Interdisziplinäre Einsatzkommunikation: Herausforderungen für Polizei, Feuerwehr und Rettungsdienste in Großlagen

Wenn jede Sekunde zählt, entscheidet Kommunikation über Leben und Tod. Trotz modernem Digitalfunk und KI zeigen sich kritische Schwachstellen. Wie gut sind Deutschlands Einsatzkräfte wirklich vorbereitet?

Einsatzkommunikation: Illustration zur Kampagne: "Digitalfunk Rettet Leben"
Illustration zur Kampagne: "Digitalfunk Rettet Leben"
Foto: BDBOS/Ramazani

Aktuelle Lage

Im Falle von Großlagen müssen Polizei, Feuerwehr und Rettungsdienste die Einsatzkommunikation etablieren und während der Einsätze stabil aufrecht erhalten durch spezielle Systeme, Lagezentralen und Koordinationstools, um Lagebilder auszutauschen, Kräfte zu disponieren und die Bevölkerung zu informieren.

Dabei muss die Führung gewährleistet und Chaos vermieden werden, insbesondere bei komplexen Szenarien wie Terroranschlägen oder Amoktaten, bei denen eine schnelle und eindeutige Informationvermittlung für den Verlauf der Lage entscheidend und nicht selten für Leben oder Tod von Beteiligten ausschlaggebend ist.

Für die interdisziplinäre Einsatzkommunikation werden aktuell oft digitale Lösungen wie moderne Apps und Stabssysteme eingesetzt. Die Ziele der Kommunikation sind:

  • die Erstellung und ständige Anpassung des Lagebildes an fortlaufende Veränderungen von Szenarien mit umfassenden und eindeutigen Informationen über das Einsatzgeschehen,
  • die Koordination polizeilicher und feuerwehrtechnischer Maßnahmen und die Ermöglichung schneller Entscheidungen,
  • die Versorgung der Bevölkerung mit verlässlichen Informationen, Verhinderung von Falschmeldungen und Bekanntgabe von Verhaltensempfehlungen für Bevölkerungsgruppen in einsatznahen Gebieten.

In Deutschland basiert die Einsatzkommunikation von Polizei, Feuerwehr und Rettungsdiensten bei Großlagen aktuell auf einem bundeseinheitlichen Digitalfunknetz, das zunehmend durch Breitbandlösungen und moderne Führungszentren ergänzt wird.

Alle Behörden und Organisationen mit Sicherheitsaufgaben (BOS) nutzen ein gemeinsames, abhörsicheres digitales Funknetz (Terrestrial Trunked Radio: TETRA-Standard). Das Netz umfasste im Jahr 2025 rund 5.000 Basisstationen und deckt Deutschland zu über 99% ab.

Im Falle von Großlagen erlaubt die netzgesteuerte Ressourcenzuweisung eine effiziente Lastenverteilung. Polizei und Feuerwehr können über interoperable Rufgruppen direkt miteinander kommunizieren. Dadurch wird die Koordination am Einsatzort beschleunigt.

Die automatische Übermittlung von Standortdaten der Einsatzkräfte bei Notrufen gehört mittlerweile zum Standard (GPS-Lokalisierung), auch für eine schnelle Eigensicherung.

Im Jahr 2025 wurde zum Zweck der Netzmodernisierung die Infrastruktur in vielen Gebieten Deutschlands auf IP Technologie umgestellt.

Zur Unterstützung des Funkverkehrs wurden standardisierte Messenger-Apps eingeführt, die den Austausch von Bildern, Videos und Standortdaten zwischen Polizei, Feuerwehr und Rettungsdiensten in Echtzeit ermöglichen (BOS-Messenger).

Zudem laufen im Rahmen einer „Breitband-Strategie” aktuell Vorbereitungen für den „Digitalfunk der nächsten Generation”, um über TETRA hinaus breitbandige Daten-dienste für hochauflösende Lagebilder zu integrieren. Parallel wird die Unterstützung durch Künstliche Intelligenz (KI) erprobt.

So werden beispielsweise kognitive Systeme getestet, die Informationen aus verschiedenen Quellen (Notrufe, Sensoren, Social Media) in Echtzeit auswerten und Entscheidungshilfen für die Einsatzleitung geben können. Für die Führung und Koordination in Großlagen werden Melde- und Lagezentren etabliert.

