleistungssystem, mit unterschiedlichen Zuständigkeiten von Bund, Ländern und Kommunen sowie der Unterstützung der staatlich anerkannten Hilfsorganisationen, aus (Abb. 1).
Dieses System ist bereits gut auf Extremwetterereignisse eingestellt, sieht sich jedoch aufgrund der veränderten klimatischen Rahmenbedingungen neuen Herausforderungen gegenüber, die auch das Thema der Durchhaltefähigkeit von Personal und Material betreffen. Dies ist vor allem für das Zusammenspiel und das Funktionieren des Gesamtsystems von zentraler Bedeutung. Die Auswirkungen auf die Einsatzkräfte sind vielfältig und betreffen nicht nur die Ressourcenverfügbarkeit, sondern auch die Einsatzbelastung und Einsatzzeiten. Einsatzkräfte stoßen dabei zunehmend an physische und psychische Belastungsgrenzen. Die wachsende Beanspruchung durch klimabedingte Extremereignisse zwingt den Bevölkerungsschutz, Strukturen und Verfahren konsequent weiterzuentwickeln. Da der Zivilschutz in Zusammenarbeit mit den Ländern wahrgenommen wird und folglich auf den Einsatzkräften des Katastrophenschutzes aufbaut, ist ein funktionierender und an die neuen Herausforderungen angepasster Katastrophenschutz zwingend erforderlich. Damit der Zivilschutz unter diesen Rahmenbedingungen wirksam bleiben kann, müssen Kommunen und andere verantwortliche Akteure ihre Aufgaben auch unter widrigen klimatischen Umständen zuverlässig erfüllen können. Wenn sie jedoch durch wetterbedingte Großschadenslagen, wie Starkregenereignisse, Hochwasser oder Hitzewellen massiv gefordert oder gar überlastet sind oder wenn ihre eigene Infrastruktur und ihr Personal betroffen sind, geraten sie schnell an Grenzen. In der Folge stehen sie für Aufgaben in der Zivilen Verteidigung nicht im erforderlichen Umfang zur Verfügung. Hinzu kommt, dass Unterstützungsleistungen der Streitkräfte im Rahmen der Amtshilfe künftig womöglich nicht mehr in gewohnten Maßen bereitgestellt werden können.
Auswirkungen auf die (Not-)Versorgung der Bevölkerung sowie auf die Unterstützung der Streitkräfte
Durch Schäden an der Transportinfrastruktur (Schienen, Schwellen, Brücken, Straßen), etwa in Folge einer Hitze- und Dürreperiode oder aber niedrigen Pegelständen in den wichtigen deutschen Wasserstraßen, wie dem Rhein, kann es zu Einschränkungen bei Transportdienstleistungen kommen. Dies wiederum hätte Folgen auf die (Not-)Versorgung der Bevölkerung. Aber auch bei der Unterstützung der Streitkräfte, vor allem beim Host-Nation-Support, im Rahmen der wichtigen strategischen Lage Deutschlands als „Drehscheibe Europas“. Bei allem dürfen auch etwaige Kaskadeneffekte nicht außer Acht gelassen werden. Während Kraftwerke in Hitzeperioden ohnehin schon hohen Belastungen ausgesetzt sind, könnten zusätzliche Cyber-Attacken ein weiterer Stressfaktor für die zuverlässige Energieversorgung sein.
Auswirkungen auf die Aufrechterhaltung der Staats- und Regierungsfunktionen
Darüber hinaus schafft oder verstärkt der Klimawandel Schwachstellen, die im Konzert der vielen, unterschiedlichen Mittel hybrider Kriegsführung gezielt ausgenutzt werden können. In der aktuellen sicherheitspolitischen Lage muss damit gerechnet werden, dass klimatisch bedingte Verwundbarkeiten bewusst genutzt werden könnten, um staatliche Krisenmanagementstrukturen zu überlasten. Es geht dabei letztlich um mit einfachen Mitteln herbeigeführte Überlastsituationen, die ein gezieltes Binden von Kräften, Ressourcen und Aufmerksamkeit nach sich ziehen und den Versuch staatliche Sicherheits- und Krisenmanagementorgane gezielt zu destabilisieren. Hinzu kommt die reale Gefahr der politischen Instrumentalisierung von Notlagen, wie sie auch in der Folge von extremen Wetterereignissen entstehen können.

Neue verschränkte Bedrohungen:
Multiple Krisen als das Neue Normal
Der Klimawandel findet nicht isoliert statt. Er bettet sich ein in eine von Krisen geprägte Welt. Ebenso hört er nicht auf, nur weil ein geopolitischer Konflikt eskaliert. Das Betrachten von klassischen Gefahrenbildern, die klar abgegrenzte Ereignisse sind, muss überwunden werden. Der Klimawandel schafft eine permanente Unsicherheit, die sich mit anderen Bedrohungen verschränkt. Die COVID-19-Pandemie zeigte, wie sich soziale Schocks, Lieferkettenstörungen und politische Spannungen zeitgleich verstärken konnten. Auch aktuell gilt: Während Russland die Ukraine angreift, verschärfen sich Hitzewellen, Dürren und sonstige Ex-tremwetterereignisse – beide Entwicklungen greifen auf dieselben Ressourcen der Krisenbewältigung zurück und beeinflussen die Handlungsfähigkeit des Staates sowie die Durchhaltefähigkeit des Systems und der Einsatzkräfte. Krisen entstehen nicht nacheinander, sondern gleichzeitig und ineinandergreifend. Herausforderungen addieren sich nicht, sie potenzieren sich. Wir leben in einer Welt, in der multiple Krisen als das „Neue Normal“ gelten.
