Telemedizin in der Grossschadenslage – Expertise aus der Ferne

Eine Einsatzkraft führt pflegerische Maßnahmen unter Teleanleitung durch.
Foto: Symbolbild KI-generiert

Großschadenslagen und auch Katastrophen stellen das medizinische Versorgungssystem regelmäßig vor außergewöhnliche Herausforderungen. Dabei gibt es verschiedene Möglichkeiten, wie das Ereignis das Gesundheitssystem belasten kann. Vor allem in der akuten Phase und bei Ereignissen, die mit einer Zerstörung relevanter Infrastruktur einhergehen, ist eine Vielzahl von Verletzten oder Erkrankten zu rechnen, die sanitätsdienstlich durch den Bevölkerungsschutz versorgt werden müssen. Zeitgleich können durch das Ereignis medizinischen Einrichtungen zerstört werden und sind nicht mehr nutzbar, sodass auch nach der akuten Phase die Grundversorgung der Betroffenen beeinträchtigt ist.

Neben Personen, deren Verletzung oder Erkrankung im Zusammenhang mit dem Ereignis stehen, sind auch vulnerable Gruppen wie Pflegebedürftige besonders mitbetroffen. Sie bedürfen einer qualifizierten Betreuung auch außerhalb ihrer Wohnumgebung. Dabei ist in aktuellen Konzepten noch nicht sichergestellt, wie eine pflegerische Versorgung gewährleistet werden kann. Spezifische Qualifikationen fehlen im Bevölkerungsschutz. Auch die erforderliche Infrastruktur kann direkten Einfluss auf den Versorgungsumfang bspw. nach einem Stromausfall haben.

Allen Ereignissen ist gleich, dass eine adhoc-Lage eintritt, in der eine Vielzahl von qualifizierten Einsatzkräften benötigt werden. Dies charakterisiert die Katastrophe, in der es an personellen oder materiellen Ressourcen mangelt. Sowohl bei Katastrophen als auch bei Großschadenslagen greifen die Behörde dabei auf den Bevölkerungsschutz zu, dessen Personal überwiegend ehrenamtlich geprägt ist. Die medizinische Qualifikation ist dabei sehr heterogen, es mangelt an Routine. Die deutschlandweite Umfrage „Wer kommt, wenn es knallt? Verfügbarkeit von Einsatzkräften im Bevölkerungsschutz“ zeigt, dass diese personellen Ressourcen jedoch nur mit einer deutlich geringeren Anzahl zur Verfügung stehen, als die Statistiken des Deutschen Bundes dies annehmen – demnach sind nur rund 44 Prozent der 1,7 Mio. tatsächlich einsetzbar.

Vor allem hochqualifizierte Einsatzkräfte wie Ärztinnen und Ärzte, aber auch Notfallsanitäterinnen und Notfallsanitäter werden in solchen Einsatzlagen fehlen. Pflegefachpersonen sind im Bevölkerungsschutz bislang strukturell nicht vorgesehen und engagieren sich daher meist nur auf Grundlage individuellen Interesses. Wo dies geschieht, kann der Bevölkerungsschutz jedoch in besonderem Maße von ihrer fachlichen Kompetenz und Erfahrung profitieren. Eine Grundausbildung für Pflegemaßnahmen fehlt in vielen Hilfsorganisationen und Bundesländern für die Einsatzkräfte des Bevölkerungsschutzes bisher gänzlich.

Nicht nur in der Katastrophenmedizin, sondern auch bei der Wiederherstellung der medizinischen Grundversorgung und der Betreuung Pflegebedürftiger gewinnt Telemedizin zunehmend an Bedeutung. Dabei kann sie je nach Anwendung von unterschiedlichen Akteuren genutzt werden: durch Einsatzkräfte zur fachlichen Unterstützung vor Ort, durch Patientinnen und Patienten zur eigenständigen Inanspruchnahme medizinischer Beratung sowie im Sinne der Telepflege sowohl durch professionelles Personal als auch durch unterstützende Laien.

