Bei der Übung RedStorm Charlie testet die Bundeswehr gemeinsam mit Edeka die Versorgungssicherheit in Hamburg. Das Handelsunternehmen bringt dafür einen Notfall-Rucksack in den Verkauf. Der ASB erklärt zudem, worauf es bei der privaten Krisenvorsorge ankommt.

RedStorm Charlie: Wie Edeka die Bundeswehr bei der Versorgungssicherheit unterstützt
Im Rahmen der Übung RedStorm Charlie hat Edeka die Bundeswehr beim Thema Versorgungssicherheit unterstützt. Bei einem Pressetermin im Edeka Fruchtkontor Nord im Hamburger Hafen gaben Vertreter von Edeka, des Arbeiter-Samariter-Bundes (ASB) und der Bundeswehr Einblick in die Übung sowie in praktische Vorsorgeempfehlungen für Privathaushalte.
Rolf Lange, Leitung Unternehmenskommunikation/Public Affairs bei Edeka, begrüßte die Gäste und stellte kurz den Veranstaltungsort vor: das Fruchtkontor Nord, über das Edeka importiertes Obst und Gemüse direkt über den Hafen anliefert und jährlich rund drei Millionen Kartons Bananen reift.

Edeka als Partner der Bundeswehr
Gernot Kasel, Leiter Mitarbeiter- und Medienkommunikation bei Edeka, erläuterte, wie es zu dem Engagement bei RedStorm Charlie kam: Das Landeskommando Hamburg der Bundeswehr sei vor einigen Monaten mit der Bitte um Unterstützung an das Unternehmen herangetreten – und für Edeka sei sofort klar gewesen, dass man mitmacht. Als Handelsunternehmen bei einer Bundeswehrübung dabei zu sein, mag zunächst ungewöhnlich wirken, so Kasel, doch die Begründung liege auf der Hand: Edeka sei Teil der kritischen Infrastruktur und müsse die Versorgung der Bevölkerung auch in Krisenzeiten sicherstellen. In der Nacht vor dem Pressetermin war bereits ein Edeka-Lkw bei der Übung mitgefahren; zudem beteiligt sich das Unternehmen an „Redstone Business“ der Handelskammer Hamburg, um die eigene Logistik im Ernstfall zu testen – denn eine funktionierende Logistik sei gerade in einer Krise entscheidend.

Der Notfall-Rucksack: Vorsorge zum Vorzugspreis
Aus den Gesprächen mit der Bundeswehr sei die Idee zu einem Notfall-Rucksack mit zehn praktischen Tools entstanden, den Edeka in vergleichsweise kurzer Zeit entwickelt und produziert habe. Ziel sei es gewesen, das Bewusstsein für private Krisenvorsorge in der Hamburger Bevölkerung zu stärken. In dieser Woche wird der Rucksack exklusiv bei Edeka- und Netto-Marken-Discount-Filialen in Hamburg zum Vorzugspreis von 77 Euro angeboten und ist laut Kasel „super angelaufen“. Neben positiver Resonanz habe es auch kritische Stimmen in den Märkten und in sozialen Medien gegeben – was Kasel ausdrücklich begrüßte, da genau diese Auseinandersetzung mit dem Thema Sinn und Zweck der Aktion sei. Übrig gebliebene, bereits gepackte Tüten mit Dosenbrot, Wasser und Obst gehen nach Angaben von Edeka an die Tafel.
Die Aktion läuft bis Samstag; danach bleibt der Rucksack über die Online-Kanäle netto-online.de und marktkauf.de – beides Vertriebsformen von Edeka, das über keinen eigenen Onlineshop verfügt – deutschlandweit erhältlich, solange der Vorrat reicht. Stationär ist er vorerst ausschließlich in Hamburg im Handel.
Auf die Frage, ob eine bundesweite Ausweitung geplant sei, sagte Kasel, mehrere Edeka-Regionen und -Kaufleute hätten bereits Interesse signalisiert und um Berichte über die Aktion gebeten. Man stehe zudem im Austausch mit der Bundeswehr darüber, ob ähnliche Übungen auch in anderen Teilen Deutschlands stattfinden könnten, da ein solcher konkreter Bezug helfe, Bewusstsein aufzubauen. Ob der Rucksack dauerhaft im Sortiment bleibt, hänge letztlich von Angebot und Nachfrage ab: Edeka sei grundsätzlich kein Non-Food-Händler und habe in den Filialen eigentlich keinen Platz für ein solches Produkt vorgesehen – weshalb der Online-Kanal hierfür besonders wichtig sei. Kasel wertete die Nachfrage insgesamt als Zeichen dafür, dass Themen wie Klimawandel und die Ahrtal-Flut das gesellschaftliche Bewusstsein für Vorsorge verändert hätten: Selbst das lange belächelte Dosenbrot sei mittlerweile gefragt, wo es früher kaum ein Käufer gewollt habe.
ASB: Für eine achtsamere Gesellschaft
Edith Wallmeier vom ASB-Bundesverband in Köln ordnete das Thema Krisenresilienz anschließend grundsätzlicher ein. Vorsorge bedeute nicht nur, für sich selbst und die eigene Familie zu sorgen, sondern auch auf die Menschen im eigenen Umfeld zu achten – insbesondere auf Alleinlebende, Ältere und Menschen mit Beeinträchtigung, die sich im Ernstfall nicht allein helfen können. „Wir müssen wieder hin zu einer achtsameren Gesellschaft“, sagte Wallmeier und plädierte dafür, in der Nachbarschaft bewusst nach rechts und links zu schauen und im Zweifel auch einmal an einer fremden Tür zu klingeln. Neben dem Notfall-Rucksack sei vor allem Wissen entscheidend: Wie verhalte ich mich im Ernstfall richtig, ohne in Angst zu verfallen, sondern überlegt zu handeln? Ihr Credo dazu: „Vorbereitung ohne Angst“.