In Bayern wurde in diesem Zusammenhang das Bayrische Melde- und Lagezentrum für den Bevölkerungsschutz (BayMLZ) etabliert, um ein digitales, behördenübergreifendes Lagebild generieren zu können.

Für Großeinsätze in komplexen Infrastrukturen wie Bahnhöfen, Flughäfen und Tunneln gelten strikte technische Vorgaben für digitale Objektfunkanlagen, um die Erreichbarkeit der Einsatzkräfte sicherzustellen (Objektfunkversorgung).

Im Rahmen des Krisenmanagements setzen moderne Notfallpläne verstärkt auf die Einbindung von Spontanhelfern über Online-Plattformen und die digitale Warnung und Information der Bevölkerung.

Lebensbedrohliche Einsatzlagen

In Amoklagen und anderen lebensbedrohlichen Einsatzlagen erfolgt die Kommunikation zwischen Polizei, Feuerwehr und Rettungsdienst aktuell nach hochspezialisierten und organisationsübergreifenden Konzepten, um die Sicherheit der Helfer zu gewährleisten und die Versorgung von Verletzten zu beschleunigen.

Auf der technischen Kommunikationsebene (BOS-Digitalfunk) werden “interoperable Rufgruppen” eingerichtet. Polizei und Rettungskräfte schalten ihre Funkgeräte dafür auf gemeinsame, bundesweit einheitliche „Zusammenarbeits-Rufgruppen“ um.

Dies ermöglicht einen direkten Informationsfluss ohne Zeitverzögerung durch die Kommunikation über die unterschiedlichen Leitstellen. Zudem erfolgt eine Netzpriorisierung.

Da Funknetze bei Amoklagen durch ein extrem hohes Funkaufkommen überlastet werden können, verfügt der Digitalfunk über eine automatische Laststeuerung, die den Vorrang einsatzkritischer Funkkontakte sicherstellt.

Zu den taktischen Konzepten der Zusammenarbeit zwischen Polizei, Feuerwehr und Rettungsdiensten gehören die Einrichtung gemeinsamer Befehlsstellen und die Kommunikation von Zoneneinteilungen.

Zur Etablierung einer gemeinsamen Befehlsstelle wird am der Einsatzort eine gemeinsame Einsatzleitung (GEL) oder ein gemeinsamer Führungspunkt eingerichtet, an dem Verbindungspersonen der beteiligten Organisationen physisch zusammenarbeiten.

Mit der Zoneneinteilung definiert die Polizei klare Einsatzbereiche. Die “Hot Zone” ist der Gefahrenbereich, zu dem nur die Polizei Zutritt hat zum Zweck der Täterbekämpfung.

Die “Warm Zone” bezeichnet den Sicherungsbereich, in dem Rettungskräfte unter dem Schutz polizeilicher Begleitteams (Tactical Medical Teams) arbeiten, um Schwerverletzte schnellstmöglich zu evakuieren.

Die “Cold Zone” definiert den sicheren Bereich, der u.a. als Ort für Behandlungsplätze und den regulären Rettungsdienst genutzt wird.

Täterstandorte, Schüsse, Verletzte und andere zentral für die interdisziplinäre Einsatztaktik relevante Informationen werden frühestmöglich abgeglichen, um ein gemeinsames Lagebild zu erstellen und dem Rettungsdienst die Auswahl sicherer Bereitstellungsräume zu ermöglichen.

Für Kommunikationszwecke werden in lebensbedrohlichen Großlagen aktuell zunehmend verschlüsselte Messenger-Dienste (BOS-Messenger) genutzt, um z.B. Kartenmaterial, Täterbeschreibungen und Fotos von Zugangswegen in Infrastrukturen wie Schulen und Krankenhäusern in Echtzeit zwischen den Einheiten der Polizei, Feuerwehr und Rettungsdienste zu teilen.

Für die Krisenkommunikation mit der Bevölkerung werden Warn-Apps wie NINA oder KATWARN sowie die direkte Kommunikation mit Objekt-Warnsystemen wie z.B. Schul-Amok-Alarm-Systemen eingesetzt, um Personen am Einsatzort zu situationsgeeigneten Verhaltensweisen aufzufordern und sich auf diese Weise zu sichern.

Parallel wird eine Schnittstelle zur Presse eingerichtet. Die Pressesprecher von Polizei, Feuerwehr und Rettungsdiensten stimmen ihre Informationen für Pressemitteilungen eng ab, um widersprüchliche Meldungen zu vermeiden und Angehörigen sowie Medien bestmöglich gesicherte Informationen zu liefern.

