Wärmespeicher Mittelmeer: Droht Deutschland ein teurer Unwetter-Herbst?

Ein Rekordsommer heizte das Mittelmeer auf ungewöhnlich hohe Temperaturen auf – mit möglichen Folgen für den deutschen Herbst. Zwei Wirtschaftsstudien bezifferten zugleich, wie teuer eine schwere Flut für Deutschland werden könnte. Auch strukturelle Faktoren wie begradigte Flüsse verschärften das Risiko zusätzlich.

Hochwasser: Ein Mann schiebt einen Nissan Almera Tino durch eine überflutete Straße nach Starkregen, beobachtet von Passanten am Straßenrand.
Überflutete Straßen können im Herbst zunehmend ein Problem werden.
Foto: pexels/ Sveta K

Ein Rekordsommer hat das Mittelmeer auf Temperaturen aufgeheizt, die sonst erst zum Hochsommerende erreicht werden. Was das für den Herbst bedeuten könnte, zeigen aktuelle Wetteranalysen – und zwei Wirtschaftsstudien liefern zugleich Zahlen dazu, wie teuer eine schwere Flut für Deutschland werden könnte. Hinzu kommt ein strukturelles Problem, das die Gefahr zusätzlich verschärft: begradigte Flussläufe.

Das Mittelmeer als Energiespeicher

Der Sommer 2026 hat nach Angaben von daswetter.com Rekorde gebrochen. Monatelang bestimmten Blockadehochs das Wettergeschehen – großflächige Hochdrucksysteme, die weit nach Norden reichten und Regen zuverlässig fernhielten. Im Juni kletterten die Temperaturen auf bis zu 41,8 Grad, die Böden trockneten aus. Gleichzeitig verwandelte sich das Mittelmeer in einen gewaltigen Wärmespeicher: Stellenweise wurden an der Wasseroberfläche rund 30 Grad gemessen – Werte, die laut daswetter.com früher erst am Ende des Hochsommers erreicht wurden.

Diese gespeicherte Energie bleibt bestehen, bis der Herbst einsetzt. Genau dann kann sie zum Problem werden: Trifft die erste kühle Luft aus dem Norden auf das noch immer warme Wasser, entsteht ein Temperaturkontrast, der als Treibstoff für heftige Unwetter wirkt – mit möglichen Sturzfluten, Dauerregen und sintflutartigen Niederschlägen.

Auch die sogenannte Vb-Zugbahn spielt eine Rolle: Zieht ein Tief auf dieser Bahn, schaufelt es feuchtwarme Luft über die Alpen – jene Wetterlage, die in der Vergangenheit für die schwersten Hochwasser in Deutschland verantwortlich war. Ein wärmeres Mittelmeer verstärkt diesen Effekt, da mehr Feuchtigkeit auch mehr Regen bedeutet. Denkbar ist allerdings auch das Gegenteil: Drängt ein Blockadehoch alle Tiefdruckgebiete nach Süden ab, drohen Deutschland ein trockener Herbst und Südeuropa die Unwetter.

Medicane: Wenn das Mittelmeer zum Wirbelsturm-Kessel wird

Ein Begriff, der in diesem Zusammenhang häufiger fällt, ist „Medicane“ – ein Kunstwort aus „Mediterranean“ und „Hurricane“. Gemeint ist ein Wirbelsturm über dem Mittelmeer mit rotierendem Auge, Orkanböen und extremem Niederschlag. Voraussetzung dafür sind warmes Wasser als Energiequelle, kalte Luft in der Höhe und wenig Windscherung. Sind alle Faktoren erfüllt, kann ein Medicane in diesem Herbst deutlich heftiger ausfallen als sonst üblich.

Ein echter Hurrikan benötigt mindestens 26,5 Grad Wassertemperatur sowie Äquatornähe – Bedingungen, die weder Nord- noch Ostsee erfüllen, weshalb Hurrikane in Deutschland ausgeschlossen sind. Ein Medicane hingegen ist zwar auf Satellitenbildern ähnlich bedrohlich zu erkennen, aber kleiner, kurzlebiger und schwächer als ein echter Hurrikan und zerfällt meist nach wenigen Tagen. Wie gefährlich solche Systeme dennoch werden können, zeigte der Medicane „Daniel“, der im September 2023 in Libyen mindestens 11.300 Todesopfer forderte – bis heute der tödlichste Medicane der Geschichte.

Für den kommenden Herbst sieht der Deutsche Wetterdienst eine Wahrscheinlichkeit von knapp 90 Prozent für zu warme Temperaturen; als wahrscheinlichstes Niederschlagsszenario gilt mit rund 55 Prozent ein zu trockener Herbst. Laut daswetter.com steht jedoch fest: Kommt der Unwetter-Herbst, dürfte er heftiger ausfallen als gewohnt. Kommt stattdessen der Trocken-Herbst, dürfte dieser trockener werden. Das überhitzte Mittelmeer wirkt in beiden Fällen als Katalysator für Extremwetter.