Rückblick auf reale Krisen: Von der Sturmflut 1962 bis zum Ahrtal
Thomas Ulbricht, Ausbildungsleiter beim ASB Hamburg, übernahm den praktischen Teil des Termins – nach eigener Aussage nicht als Vertreter des ASB allein, sondern stellvertretend für alle fünf Hilfsorganisationen. Er ordnete das Thema anhand realer Ereignisse ein, um zu zeigen, warum Vorsorge trotz eines insgesamt sicheren Alltags relevant bleibt.
Die letzte große Katastrophe, an die sich Hamburg erinnere, sei nicht Corona, sondern die Sturmflut von 1962 mit 314 Toten. Seither seien die Deiche höher und die Warnsysteme besser geworden – mit der Folge, dass sich viele in falscher Sicherheit wiegten und kaum noch über Katastrophenvorsorge nachdächten. Die Flutkatastrophe im Ahrtal 2021 habe gezeigt, wie trügerisch dieses Gefühl sein kann: Durch klimabedingten Starkregen, der statistisch nur alle 100 bis 200 Jahre erwartet worden sei, kam es dort innerhalb weniger Stunden zu so großen Wassermengen, dass viele Menschen keine Chance mehr hatten, rechtzeitig gewarnt zu werden. 135 Menschen starben im Ahrtal; rund 50.000 Menschen seien zeitweise bis zu fünf Tage lang unterversorgt gewesen.
Auch für Hamburg selbst zeichnete Ulbricht mehrere Risikoszenarien nach: Starkregenereignisse, bei denen innerhalb einer Stunde bis zu 100 Liter Wasser pro Quadratmeter fallen und Straßen sowie Keller überfluten, träten häufig gemeinsam mit Sturmereignissen auf – und ein Sturm könne durch umstürzende Bäume und beschädigte Leitungen sehr schnell zum Zusammenbruch von Strom- und Logistikversorgung führen. Als weiteres Extremwetter-Beispiel nannte er den Winter 1978/79, als Norddeutschland und insbesondere Schleswig-Holstein von so viel Schnee eingeschlossen wurden, dass die Bundeswehr mit Bergepanzern anrücken musste. Eine Sturmwarnung vor einem „Bombenzyklon“ im Januar dieses Jahres habe in Hamburg bereits Erinnerungen an diese Zeit geweckt und zu spürbaren Hamsterkäufen geführt – Ulbricht selbst berichtete, an jenem Abend in einem praktisch leergekauften Supermarkt gestanden zu haben.
Einen weiteren Risikofaktor sieht Ulbricht in der zunehmenden Bedrohung durch Sabotage und hybride Kriegsführung: Erst wenige Wochen vor dem Pressetermin sei laut Medienberichten wiederholt versucht worden, die Stromversorgung in Deutschland durch Anschläge lahmzulegen. Sein eigener kurzzeitiger Stromausfall in Hamburg-Eidelstedt habe sich zwar als technischer Defekt an einem Umspannwerk herausgestellt, ohne Fremdeinwirken – doch der erste Gedanke sei gewesen, dass es sich um einen gezielten Angriff handeln könnte. Als Beispiel für die Folgen eines länger andauernden, großflächigen Stromausfalls verwies er auf einen Berliner Stadtbezirk, in dem Geschäfte und Apotheken über mehrere Tage geschlossen bleiben mussten.
„Das ist keine Panikmache, das ist Selbstvorsorge“
Auf die Frage, ob die Bevölkerung inzwischen offener für Vorsorgethemen sei – auch mit Blick auf hybride Kriegsführung und nicht nur auf klassische Wetterkatastrophen –, antwortete Ulbricht differenziert. Er erinnerte an den früheren Bundesinnenminister Thomas de Maizière, der einst einen Vorrats-Shitstorm auslöste, als er die Bevölkerung zur privaten Bevorratung aufrief. Ihm selbst werde bis heute vorgeworfen, Panik zu schüren. Dem hielt er entgegen: „Das ist keine Panikmache, das ist Selbstvorsorge.“ Als Bevölkerungsschützer spreche er zwar überwiegend von Katastrophen, doch auch die terroristische Lage und die Kriegsgefahr nähmen zu. Manche Menschen gingen mit „Scheuklappen“ durch diese Entwicklung, andere seien deutlich offener – überzeugen lasse sich am Ende nur mit Argumenten, und das stärkste Argument sei die Erfahrung selbst: Wer im Ahrtal miterlebt habe, wie 50.000 Menschen tagelang auf Hilfe warten mussten, sei dankbar für jeden Hinweis zur Vorsorge.
Ulbricht beobachtet zudem einen Generationenunterschied: Die ältere Generation kenne Bevorratung noch aus eigener Erfahrung, während sie bei der jüngeren Generation kaum noch verankert sei. Auf die Frage, wie viele Menschen im Publikum für drei, fünf oder zehn Tage ausreichend Lebensmittel für die ganze Familie vorrätig hätten, zeige sich regelmäßig, dass jüngere Menschen eher ein bis drei Tage überbrücken könnten, während insbesondere Haushalte mit einer Person, die den Überblick über die Vorräte behält, deutlich länger versorgt seien. Eine belastbare Statistik dazu gebe es nicht – die Empfehlung laute daher pauschal, sich für drei bis zehn Tage mit Lebensmitteln zu bevorraten.

