Wer die aktuelle Anwenderbefragung der Autorisierten Stelle Digitalfunk Niedersachsen zum Digitalfunk der nächsten Generation (DFnG NI) liest, findet zunächst das erwartbare Bild: Mehr als 3.600 Teilnehmende aus Feuerwehr, Polizei, Rettungsdienst, THW und weiteren BOS-Bereichen erwarten Datenanwendungen, digitale Unterstützung, organisationsübergreifende Kommunikation und bessere Endgeräte für die Einsatzkommunikation.
Spannend wird die Befragung dort, wo die Anwender nicht nur neue Fähigkeiten fordern, sondern deutlich an Eigenschaften festhalten, die aus der heutigen Funkwelt stammen: Netzunabhängigkeit, Direktkommunikation, Repeater-Funktionalitäten, mobile Netzersatzlösungen und Rückfallebenen. Fast neun von zehn Befragten halten netzunabhängige Kommunikation für erforderlich. Repeater-Funktionalitäten gelten nahezu einhellig als notwendig. Das könnte man oberflächlich als Widerspruch lesen: moderne Breitbandkommunikation, aber bitte mit möglichst vielen Eigenschaften des bisherigen BOS-Digitalfunks.
Das greift zu kurz. Die Anwender wollen nicht zurück. Sie wollen lediglich nicht verlieren, was sich in schwierigen Lagen bewährt hat. Sie wollen Daten, Anwendungen, Lagebilder und bessere Endgeräte. Aber sie wollen keine hochmoderne Kommunikationsumgebung, die in der kritischen Lage zur schönen Oberfläche ohne belastbare Verbindung wird. Es geht nicht um Nostalgie oder Technikromantik. Es geht um Handlungsfähigkeit. Und diese Frage ist größer als TETRA, Breitband, MCX oder das nächste Endgerät.
Menschen beschreiben neue Anforderungen oft mit Begriffen aus ihrer Erfahrung. Wer täglich mit Funk arbeitet, denkt in Funkkategorien. Wer Einsatzlagen führt, denkt an das, was unter Druck funktioniert. Das ist keine Rückständigkeit, sondern Erfahrungswissen. Hinter Direktkommunikation steht die Erwartung, auch ohne verfügbare Infrastruktur kommunizieren zu können.
Hinter Repeater-Funktionalität steht der Bedarf nach Reichweite unter schwierigen Bedingungen. Hinter mobilen Netzersatzlösungen steht die Erfahrung, dass Einsatzlagen nicht warten, bis eine Netzarchitektur wieder sauber funktioniert. Und hinter Rückfallebenen steht die harte Frage, wie Führung erhalten bleibt, wenn die vorgesehene Kommunikation nicht oder nur eingeschränkt verfügbar ist.
Die Anwender beschreiben also nicht zwingend die Zielarchitektur. Sie beschreiben Eigenschaften, die diese Architektur erfüllen muss. Wer diese Rückmeldungen nur technisch interpretiert, landet bei der falschen Diskussion. Dann geht es um einzelne Funktionen, Standards oder Geräte. Eigentlich geht es um Verfügbarkeit, Vertrauen, Bedienbarkeit, Robustheit und Handlungsfähigkeit.
Die BDBOS-Strategie beantwortet eine andere Frage
Die Breitbandstrategie der BDBOS setzt an einem anderen Punkt an. Sie reagiert auf eine Entwicklung, die im Einsatz längst begonnen hat: Einsatzkommunikation transportiert nicht mehr nur Sprache, sondern Lageinformationen, Positionsdaten, Karten, Bilder, Anwendungen und zunehmend organisationsübergreifende Führungsinformationen. Sprache bleibt unverzichtbar. Aber Sprache allein reicht nicht mehr aus, wenn Einsatzführung digitaler, schneller und vernetzter wird.
Über viele Jahre war die zentrale Aufgabe der BOS-Kommunikation, Menschen zuverlässig miteinander sprechen zu lassen. Diese Fähigkeit bleibt die Basis. Aber die Einsatzrealität ist weiter: Führung arbeitet mit Daten, Lagebilder entstehen aus mehreren Quellen, Entscheidungen müssen sich auf Informationen stützen, die schnell zusammenlaufen. Die Breitbandstrategie beschreibt deshalb keinen technischen Selbstzweck, sondern den notwendigen Schritt hin zu einer digitalen Einsatzkommunikation.
Das Ziel ist nicht Breitband, weil Breitband modern klingt. Das Ziel ist eine Kommunikationsumgebung, die Führung, Zusammenarbeit und Informationsverarbeitung unterstützt. Deshalb wäre es falsch, BDBOS-Strategie und ASDN-Befragung gegeneinanderzustellen: Die Strategie beschreibt die benötigten Fähigkeiten. Die Befragung zeigt, wann Anwender diesen Fähigkeiten vertrauen.
