Wie lassen sich Menschenleben retten, wenn die medizinischen Möglichkeiten begrenzt sind? Bei der 17. Sommerakademie „Katastrophenmedizin und Humanitäre Hilfe“ in Ulm trainierten 80 Teilnehmende den Ernstfall. Auf dem Programm standen Fachvorträge, praktische Übungen und realitätsnahe Einsatzszenarien.

Menschenleben retten unter schwierigsten Bedingungen
Sie ist eine Fachdisziplin, die sich mit der Versorgung von Menschen in sogenannten Großschadenslagen beschäftigt: die Katastrophenmedizin. Ihre weltweit große Bedeutung stand nun bei der 17. Sommerakademie „Katastrophenmedizin und Humanitäre Hilfe“ in Ulm im Fokus. Insgesamt 80 Teilnehmende lernten vom 21. bis 25. September in zahlreichen Fachvorträgen und praktischen Übungen, wie man Menschenleben unter erschwerten Bedingungen retten kann.
Es ist dunkel, verraucht und sehr laut. Überall ist Blut. Die kreischenden Schreie „Bitte helft mir“ gehen durch Mark und Bein. Jetzt heißt es für die Ärzte und Notfallsanitäter: Ruhe bewahren und ein Unfallopfer nach dem anderen begutachten und beurteilen. Die schlechte Nachricht: Das ist nicht einfach, denn den Ersthelfern stehen pro Verunglücktem gerade einmal 20 Sekunden zur Verfügung, um den Grad der Verletzungen mit Triage-Karten für nachfolgende Rettungsteams zu kategorisieren. Rot steht für Schwerverletzte, die schnellstmöglich versorgt werden müssen, gefolgt von Gelb. Grün wird gehfähigen Opfern zugeteilt. Blau bedeutet Palliativbehandlung, Schwarz steht für bereits Gestorbene.
Die gute Nachricht: Das Zugunglück in einem Tunnel war eine sehr realistisch dargestellte Übung, die in der Turnhalle des Ulmer Schubart-Gymnasiums stattfand. 56 Medizinstudierende ab dem fünften Fachsemester aus Deutschland, der Schweiz und Österreich, zwölf Ärzte und zwölf Mitarbeitende von Rettungsdiensten nahmen an der Veranstaltung teil. Sie wurde von der Tübinger Stiftung des Deutschen Instituts für Katastrophenmedizin in Zusammenarbeit mit der Universität Ulm durchgeführt, bereits zum 13. Mal in der Donaustadt.
Erfahrene Referenten mit zahlreichen Auslandseinsätzen
Zweck der seit 2010 bestehenden Sommerakademie ist es, Studierende und medizinisches Fachpersonal noch besser auf Krisen- und Katastrophenfälle vorzubereiten. Nur so kann eine möglichst schnelle und suffiziente Erstversorgung der betroffenen Bevölkerung sichergestellt werden. „Die Idee ist, die nationalen Besonderheiten, spezielle medizinische Maßnahmen und die Herausforderungen von internationalen Einsätzen in einer kompakten Fortbildungswoche zu schulen“, so Dr. Stefan Gromer, Gründer und Geschäftsführer der Stiftung und des Instituts für Katastrophenmedizin. Die Themen umfassten die Versorgung unter katastrophenmedizinischen Bedingungen, Rechtsgrundlagen, Leitlinien, Ethik, psychische Erste Hilfe sowie Führungslehre und Krankenhausalarmplanung. Vermittelt wurden sie von Referenten mit langjähriger Erfahrung im Ausland und in der Entwicklungsarbeit.
Neben der Sichtungsübung mit 14 Schülerinnen und Schülern des Schubart-Gymnasiums und einem praktischen Parcours für technische Hilfeleistungen beim Technischen Hilfswerk (THW) Ulm wurden die Teilnehmenden im Trainingshospital „To train U“ (TTU) der Universität Ulm geschult, unter anderem im Atemwegsmanagement und im Umgang mit Tourniquet, Beckenschlingen und Thoraxdrainagen.
Gesundheitliche Lage-Analyse im Vorfeld wichtig
Im zweiten Teil der Sommerakademie wurden die unterschiedlichen Konzepte der Humanitären Hilfe erläutert, die über maximal drei Monate geleistet wird. „Sie beinhaltet vor allem direkte lebensrettende Maßnahmen nach einer wie auch immer gearteten Naturkatastrophe, die der betroffenen Bevölkerung die Überlebensgrundlage gänzlich oder teilweise geraubt hat“, erklärte Dr. med. Johannes Schad, Ärztlicher Leiter der Stiftung des Deutschen Instituts für Katastrophenmedizin. Neben medizinischen Maßnahmen wie mobilen Kliniken oder Feldhospitälern gehören laut Schad weitere Bereiche dazu: die Errichtung provisorischer Unterkünfte oder, noch wichtiger, die Bereitstellung von Trinkwasser und mobilen Toiletten.
„Sehr wichtig ist auch, dass immer zunächst eine orientierende gesundheitliche Lage-Analyse und eine fachkundliche Beurteilung einem möglichen Einsatz vorgeschaltet wird. Nur so kann auch situationsangemessen abgeschätzt werden, das richtige Tool in den Einsatz zu entsenden“, betonte der Allgemeinchirurg und Notarzt. Auf dem Vortragsprogramm der „Humanitären Hilfe“ standen außerdem Katastrophenpharmazie, Pflege im Katastrophen- und Konfliktkontext, Sicherheitsaspekte sowie die zivil-militärische Zusammenarbeit.
Praxis und Theorie im TTU
Dr. Stefan Gromer freute sich am Ende der Veranstaltung über das positive Feedback der erneut hoch motivierten und wissensdurstigen Teilnehmenden: „So fällt es leicht, in die Planungen zur nächsten Sommerakademie zu gehen. Eine absolute Besonderheit war der diesjährige Veranstaltungsort.“ Das moderne Ausbildungs- und Trainingshospital der Universität Ulm sei von Teilnehmenden, Referenten und Organisationsteam mit Begeisterung angenommen worden. „Für die diesjährige Sommerakademie bestanden dadurch optimale Möglichkeiten, Theorie und Praxis zu schulen“, so Gromer.
Studentische Ausbildung als Grundlage
Inhaltlich orientiert sich die Weiterbildungswoche am „Konzept zur katastrophenmedizinischen Ausbildung im studentischen Unterricht an deutschen Hochschulen“. Es wurde federführend von den Katastrophenmedizinern Professor Bernd Domres (Universität Tübingen) und Professor Ernst Pfenninger (Universität Ulm) erstellt. Zielgruppe der Akademie sind vor allem Medizinstudierende ab dem fünften Fachsemester.
Der CPM Verlag stellte bei der Sommerakademie eine Leseecke zur Verfügung, in der unter anderem die Magazine Crisis Prevention und Wehrmedizin auslagen. Die Teilnehmenden konnten die Gelegenheit nutzen, in den Heften zu stöbern und sich fachlich auszutauschen.
Das Datum für die 18. Sommerakademie steht zudem bereits fest: Angemeldet werden kann sich ab jetzt für den 20.- 24. September 2027 ebenfalls wieder in Ulm.

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