Für die Zivile Verteidigung gilt die Schlussfolgerung, dass sie sich nicht länger ausschließlich auf den Ausnahmefall militärischer Aggressionen vorbereiten darf, sondern sich kontinuierlich an die neuen Parameter einer sich veränderten Umwelt anpassen muss. Nur so kann die Gesamtverteidigungsfähigkeit und ein hohes Schutzniveau gewährleistet werden. Daraus folgt, dass der Klimawandel Auswirkungen auf die Gesamtverteidigungsfähigkeit Deutschlands hat und die sicherheitspolitische Architektur in ihrer Gesamtheit verändert. Er wirkt als zusätzlicher Belastungsfaktor für den Bevölkerungsschutz, der die Grundbelastung auf staatliche und gesellschaftliche Systeme dauerhaft erhöht. Letztlich erweitert er das Gefahrenspektrum für die nationale Sicherheit Deutschlands.
Vorsorge als dauerhafte staatliche und gesellschaftliche Aufgabe
Da das gleichzeitige Zusammenwirken von Klima-, Sicherheits- und Versorgungsfragen systemische Risiken entstehen lassen, reicht es nicht, daraus resultierende Krisen schrittweise abzuarbeiten oder „nach der Krise“ zu lernen. Wir lernen in Krisen und müssen dabei handlungsfähig bleiben – trotz unvollständigen Wissens und sich überlagernden Dynamiken. Während Sicherheitsprobleme in Deutschland häufig als externe Bedrohung wahrgenommen werden, dürfen die interne Sicherheitslage, Klimaschutz und Klimaanpassung nicht nachrangig behandelt werden. Nur wer die Gleichzeitigkeit akzeptiert, kann die Resilienz der Gesellschaft realistisch stärken. Um Zivile Verteidigung und Klimaanpassung noch intensiver zusammen zu denken, müssen institutionelle Silos durchbrochen und Synergien genutzt werden. Der Klimawandel ist kein Randthema der Gesamtverteidigung, sondern ein zentraler Bedrohungsfaktor. Einen breiten inhaltlichen Ansatz verfolgt bereits die Deutsche Strategie zur Stärkung der Resilienz gegenüber Katastrophen (kurz: Resilienzstrategie) der Bundesregierung. Sie zielt insgesamt darauf ab „Menschen und ihre Existenzgrundlagen zu schützen sowie die Widertands- und Anpassungsfähigkeit des Gemeinwesens gegenüber Katastrophen zu stärken“. Dabei schließt sie die Widerstandsfähigkeit gegenüber mit den Klimawandel einhergehenden Gefahren ebenso mit ein, wie militärische und hybride Bedrohungen. Ebenso trägt die Länder- und Ressortübergreifende Krisenmanagementübung (Exercise) (LÜKEX) 2026 mit dem Szenario „Dürre und Hitzewelle – Notlage durch extreme Hitzewelle nach langjähriger Trockenperiode in Deutschland und Europa“ zur Resilienzstärkung bei, indem das gemeinsame Krisenmanagement von Bund und Ländern unter Einbeziehung der Hilfsorganisationen und KRITIS-Unternehmen, auf strategischer Ebene verbessert wird.
Maßnahmen zur Anpassung an den Klimawandel und im speziellen zur klimaresilienten Absicherung von Versorgungsystemen stärken folgerichtig zugleich die Gesamtverteidigung. Wenn die Versorgung mit Energie, Wasser, Ernährung, Transport- oder Gesundheitsdienstleistungen durch klimaangepasste Maßnahmen auch unter extremen klimatischen Bedingungen sichergestellt werden kann, sind sie auch für die Aufgaben im Rahmen der Zivilen Verteidigung verfügbar. Dabei darf man auch vor nationalen Grenzen keinen Halt machen. Der Klimawandel wirkt international. So müssen Gesamtverteidigung und Resilienz auch europäisch gedacht werden. Der Bevölkerungsschutz bietet einen wichtigen Knotenpunkt für eine europäische Kooperation unterhalb der militärischen Schwelle. Durch ein gemeinsames europäisches Agieren im Bereich der Verteidigung und im Bereich des Klimaschutzes sowie der Klimaanpassung werden nicht nur nationale, sondern auch europäische Sicherheitsarchitekturen gestärkt.
Nur wer Vorsorge als dauerhafte staatliche und gesellschaftliche Aufgaben versteht und umsetzt, kann zur Resilienzsteigerung beitragen. Dies macht Deutschland und die Zivile Verteidigung widerstandsfähiger gegenüber den neuen Herausforderungen durch den Klimawandel und multiplen Krisen.
Autor: René Kwiatkowski (M.Sc.)
Bundesamt für Bevölkerungsschutz und Katastrophenhilfe
Referat „Bevölkerungsschutz im Klimawandel, Resilienzstrategie“