Telemedizin bietet die Möglichkeit, ärztliche und pflegerische Expertise ortsunabhängig in das Schadensgebiet zu bringen und vorhandene personelle Ressourcen gezielt zu ergänzen. Vor allem die damit einhergehende Rechtssicherheit bei der Umsetzung der Maßnahme ist ein großer Mehrwert. Daraus lassen sich drei Konzepte für die Telemedizin und Telepflege bei Großschadenslagen und während der Katastrophe ableiten.

Forschungsprojekt TeleSAN – Telemedizin in der Behandlungsstelle

Telemedizinische Konzepte, wie das des TeleSAN (Forschungsprojekt, gefördert vom Bundesamt für Bevölkerungsschutz und Katastrophenhilfe) ermöglichen die Übertragung von Sprache, Video und Vitaldaten in Echtzeit. Ärztinnen und Ärzte können so Einsatzkräfte vor Ort anleiten, Behandlungsentscheidungen unterstützen und Maßnahmen rechtssicher delegieren. Ziel des Projekts TeleSAN war es, die Machbarkeit telemedizinischer Unterstützung in der Katastrophenmedizin systematisch zu untersuchen.

Der Ansatz orientierte sich am etablierten Konzept des Telenotarztes aus dem Regelrettungsdienst, überträgt dieses jedoch konsequent auf die Strukturen des Zivil- und Katastrophenschutzes. Im Fokus steht die Behandlungsstelle eines Behandlungsplatzes, in der mehrere Verletzte unterschiedlicher Schweregrade über einen unterschiedlichen Zeitraum bis zum Transport versorgt werden. Fällt die vorgesehene ärztliche Besetzung aus, kann eine speziell ausgerüstete Rettungssanitäterin oder ein Rettungssanitäter – der sogenannte „TeleSAN“ – die medizinische Versorgung unter telemedizinischer Anleitung übernehmen.

Über Tablet oder Smartphone, ergänzt durch Kamera, Headset und vernetzte Medizintechnik, werden Vitalparameter wie Blutdruck, Sauerstoffsättigung oder EKG in Echtzeit übertragen. Ärztliche Expertinnen und Experten können so bei der Anamnese unterstützen, Behandlungsentscheidungen treffen und Maßnahmen delegieren. Dabei dürfen sie auch Maßnahmen delegieren, wie die Gabe von Medikamenten, die aufgrund des Arztvorbehaltes anderenfalls für Rettungssanitäterinnen und Rettungssanitäter nicht erlaubt wären.

Studien innerhalb des Projekts zeigten, dass viele medizinische Maßnahmen, insbesondere die Medikamentengabe oder diagnostische Entscheidungen, telemedizinisch sicher angeleitet werden können. Gleichzeitig wurden technische und organisatorische Grenzen identifiziert, etwa bei sehr komplexen invasiven Maßnahmen. Insgesamt deuten die Ergebnisse jedoch darauf hin, dass TeleSAN einen relevanten Beitrag zur Stabilisierung der medizinischen Versorgung in Großschadenslagen und Katastrophen leisten kann und vor allem fehlende Ressourcen kompensiert.

Der TeleSAN im Einsatz bei der Versorgung eines Patienten mit einem Fremdkörper im Rücken
Foto: Bundesamt für Bevölkerungsschutz und Katastrophenhilfe

Forschungsprojekt Kabine – Telemedizin für die medizinische Grundversorgung

Während TeleSAN primär auf die Akutversorgung in der Großschadenslage abzielt, adressiert das Projekt Kabine (gefördert vom Bundesministerium für Forschung, Technologie und Raumfahrt) eine weitere, häufig unterschätzte Herausforderung: die Aufrechterhaltung der medizinischen Grundversorgung nach einer Katastrophe. Zerstörte Arztpraxen, unterbrochene Verkehrswege und fehlende Medikamente führen dazu, dass auch alltägliche Erkrankungen und chronische Leiden unabhängig von der Akutphase nicht mehr adäquat behandelt werden können.