Probleme der interdisziplinären Einsatzkommunikation

In der interdisziplinären Einsatzkommunikation zwischen Polizei, Feuerwehr und Rettungsdiensten traten im Jahr 2025 bei Großlagen sowohl technische als auch organisatorische Probleme auf, die eine effiziente Zusammenarbeit erschwerten.

Zu den technischen Problemen gehörten in Deutschland Ausfälle des BOS-Digitalfunks, eine mangelnde Interoperabilität von Funkkanälen und die primäre Sprachbasierung des TETRA-Systems. Im Mai 2025 kam es zu einem bundesweiten Ausfall des BOS-Digitalfunks, der fast 2 Stunden andauerte.

Ausgelöst wurde er durch Netzwerkprobleme und Softwarefehler in zentralen Komponenten der Netzstruktur. Solche Ereignisse verdeutlichen die Verwundbarkeit der zentralen Infrastrukturen von BOS im Falle von Großlagen.

Das nicht seltene Fehlen einheitlicher oder gemeinsam genutzter Funkkanäle (mangelnde Interoperabilität) ist ein grundsätzliches und von der jeweiligen Lage unabhängiges Problem für die unmittelbare interdisziplinäre Kommunikation an der Einsatzstelle und kann zu Defiziten im direkten Informationsaustausch führen.

Dieser technische Mangel wird zusätzlich verstärkt durch die Verwendung des primär sprachbasierten und als überholt geltenden TETRA-Systems, das moderne Breitbandanforderungen wie z.B. Video-Streaming in Echtzeit nicht ausreichend unterstützt.

Hinzu kommt die enorm komplex gewordene Medienarbeit. Die schnelle Informationsverbreitung über soziale Medien stellt die Pressestellen von Polizei und Feuerwehr vor die nicht immer erfüllbare Herausforderung, zeit-gleich und abgestimmt zu kommunizieren.

Probleme, die unter den Aspekt der “Human Factors” zu subsumieren sind, betreffen organisatorische, taktische und strategische Herausforderungen der interdisziplinären Einsatzkommunikation.

Die Polizei und die Feuerwehr haben unterschiedliche “Führungskulturen” und arbeiten zumindest teilweise in isolierten Strukturen. Dadurch wird die Entwicklung eines gemeinsamen Lageverständnisses erschwert.

Zudem sind die Koordination und der Informationsfluss zwischen den unterschiedlichen Leitstellen der Polizei und der Feuerwehr nicht selten zeitverzögert, so dass es zu einer Verlangsamung der gemeinsamen Lagebeurteilung kommt.

Im direkten Ablauf des Einsatzgeschehens können Rollen- und Zuständigkeitskonflikte im Falle von sich überschneidenen Aufgaben entstehen, z.B. wenn die zuerst am Einsatzort eingetroffene Polizei die medizinische Erstversorgung von Verletzen vor dem Eintreffen des Rettungsdiensts der Feuerwehr übernimmt.

Unklarheiten über Verantwortlichkeiten und Befugnisse, die in solchen Situationen auftreten, können die Taktik und den effizienten Ablauf des Einsatzes erheblich beeinträchtigen.

Strategische Defizite resultieren nicht zuletzt auch aus einem oft fehlenden Commitment auf der Führungsebene. Für eine effiziente und vertrauensvolle interorganisationale Zusammenarbeit der Einsatzteams von Polizei, Feurwehr und Rettungsdiensten vor Ort ist die explizite Unterstützung der interdisziplinären Einsatzkommunikation und -kooperation auf höchster Ebene zwingend erforderlich.

Ansätze zur Verbesserung der interdisziplinären Einsatzkommunikation

Um die Einsatzkommunikation zwischen Polizei und Feuerwehr zu verbessern, sind klare, BOS-übergreifende Strukturen, moderne digitale Kommunikationsmittel (Apps, Satellit), die Nutzung des Digitalfunk BOS für einheitliche Standards und die Vermeidung widersprüchlicher Medieninformationen entscheidend, um schnelle, zuverlässige und einheitliche Absprachen bei Großschadenslagen und alltäglichen Einsätzen zu gewährleisten.