Was ein schweres Hochwasser Deutschland wirtschaftlich kosten würde

Wie teuer sich ein solches Extremereignis für die deutsche Wirtschaft auswirken könnte, hat der Kreditversicherer Allianz Trade in einer aktuellen Analyse berechnet. Demnach könnte ein signifikantes Hochwasserereignis die deutsche Wirtschaftsleistung in den drei darauffolgenden Jahren kumuliert um rund 108 Milliarden Euro schmälern – ein Rückgang des Bruttoinlandsprodukts um etwa 0,7 Prozent.

Die Schadenszahlen der vergangenen Jahre unterstreichen die Dringlichkeit: Europaweit summierten sich die wirtschaftlichen Flutschäden seit dem Jahr 2000 auf 226 Milliarden Euro. Zwischen 2020 und 2025 lagen die Schäden europaweit rund 40 Prozent über denen des ersten Jahrzehnts des Jahrhunderts – in Deutschland sogar 184 Prozent darüber. Mit kumulierten Schäden von rund 69 Milliarden Euro zwischen 2000 und 2025 verzeichnet Deutschland die höchsten Hochwasserschäden aller europäischen Länder, deutlich vor Italien (37 Milliarden Euro) und Spanien (22 Milliarden Euro). Ursache sind laut Allianz Trade nicht nur Extremereignisse wie die Ahrtal-Flutkatastrophe 2021, sondern auch die hohe Konzentration wirtschaftlicher Werte in gefährdeten Regionen.

Allianz-Trade-Deutschlandchef Milo Bogaerts fasst die Entwicklung so zusammen: „Hochwasser sind extrem teuer – und sie häufen sich. Flut-Schäden in den fünf Jahren zwischen 2020 und 2025 liegen in ganz Europa rund 40 % über den Schäden (Deutschland 184 %) im gesamten ersten Jahrzehnt des Jahrhunderts (2000 bis 2009). Ein Hochwasser ist zwar zunächst ein lokaler Schock, die ökonomischen Folgewirkungen erfassen jedoch die gesamte Volkswirtschaft. Neben den direkten und sichtbaren Schäden sind es vor allem die wirtschaftlichen Reaktionen wie ausbleibende Investitionen, geringere Einkommen und schwächeres Wachstum, die die Kosten von Flutereignissen in die Höhe treiben.“

Investitionsausfälle und wachsende Staatsdefizite

Besonders deutlich zeigt sich der wirtschaftliche Effekt bei den Unternehmensinvestitionen: Eine schwere Flut im Jahr 2027 würde laut Modellrechnung bis 2030 zu einem kumulierten Rückgang der Bruttoanlageinvestitionen von 11,9 Prozent führen – ein Verlust von rund 83,6 Milliarden Euro. Damit hätte Deutschland den höchsten absoluten Investitionsausfall aller in der Studie untersuchten Länder.

Auch die öffentlichen Haushalte würden belastet: Das staatliche Defizit würde sich zwischen 2027 und 2030 kumuliert um 1,7 Prozentpunkte des BIP ausweiten, da höhere Ausgaben für Soforthilfe, Wiederaufbau und Infrastruktur auf rückläufige Steuereinnahmen träfen.

Senior-Klimaökonom Hazem Krichene von Allianz Research erläutert die Hintergründe: „Sachschäden sind nur eine Komponente bei den Kosten von Hochwassern. Das Wirtschaftswachstum leidet langfristig. Ursache für den von uns modellierten Rückgang des Bruttoinlandsprodukts (BIP) um rund 0,7 % beziehungsweise 108 Mrd. Euro sind neben den direkten Sachschäden vor allem verzögerte Investitionen, Produktionsunterbrechungen, gestörte Lieferketten und schwächere Konsumnachfrage.“

Prävention zahlt sich vierfach aus

Die Studie liefert auch eine klare wirtschaftliche Handlungsempfehlung: Jeder in Hochwasserschutz investierte Euro vermeidet Schäden in etwa vierfacher Höhe. Bleiben zusätzliche Anpassungsmaßnahmen aus, könnten sich die jährlichen Flusshochwasserschäden in der EU und im Vereinigten Königreich bis zum Jahr 2100 auf den sechsfachen Wert – nahezu 50 Milliarden Euro pro Jahr – erhöhen.

