B4: Höhepunkt und Abschluss der Übung
Der dritte Übungstag war nach Angaben der Übungssteuerung von einer Besonderheit geprägt: Real liefen keine Einspieler und keine aktiven Krisenstäbe mehr, simuliert wurde der Morgen des 10. August. Um 10 Uhr begann die B4-Besprechung, die Dr. Nico Janicke, Referatsleiter „Strategische Krisenmanagementübungen zwischen Bund und Ländern“ im Bundesamt für Bevölkerungsschutz und Katastrophenhilfe (BBK), als Abschluss der Übung einordnete. Von den rund 3.200 vorbereiteten Einspielungen seien knapp 2.800 gespielt worden, einige seien verworfen worden, andere neu hinzugekommen.
Juliane Itta und Dominik Breuer vom BBK erklärten, was hinter der Bezeichnung steckt: B4 war zunächst ein interner Begriff der Übungsvorbereitung für durchnummerierte Besprechungsformate. B1 findet innerhalb einer Organisation statt, B2 innerhalb eines Landeskrisenstabs oder Geschäftsbereichs, B3 als Bund-Länder-Austausch innerhalb eines Ressorts. Die B4 sei als einziges Format ressort-, bund- und länderübergreifend.
Hohe Leitungsebene berät über Lage, Kommunikation und Wasser
An der B4 nahmen Staatssekretärinnen und Staatssekretäre, Präsidentinnen und Präsidenten der beteiligten Behörden sowie Vertretungen der Landeskrisenstäbe teil. Die Besprechung lief hybrid: Der Raum im Bundesinnenministerium (BMI) war gut gefüllt, Landesvertretungen etwa aus Bayern und Niedersachsen waren digital zugeschaltet. Im Übungsszenario hatte laut den BBK-Vertretern eine fiktive Innenministerkonferenz das BMI gebeten, die Besprechung auszurichten. Beraten wurde über ein gemeinsames Lageverständnis, die Krisenkommunikation, den Umgang mit dem fehlenden Wasser und den gesundheitlichen Bevölkerungsschutz. Dass die zentralen Akteure des deutschen Krisenmanagements zusammenkamen und die Besprechung wie geplant verlief, wertete das BBK schon als Erfolg. Beobachter der Übungssteuerungen dokumentierten den Verlauf für die Auswertung.
Podium: Warum übergreifende Übungen wichtig sind
Beim Podiumsgespräch über die Bedeutung übergreifender Übungen diskutierten Dr. Ramian Alten, Experte für Krisenmanagement und Lehrbeauftragter, Prof. Dr. Martina Comes, Direktorin des DLR-Instituts für den Schutz terrestrischer Infrastrukturen, Daniel Jarzynka, Leiter der Abteilung N – Zivile Notfallplanung im BBK, und Elmar Rizzoli, Leiter des Tiroler Zentrums für Krisen- und Katastrophenmanagement, der zugeschaltet war.
Rizzoli verwies darauf, dass allein 40 dezentrale Übungssteuerungen und die zentrale Steuerung zeigten, wie viele Schnittstellen es zwischen Behörden und Akteuren gebe. Diese ließen sich zwar in Plänen beschreiben, dahinter stünden aber Menschen, deshalb müsse man sie üben. Jarzynka bezeichnete den Föderalismus als Stärke, wenn es gelinge, die Schnittstellen zu synchronisieren, und sprach von einer „orchestrierten Stärke“. Neu an der LÜKEX 26 sei, dass kein einzelnes Ministerium führe, weil Verkehr, Wasser, Gesundheit und Landwirtschaft gleichzeitig betroffen seien. Nach Angaben des Robert Koch-Instituts (RKI) habe es in diesem Sommer 16.000 Hitzetote gegeben, sagte er.
Alten betonte, dass in den Stäben Menschen unter Zeitdruck und Unsicherheit entschieden, die im Szenario selbst betroffen seien. Er forderte, Unterbesetzung einzuplanen, etwa durch Doppelverplanung, Urlaub oder Krankheit, und plädierte für eine gesunde Fehlerkultur: Eine Übung sei ein geschützter Raum, in dem nicht alles perfekt laufen müsse.
Hitze trifft Menschen unterschiedlich
Comes schilderte eine Studie zu Rettungseinsätzen bei Hitze in Amsterdam, Rotterdam und Den Haag. In Amsterdam hätten sich die Einsätze auf Viertel mit vielen älteren Menschen konzentriert. In Rotterdam und Den Haag hätten sie sich in die Nacht verschoben, vor allem in Gegenden mit jungen Familien mit niedrigem Einkommen. Verwundbarkeit sei also lokal verschieden, deshalb brauche es lokales Wissen und dezentrale Systeme. Als mögliche Verschärfung nannte sie kombinierte Lagen, etwa Hitze zusammen mit Energieproblemen, und verwies auf den Berliner Stromausfall im Januar 2026.