Mehr Leistung schafft mehr Abhängigkeit
Der zentrale Punkt ist unbequem, aber einfach: Je leistungsfähiger Kommunikation wird, desto kritischer wird ihr Ausfall. Fällt ein klassisches Sprachsystem aus, geht die Sprechverbindung verloren. Fällt aber eine moderne Kommunikationsplattform aus, können zusätzlich Lagebilder, Positionsdaten, digitale Unterstützungsfunktionen, Informationsflüsse und Teile der Führungsgrundlage betroffen sein.
Was gestern Zusatzfunktion war, wird heute genutzt und morgen vorausgesetzt. Digitale Lagebilder, Positionsdaten und organisationsübergreifende Informationsräume verbessern Einsatzführung, schaffen aber auch Abhängigkeit. Diese Abhängigkeit ist nicht das Problem. Das Problem entsteht, wenn sie nicht mitgeplant wird.
Ein modernes Breitbandnetz kann viel leisten: Sprache, Daten, Anwendungen, Priorisierung, Gruppenkommunikation. Aber ein leistungsfähiges Netz beantwortet nicht automatisch die Frage, welche Kommunikationsfähigkeit in welcher Lage zwingend erhalten bleiben muss. Die Debatte wird oft zu technisch geführt: Redundanz, Netzabdeckung, Datenraten, Endgeräte, Dienste und Standards. Das ist notwendig, aber nicht ausreichend.
Die Ausgangsfrage muss anders lauten: Welche Rollen müssen kommunizieren können? Welche Informationen sind dann noch erforderlich? Welche Verbindung darf nicht ausfallen? Wer entscheidet, wenn der vorgesehene Weg nicht mehr funktioniert? Wer diese Fragen nicht stellt, verwechselt Leistungsfähigkeit mit Resilienz.
Einsatzlagen enden nicht am Netzrand
Ein Punkt wird in Konzepten gerne unterschätzt: Einsatzlagen halten sich nicht an Netzgrenzen, Zuständigkeiten oder Berechtigtenkreise. In größeren Schadenslagen, Flächenlagen oder Krisen arbeiten BOS mit Akteuren zusammen, die nicht automatisch Teil derselben Kommunikationswelt sind: Kommunen, Verwaltungsstäbe, KRITIS-Betreiber, Energieversorger, Krankenhäuser, Verkehrsbetriebe, Hilfsorganisationen, private Dienstleister und politische Entscheidungsebenen. Was im Regelbetrieb gewollte Absicherung ist, kann im Krisenfall zum Problem werden.
Ein BOS-eigenes Breitbandnetz kann für die BOS selbst ein zentraler Baustein sein. Es löst aber nicht automatisch die Kommunikation mit allen anderen Beteiligten. Genau dort beginnt eine unbequeme Planungsaufgabe. Stabile Kommunikation muss auch an den Übergängen funktionieren: wo Organisationen unterschiedliche Systeme nutzen, Berechtigungen nicht passen, Verfahren nicht geübt sind und Zuständigkeiten unklar werden. Dort, wo trotzdem geführt werden muss.
In solchen Lagen geht es nicht immer um maximale Datenrate, höchste Sicherheit und maximalen Komfort. Oft geht es um einfache, aber kritische Fragen: Wer muss erreichbar sein? Welche Rolle braucht welche Information? Welche Verbindung bleibt auch bei Einschränkungen bestehen? Diese Fragen klingen schlicht. In der Lage selbst sind sie oft der Unterschied zwischen Führung und Informationssuche.
Kommunikationsfähigkeit statt Netzdenken
Deshalb reicht es nicht, nur über das nächste Kommunikationsnetz zu sprechen. Die wichtigere Frage lautet: Welche Kommunikationsfähigkeit muss in welchem Betriebszustand erhalten bleiben? Im Regelbetrieb geht es um Informationsverfügbarkeit. Sprache, Daten, Lagebilder, Anwendungen, Positionsdaten und organisationsübergreifender Austausch können hier ihren Nutzen entfalten. Dafür braucht es leistungsfähige Primärkommunikation.
Im eingeschränkten Betrieb verschieben sich die Anforderungen. Dann zählen Priorisierung, klare Kommunikationswege, reduzierte Datenflüsse und robuste Bedienbarkeit mehr als maximale Funktionalität. In schweren Störungen oder Krisen reduziert sich der Bedarf weiter. Dann geht es um Basisdienste: Erreichbarkeit kritischer Rollen, Alarmierung, einfache Lage- und Statusmeldungen, Koordination zwischen Führungsstellen, Weitergabe von Entscheidungen. Oft einfach nur Sprache.