Krichene ordnet die Investitionen entsprechend ein: „Investitionen in Hochwasserschutz zahlen sich aus. Jeder investierte Euro spart Schäden in etwa vierfacher Höhe. Ohne zusätzliche Anpassungsmaßnahmen könnten die jährlichen Flusshochwasserschäden in der EU und im Vereinigten Königreich bis 2100 um den Faktor sechs auf nahezu 50 Mrd. Euro pro Jahr ansteigen. Anpassung an Hochwasserrisiken ist viel mehr als bloße Klimapolitik – sie ist vorsorgende Wirtschafts- und Fiskalpolitik. Die volkswirtschaftlichen Kosten des Nichtstuns werden deutlich höher sein als die Kosten wirksamer Präventionsmaßnahmen.“

Trotz dieser Erkenntnis kommt die Umsetzung in Deutschland nur schleppend voran. Zwar wurden nach der Ahrtal-Flut 2021 Frühwarnsysteme ausgebaut, das Klimaanpassungsgesetz verabschiedet und Hochwassergefahrenkarten überarbeitet. Beim Nationalen Hochwasserschutzprogramm jedoch, für das seit 2013 Maßnahmen im Umfang von 6 bis 7 Milliarden Euro geplant sind, ist bislang lediglich etwas mehr als 500 Millionen Euro tatsächlich abgeflossen. Als zentrale Hindernisse gelten langwierige Genehmigungsverfahren sowie die komplexe Aufgabenverteilung zwischen Bund, Ländern und Kommunen.

Indirekte Schäden werden oft unterschätzt

Wie ungenau die Schadensbemessung nach Hochwasserereignissen in Deutschland bislang ist, zeigen zwei weitere Studien der Universität Potsdam und des Deutschen GeoForschungsZentrums (GFZ). Nach Angaben des Rückversicherers Munich Re zählen Überschwemmungen neben Stürmen zu den häufigsten Elementarschadensursachen weltweit; rund ein Drittel der globalen volkswirtschaftlichen Schäden aus Naturkatastrophen geht auf Hochwasser zurück.

Bislang konzentriert sich die Schadensabschätzung überwiegend auf direkte Schäden innerhalb überfluteter Gebiete. Indirekte Schäden – etwa durch unterbrochene Lieferketten oder beeinträchtigte Infrastruktur außerhalb der eigentlichen Flutzone – finden seltener Berücksichtigung, obwohl eine umfassende Risikoabschätzung beide Effekte einbeziehen müsste. Erschwerend kommt hinzu, dass selbst direkte Schäden in Deutschland oft nur ungenau erfasst werden, da Wasserstände am Gebäude, Gebäudewert und Schadensprozesse in der Regel nicht systematisch und einheitlich dokumentiert werden.

Die Forscher der Universität Potsdam und des GFZ haben deshalb erstmals eine objektbasierte – also auf einzelne Gebäudeeinheiten bezogene – Abschätzung direkter wirtschaftlicher Hochwasserschäden auf nationaler Ebene durchgeführt und mit einer Abschätzung der indirekten Schäden verknüpft. Angewendet wurde die Methodik auf das Hochwasserereignis von 2013, wobei OpenStreetMap-Daten halfen, betroffene Unternehmen deutschlandweit zu identifizieren.

Indirekte Schäden fast so hoch wie direkte

Die Ergebnisse fallen deutlich aus: Für die Flutkatastrophe 2013 ergibt sich im Modell mit 90-prozentiger Wahrscheinlichkeit ein direkter Schaden zwischen 1,5 und 2,1 Milliarden Euro. Die indirekten Auswirkungen lagen mit 1,1 bis 1,6 Milliarden Euro nur wenig darunter. Für Deutschland bedeutet das: Indirekte Auswirkungen können fast genauso hoch ausfallen wie direkte – ein Befund, der bereits vorliegende globale Studienergebnisse bestätigt.

Zwischen den Wirtschaftssektoren zeigen sich dabei Unterschiede: Der Dienstleistungssektor ist verhältnismäßig weniger von indirekten Auswirkungen betroffen als die verarbeitende Industrie, die aufgrund ihrer starken Abhängigkeit von funktionierender Infrastruktur empfindlicher reagiert. Über alle untersuchten Sektoren hinweg sind direkte und indirekte Auswirkungen kurz nach einem Hochwasserereignis jedoch nahezu gleich groß – eine Erkenntnis, die sich etwa im Krisenmanagement während oder unmittelbar nach einem Hochwasser nutzen lässt.

Begradigte Flüsse als struktureller Risikofaktor

Neben Klima und Wirtschaftsstruktur trägt auch die Gestaltung der Flusslandschaften selbst zum steigenden Hochwasserrisiko bei. Im Zuge der Industrialisierung wurden zahlreiche deutsche Flüsse begradigt, um sie besser für die Schifffahrt nutzbar zu machen – die Ufer wurden vielerorts begradigt und einbetoniert. Durch diese Einengung fließt das Wasser, ähnlich wie in einem Kanal, deutlich schneller flussabwärts.

Der Nachteil dieser Eingriffe zeigt sich besonders bei Hochwasser: Da die Flüsse keine natürlichen Ausweichflächen mehr haben, können die Wassermassen nicht mehr zur Seite abfließen. Die Folge ist ein erhöhtes Überschwemmungsrisiko – ein Effekt, der die ohnehin wachsenden Gefahren durch ein wärmeres Klima und ein aufgeheiztes Mittelmeer zusätzlich verstärkt.

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ExtremwetterFlussbegradigungHochwasserHochwasserschutzKlimawandelMittelmeerWirtschaftsschäden