Das Projekt Kabine setzt auf mobile Telemedizinkabinen, die auf umgebauten Toilettenkabinen basieren (s. Abbildung 2). Sie sind autark gestaltet und können flexibel im Schadensgebiet aufgestellt werden. In der KABINE erhalten Betroffene die Möglichkeit einer hausärztlichen Videosprechstunde. Ausgestattet mit Medizingeräten wie einem Blutdruckmessgerät, einem Pulsoximeter, einem digitalen Stethoskop, einem 1-Kanal-EKG und einer Untersuchungskamera können auch erweiterte medizinische Untersuchungen durchgeführt werden – angeleitet durch ärztliches Personal aus der Ferne.

Durch Solarpanele und autarke Satellitenkommunikation sind die Kabinen zeitweise unabhängig von lokaler Infrastruktur einsetzbar. Das Ziel ist, dass sie 48 Stunden nach einem Ereignis aufgestellt werden und Betroffenen eine medizinische Anlaufstelle bieten. Konzeptionell könnten sie damit die Katastrophenschutz-Leuchttürme ergänzen, die in vielen Regionen bereits etabliert sind. So könnte auch Personal des Bevölkerungsschutzes unterstützen und eine ausreichende Hygiene gewährleisten.

Jedoch nicht für alle Behandlungen eignet sich die KABINE – sobald Untersuchungen notwendig sind, die händischen Tätigkeiten wie Abtasten einhergehen, stößt die KABINE an ihre Grenzen. Nach bisheriger Erkenntnis ist jedoch davon auszugehen, dass mindestens die Hälfte der medizinischen Versorgung nach einer Großschadenslage oder einer Katastrophe statt in einer Hausarztpraxis in einer KABINE versorgt werden könnte.

Erste Erprobungen zeigen eine hohe Akzeptanz in der Bevölkerung und bei Einsatzkräften sowie eine gute Nutzbarkeit auch durch medizinische Laien. Damit schließt das Konzept eine Versorgungslücke zwischen Akutmedizin und langfristiger Wiederherstellung regulärer Versorgungsstrukturen.

Das Innere der KABINE wird zum Patientenraum für die Videosprechstunde. Links und rechts sind die Medizingeräte angebracht, sowie ein Bildschirm, der mittels Schwenkarms vor der Patientin/ dem Patienten positioniert wird.

Forschungsprojekt Telepik – Telemedizin in der präklinischen Katastrophenversorgung

Der Bereich der pflegerischen Versorgung in Katastrophenlagen („Disaster Nursing“) ist bislang nur in begrenztem Umfang wissenschaftlich und konzeptionell berücksichtigt worden. Der „Betreuungsplatz Pflege“ ist deutschlandweit das erste Konzept, das auch die Bedürfnisse von Pflegebedürftigen in Betreuungsstellen adressiert. Aber auch hier ist von einem personellen Mangel qualifizierter Einsatzkräfte auszugehen, dem durch telemedizinische Konzepte – hier im Sinne der Telepflege – zumindest teilweise begegnet werden soll.

Telepik (ebenfalls gefördert vom Bundesministerium für Forschung, Technologie und Raumfahrt) zielt darauf ab, Einsatzkräfte des Bevölkerungsschutzes und sonstige pflegerische Laien durch Teleanleitung zu unterstützen. Ziel ist es, die Zahl der Personen zu erhöhen, die in einer Betreuungsstelle an der Versorgung Pflegebedürftiger mitwirken können, indem sie bei Bedarf telepflegerisch angeleitet werden. Dabei kann es erforderlich sein, Maßnahmen zu priorisieren und auf nicht zwingend notwendige Leistungen zu verzichten, während ein definierter Mindestumfang an kontinuierlich erforderlichen pflegerischen Maßnahmen verlässlich sichergestellt werden muss.