Diese Reduktion ist kein Rückschritt. Sie ist professionelle Vorsorge. Resiliente Einsatzkommunikation bedeutet nicht, dass immer alles verfügbar ist. Das wäre eine Illusion. Sie bedeutet, vorher festzulegen, was bei Einschränkungen übrig bleiben muss. Nicht allgemein. Nicht als Schaubild. Sondern konkret für Rollen, Lagen, Organisationen und Führungsabläufe. Darin liegt der Unterschied zwischen Netzplanung und Kommunikationsplanung: Netzplanung fragt, wie ein System betrieben wird. Kommunikationsplanung fragt, wie Handlungsfähigkeit erhalten bleibt, wenn Annahmen nicht mehr gelten.
Primärkommunikation und Rückfallkommunikation sauber trennen
Einsatzkommunikation ist zunächst Primärkommunikation. Sie beschreibt die Kommunikation im vorgesehenen Einsatzbetrieb: zwischen Einsatzkräften, Führungsstellen, Leitstellen, Organisationen und weiteren beteiligten Stellen. Hier liegt die Bedeutung breitbandiger BOS-Kommunikation. Sie erweitert klassische Sprachkommunikation um Daten, Lageinformationen, Anwendungen, Positionsdaten, Bilder, Video und organisationsübergreifende Zusammenarbeit. Damit wird Einsatzkommunikation leistungsfähiger und enger mit Führung verbunden. Aber das ist nicht die ganze Antwort.
Rückfallkommunikation beantwortet eine andere Frage. Sie ist nicht einfach ein weiterer Dienst innerhalb der Einsatzkommunikation. Sie ist eine eigene Ebene für Situationen, in denen die vorgesehene Primärkommunikation nicht, nur eingeschränkt oder nicht für alle Beteiligten verfügbar ist. Was bleibt, wenn Infrastruktur ausfällt, bei Überlastung, Strommangel, Funklöchern oder organisatorischen Brüchen? Welche Rollen müssen erreichbar sein? Welche Informationen müssen noch übertragen werden? Welche Basisdienste reichen aus?
Diese Unterscheidung ist keine Kritik an der BDBOS-Breitbandstrategie. Im Gegenteil: Je wichtiger die Primärkommunikation wird, desto wichtiger wird eine sauber geplante Rückfallkommunikation. Diese zweite Ebene bedeutet nicht, ein paar Satellitentelefone zu kaufen – das wäre Hoffnung mit Akku –, sondern die Rückfallebene getrennt zu planen und organisatorisch zu verankern. Rückfallebenen entstehen nicht aus Misstrauen gegenüber dem Primärsystem. Sie entstehen aus Verantwortung. Wer Einsatzkommunikation plant, muss auch den Moment planen, in dem das Primärsystem nicht funktioniert wie vorgesehen. Das ist Krisenrealität.
Ein Netz ist noch keine Kommunikationsfähigkeit
Die eigentliche Lehre aus ASDN-Befragung und BDBOS-Strategie liegt genau hier: Es gibt keinen Gegensatz zwischen Zukunft und Bewährtem. Die BDBOS beschreibt den notwendigen Schritt in Richtung breitbandiger, digitaler und organisationsübergreifender Kommunikation. Die ASDN-Befragung zeigt, welche Eigenschaften aus Sicht der Praxis unverzichtbar bleiben.
Die Anwender fordern möglicherweise nicht in erster Linie Repeater, Direktmodus oder eine bestimmte Rückfallebene. Sie fordern Verfügbarkeit, Vertrauen und Handlungsfähigkeit – mit den Begriffen, die sie aus der heutigen Einsatzkommunikation kennen. Die strategische Aufgabe besteht darin, diese Anforderungen in eine künftige Kommunikationsarchitektur zu übersetzen. Nicht nostalgisch, nicht technikverliebt, sondern einsatzbezogen.
Damit verschiebt sich die zentrale Frage. Sie lautet nicht: Welches Netz nutzen wir künftig? Sie lautet: Welche Kommunikationsfähigkeit benötigen Behörden und Organisationen in unterschiedlichen Lagen, um führungs- und handlungsfähig zu bleiben? Aus den Antworten ergeben sich Netze, Dienste, Endgeräte, Verfahren, Rückfallebenen und organisatorische Vereinbarungen. Nicht umgekehrt.
Einsatzkommunikation wird am Ende nicht daran gemessen, wie modern ihre Technologie ist. Sie wird daran gemessen, ob sie Führung, Koordination und Zusammenarbeit ermöglicht, wenn es darauf ankommt. Die Zukunft der BOS-Kommunikation beginnt deshalb nicht mit einem einzelnen Netz. Sie beginnt mit einem klaren Verständnis davon, welche Kommunikationsfähigkeit in welcher Lage erhalten bleiben muss. Und sie beginnt mit der Bereitschaft, eine unbequeme Wahrheit auszusprechen: Mehr Breitband ist notwendig. Aber mehr Breitband allein ist noch keine stabile und verlässliche Einsatzkommunikation.
Autor: Frank Tonat
Betriebs-, Einsatz- und Rückfallkommunikation für BOS, KRITIS und sicherheitsrelevante Organisationen