Unter technischen Gesichtspunkten stellt die konsequente Nutzung des bundesweit einheitlichen Digitalfunk BOS eine gemeinsame Basis bereit für eine funktionierende interdisziplinäre Einsatzkommunikation zwischen Polizei, Feuerwehr und Rettungsdiensten.

Die Satellitenkommunikation kann eine wichtige Ergänzung terrestrischer Netze für eine zuverlässige Breitband-Kommunikation, insbesondere in Gebieten mit schlechter Netzabdeckung oder bei einem Ausfall der terrestrischen Netze darstellen.

Der Einsatz moderner digitaler Kommunikations-Apps für schnellere Informationsweitergabe und besseren Informationsfluss bietet parallel gerade bei komplexen Lagen eine wichtige Unterstützung.

Eine Priorisierung in Mobilfunknetzen kann Einsatzkräften eine „virtuelle Rettungsgasse“ im öffentlichen Mobilfunknetz zur Verfügung stellen, durch die Polizei, Feuerwehr und Rettungsdienste auch bei überlasteten Netzen Vorrang erhalten.

Mit Blick auf den bundesweiten Digitalfunkausfall im Mai 2025 ist eine Verstärung der Rückfallebeben zu forden, d.h. es werden redundante Systeme und mobile Netzersatzanlagen (z.B. für die Notstromversorgung von Basisstationen) benötigt, um die Einsatzkommunikation auch bei Netzausfällen oder IT-Störungen zu sichern.

Im Hinblick auf die Struktur und Koordination der interdisziplinären Einsatzkommunikation ist die Festlegung klarer Zuständigkeiten ein Schlüsselaspekt.

Dies gilt auch für Medienauskünfte, um die Verunsicherung der Bevölkerung durch widersprüchliche Meldungen zu vermeiden. Unter Nutzung allen Einheiten bekannter hierarchischer Strukturen müssen am Einsatzort schnelle und standardisierte Lageeinweisungen im direkten Austausch oder über Funk stattfinden.

Erfolgversprechende Ansätze zur Verbesserung der interdiszipinären Einsatzkommunikation zwischen Polizei, Feuerwehr und Rettungsdiensten dürfen nicht nur das Geschehen am Einsatzort im Blick haben.

Vielmehr muss die Intensivierung einer BOS-übergreifenden Zusammenarbeit in der Krisenvorsorge und der Konzeption des Krisenmanagements angestrebt werden. Hierzu gehören auch gemeinsame Ausbildungsmodule.

Ein regelmäßiges gemeinsames Training von Einsatzkräften der Polizei, der Feuerwehr und der Rettungsdienste fördert das gegenseitige Verständnis und das reibungslose Funktionieren der Einsatzabläufe.

Neben der technischen und taktischen Expertise ist hier auch das Augenmerk auf die psychische Belastbarkeit und Kommunikationsstärke der Einsatzkräfte zu legen, damit sie in den Stresssituationen des Einsatzes sicher agieren und kooperieren können.

Schlussbemerkungen

Im Zusammenhang der Empfehlungen zur Verbesserung der interdisziplinären BOS-Kommunikation stehen Aspekte der technischen Infrastruktur im Vordergrund. Entsprechend unterliegt die Einsatzkommunikation von Polizei, Feuerwehr und Rettungsdiensten aktuell einem starken technologischen Wandel.

Um diese Verbesserungen umzusetzen, können Verantwortliche auf Ressourcen wie die Strategien der Bundesanstalt für den Digitalfunk der Behörden und Organisationen mit Sicherheitsaufgaben (BDBOS) oder länderspezifische Leitfäden (z. B. die Breitbandstrategie NRW) zurückgreifen.

Empfehlungen zur Veränderung von Organisationsstrukturen und zur Intensivierung einer BOS-übergeifenden Zusammenarbeit in der Krisenvorsorge, die auch gemeinsame Ausbildungsmodule einschließt, finden ebenfalls Erwähnung, werden aktuell jedoch nur marginal umgesetzt.

Da funktionierende Einsatzabläufe ohne kommunikationsstarke Einsatzkräfte, die im Einsatzstress organisationsübergeifend sicher agieren und kooperieren können, nicht denkbar sind, ist eine verstärkte Einbindung dieser Human Factors Aspekte in die Umgestaltung der interdisziplinären Einsatzkommunikation unverzichtbar.

Autorin:

Univ.-Prof. Dr. Martina Piefke, Universität Witten/Herdecke

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