Mittels Telepflege können grundlegende pflegerische Maßnahmen fachlich angeleitet und unterstützt werden. Darüber hinaus kann das System bei einer Zustandsverschlechterung auch telemedizinisch genutzt werden, um eine ärztliche Einschätzung und gegebenenfalls weiterführende Versorgung zu ermöglichen. Ein wichtiger Bestandteil ist dabei auch eine umfassende Dokumentation der durchgeführten Maßnahmen, die auch für die Versorgung nach der Großschadenslage oder der Katastrophe relevant ist. Das Ziel von Telepik ist es, Pflegebedürftigen in der Großschadenslage oder Katastrophe eine Versorgung anzubieten, die über einen Mindeststandard hinausgeht und insbesondere Zustandsverschlechterungen durch falsche oder fehlende Pflegemaßnahmen verhindert.

Das Projekt befindet sich noch ganz am Anfang, verdeutlicht jedoch das breite Spektrum telemedizinischer Anwendungen in der Katastrophenmedizin.

Perspektiven für den Bevölkerungsschutz

Diese dargestellten Forschungsprojekte zeigen exemplarisch, welches Potenzial Telemedizin für den Bevölkerungsschutz bietet. Sie ersetzt keine Einsatzkräfte vor Ort, erweitert jedoch deren Handlungsmöglichkeiten und schafft Zugang zu ärztlicher und pflegerischer Expertise, unabhängig von Zeit und Ort. Gleichzeitig machen die Projekte deutlich, dass technische Robustheit, einfache Bedienbarkeit und klare rechtliche Rahmenbedingungen entscheidend für eine erfolgreiche Implementierung sind.

Gleichzeitig ist derzeit noch unklar, in welchem Umfang und in welchem zeitlichen Horizont sich die Ergebnisse dieser Forschungsprojekte tatsächlich in realen Einsatzlagen des Bevölkerungsschutzes implementieren lassen. Die Übertragbarkeit aus Studien- und Pilotsettings in komplexe, dynamische Schadenslagen ist bislang nur unzureichend belegt. Zu den zentralen Herausforderungen zählen neben der technischen Interoperabilität und Ausfallsicherheit insbesondere Fragen der Integration in bestehende Einsatzstrukturen, der Qualifikation und Akzeptanz der Anwenderinnen und Anwender, der Datensicherheit sowie der haftungs- und berufsrechtlichen Rahmenbedingungen.

Hinzu kommen Limitationen hinsichtlich der Infrastruktur, etwa bei eingeschränkter Netzverfügbarkeit trotz bereits existenter Redundanzen, sowie organisatorische Aspekte wie Schulungsaufwand, Wartung und logistische Einbindung in Einsatzkonzepte. Auch ist zu berücksichtigen, dass telemedizinische und telepflegerische Verfahren eine Vor-Ort-Versorgung nicht ersetzen, sondern lediglich ergänzen können und daher weiterhin ausreichend qualifiziertes Personal erforderlich bleibt. Es müssen gezielte Schulungsmaßnahmen erfolgen, die technische Potentiale einschließen.

Perspektivisch erscheint eine schrittweise Implementierung im Sinne von abgestuften Einsatzkonzepten sinnvoll, begleitet durch weitere anwendungsnahe Forschung, Evaluation in realitätsnahen Übungen und die Entwicklung verbindlicher Standards. Erst durch eine systematische Einbettung in Strukturen des Bevölkerungsschutzes, klare rechtliche Regelungen und belastbare Evidenz zur Wirksamkeit und Praktikabilität wird sich zeigen, ob und in welchem Umfang Telemedizin und Telepflege künftig regelhaft in Einsätzen nutzbar sein werden.

Für die Zukunft der Katastrophenbewältigung werden Telemedizin und Telepflege eine zunehmend wichtige Rolle spielen – insbesondere vor dem Hintergrund demografischer Entwicklungen, zunehmender Extremwetterereignisse und begrenzter personeller Ressourcen. Die Integration telemedizinischer Konzepte in bestehende Strukturen des Zivil- und Katastrophenschutzes ist daher ein konsequenter Schritt, um die medizinische Versorgung in Großschadenslagen resilienter und leistungsfähiger zu gestalten.

Autoren:

Dr. Anna Müller, Uniklinik RWTH Aachen

PD Dr. Andreas Follmann Deutsche Gesellschaft für Katastrophenmedizin (DGKM) e.V., Uniklinik RWTH Aachen

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