Bayern zieht positive erste Bilanz
Auch in Bayern wurde die Zusammenarbeit der Behörden während der LÜKEX 26 auf die Probe gestellt. Rund 400 Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter aus den beteiligten Organisationen nahmen dort an der Planübung teil. Bayerns Innenminister Joachim Herrmann zog am 6. November eine erste positive Bilanz: „In den letzten Tagen konnten wir die gesamtstaatliche Zusammenarbeit in komplexen Krisenlagen intensiv trainieren. Die LÜKEX hat gezeigt, dass unsere bayerischen Behörden insgesamt gut für den Ernstfall gerüstet sind und wenn es darauf ankommt, schnell und adäquat reagieren können.“
Im bayerischen Übungsteil wurde ebenfalls das Szenario einer extremen Hitzewelle mit Temperaturen von bis zu 45 Grad Celsius nach einer anhaltenden mehrjährigen Dürreperiode durchgespielt. Die simulierte Lage umfasste einen Zeitraum von rund drei Wochen. Waldbrände, Verkehrsunfälle und Hitzeschäden sowie zahlreiche Menschen mit Herz-Kreislauf-Erkrankungen stellten die beteiligten Kräfte vor Herausforderungen. Hinzu kam ein bayernweiter extremer Wassermangel. Auch Falschinformationen und die daraus resultierende Verunsicherung in der Bevölkerung spielten eine Rolle. Gefragt waren deshalb neben der operativen Bewältigung der Lage auch eine verlässliche und schnelle Krisenkommunikation.
Beteiligt waren unter anderem das Bayerische Innenministerium mit dem Landesamt für Bevölkerungsschutz, weitere Staatsministerien, fünf Bezirksregierungen, die Polizei, der Landesfeuerwehrverband Bayern, das Technische Hilfswerk, das Bayerische Rote Kreuz, die Johanniter und das Landeskommando Bayern der Bundeswehr.
Herrmann hob insbesondere die Zusammenarbeit innerhalb Bayerns sowie mit anderen Ländern und der Bundesebene hervor. „Regelmäßige organisationsübergreifende Übungen wie die LÜKEX sind für den Bevölkerungsschutz unerlässlich. So können wir unterschiedliche Einsatzlagen erproben und die Zusammenarbeit auf allen Ebenen weiter ausbauen. Gleichzeitig fallen bei solchen Übungen auch mögliche Schwachstellen frühzeitig auf, an denen es noch zu feilen gilt und aus denen wir dann Erkenntnisse für die Zukunft ziehen können“, so der Innenminister. Die Ergebnisse sollen nun gemeinsam mit dem Bund ausgewertet und Möglichkeiten zur weiteren Optimierung geprüft werden.
Auswertungsbericht im Sommer 2027
Eine Bilanz sei noch nicht möglich, sagte Janicke. Die Auswertung beginne jetzt, die bisher vorliegenden Erkenntnisse aus der Vorbereitungsphase seien nur vorläufig. An der Übung beteiligten sich 93 Organisationen, entsprechend viele Blickwinkel müssten zusammengeführt werden. Jede Organisation werte zunächst für sich aus, dann folge die Konsolidierung im Geschäftsbereich und übergreifend. Neu sei eine IT-gestützte Zusammenfassung. Der abgestimmte Auswertungsbericht soll im Sommer 2027 vorliegen. Als erste Themenfelder nannte Janicke die Priorisierung knapper Ressourcen, etwa Löschhubschrauber bei vielen großflächigen Waldbränden, und das Thema Wasser mit seinen unterschiedlichen Zuständigkeiten.
Ausblick: LÜKEX 28 zur zivilen Verteidigung
Die nächste LÜKEX wird im Jahr 2028 stattfinden und das Thema zivile Verteidigung behandeln. Das Szenario wird erst im Planungsprozess entwickelt. Janicke dankte allen Übenden und Steuernden, die sich dafür aus dem Tagesgeschäft gelöst hätten. Wer erst in der Lage übe, übe zu spät. Rizzoli wünschte sich zum Abschluss, das Krisenmanagement konsequent und gemeinschaftlich weiterzuentwickeln „und es so wenig wie möglich zu benötigen“.
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