Praktische Vorsorge-Tipps
Konkret empfahl Ulbricht orientiert an der Einkaufsliste des Bundesministeriums für Landwirtschaft und Ernährung:
- Wasser: 2 Liter pro Person und Tag – 1 Liter zum Trinken, 1 Liter für die Essenszubereitung –, am besten in Kanistern oder Mineralwasser in Glasflaschen bevorratet, da Glas keine Schadstoffe abgibt
- Lebensmittel: Vorrat für 3 bis 10 Tage, überwiegend lange haltbare Lebensmittel; Fertiggerichte seien im Ernstfall besonders praktisch, da sie nur erwärmt werden müssen – anders als etwa getrocknete Erbsen, die vorher eingeweicht und stundenlang gekocht werden müssten. Bei der Auswahl empfahl er Gemüseeintopf mit Aufreißlasche statt Ravioli mit Dosenöffner, da Letzterer im Ernstfall häufiger Probleme bereite. Auch Süßigkeiten und Kaugummi seien als kleine „Geheimwaffe“ gegen Stress sinnvoll
- Wärme: warme Kleidung, Schlafsäcke bis minus 10 Grad, Camping- oder Feststoffkocher – ein gewöhnlicher Gaskocher mit elektrischer Zündung funktioniere bei Stromausfall häufig nicht
- Licht und Kommunikation: regelmäßig geprüfte Taschenlampen, ein batteriebetriebenes Radio sowie eine Powerbank, um zumindest das Handy wieder aufladen und Informationen empfangen zu können
- Medizin und Hygiene: ausreichend persönliche Medikamente sowie Feuchttücher, Einweghandschuhe und Desinfektionsmittel, falls Wasser zum Händewaschen knapp wird
- Sonstiges für zu Hause: ein Pulverlöscher für Entstehungsbrände sowie ein 10-Liter-Wasserkanister – aus eigener Erfahrung mit wenigen Litern Fassungsvermögen im vierten Stock ohne Aufzug wisse man solche Kanister schnell zu schätzen; zusätzlich Gewebeklebeband und eine Plane, um bei Sturmschäden am Dach oder an Fenstern provisorisch Kälte, Wind und Regen abzuhalten
- Bargeld: 100 bis 300 Euro für Einzelpersonen, 500 Euro für Familien – Ulbricht verwies auf Skandinavien, wo inzwischen fast ausschließlich mit Karte bezahlt wird, und auf eine dänische Empfehlung, nach mehrtägigen Ausfällen der Kartenzahlungssysteme umgerechnet 400 bis 500 Kronen zu Hause vorzuhalten
- Evakuierung: ein Rucksack statt Koffer, damit beide Hände frei bleiben; vorab vereinbarte feste Treffpunkte für den Fall einer Trennung sowie wasserfeste Armbänder mit Kontaktdaten für Kinder
Für vertiefende Informationen verwies Ulbricht auf die Broschüre des Bundesamts für Bevölkerungsschutz und Katastrophenhilfe (BBK), die auch dem verteilten Dosenbrot beilag. Er riet ausdrücklich dazu, sich diese Broschüre bereits jetzt anzusehen und ergänzendes Material, das teils nur per QR-Code abrufbar ist, vorab herunterzuladen – im Ernstfall, wenn das Netz zusammenbricht, sei dies nicht mehr möglich.
Auf Nachfrage von security-network.com, wie sich sozial schwache Familien ein komplettes Vorsorgepaket – nach eigener Rechnung rund 130 Euro – leisten könnten, verwies Ulbricht auf Angebote wie die Tafel, räumte aber ein, dass es keine gezielte, im Vorfeld eingeplante Anlaufstelle für diesen konkreten Bedarf gebe.
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