„Das deutet nicht auf amateurhaftes Vorgehen hin.“ Mit diesen Worten bewertete Bundesinnenminister Alexander Dobrindt gestern Abend den Fund einer mit Sprengstoff bestückten Drohne am Flughafen Leipzig/Halle. Ukrainische Frachtmaschinen in der Nähe, viel Glück im Unglück und ein zweites Flugzeug mit Kollisionsschaden – Der Vorfall in der Nacht auf Mittwoch macht deutlich: Deutschland hat die Sicherheitslücke über kritischer Infrastruktur offenbar noch immer nicht geschlossen.

Rund zwanzig Minuten vor Mitternacht hatte ein Mitarbeiter des Flughafens Leipzig/Halle ein unbefugtes Objekt auf dem Rollfeld entdeckt. Wenig später bestätigte das sächsische Landeskriminalamt (LKA): Es handelte sich um eine Drohne, an der eine zunächst „unbekannte Substanz“ befestigt war. Jetzt weiß man: Es war Sprengstoff.
Der Flugverkehr wurde zeitweise komplett eingestellt, Spezialkräfte der Bundespolizei kamen mit einem Robotor zur Entschärfung der Drohne und ihrer Fracht. Die Generalstaatsanwaltschaft Dresden und das Polizeiliche Terrorismus- und Extremismus-Abwehrzentrum (PTAZ) übernahmen die Ermittlungen – ein erster Hinweis auf die Tragweite der Tat. Sachsens Innenminister Armin Schuster (CDU) sprach von einem „sehr ernsten Sicherheitsvorfall“.
Entdeckung der Drohne: Was bisher bekannt ist
Der Fund erfolgte in unmittelbarer Nähe von ukrainischen Antonov-Transportmaschinen, die regelmäßig auch im Auftrag der NATO eingesetzt werden. Seit der russischen Vollinvasion in die Ukraine betreibt Antonov Airlines das Logistikgeschäft von Leipzig aus.
Nach bisherigem Ermittlungsstand ist die Drohne auf dem Luftweg in das gesicherte Flughafengelände eingedrungen und nur deshalb nicht detoniert, weil der Zünder defekt war. Wer die Drohne steuerte oder wo sie gestartet wurde, ist bislang nicht öffentlich bekannt.

Laut mehreren Medienberichten soll ein Busfahrer des Flughafens die Drohne dicht über dem Boden schwebend entdeckt und anschließend zu Boden gebracht haben.
Neben den sächsischen Behörden sind auch das Gemeinsame Zentrum zur Abwehr hybrider Bedrohungen sowie das erst vor wenigen Monaten gegründete Drohnenabwehrzentrum der Bundespolizei eingebunden.
Sprengstoff, Zünder und die Frage nach Details
Nachdem erste Mitteilungen über einen positiven Test auf Nitrat sowie ein beschädigter Zünder berichteten, war später von 800 Gramm Semtex, einem auf Nitropenta (PETN) basierendem Plastiksprengstoff die Rede. Offizielle Angaben zur Sprengstoffart wurden bislang nicht veröffentlicht – die Auswertung durch Spezialisten der Bundespolizei und des LKA dauere noch an.
„Alle Spekulationen“, so Innenminister Dobrindt gestern Abend, „die es zurzeit gibt, über den Sprengstoff, die Konstruktion, die Frage der Drohne, die Herkunft und natürlich auch ‚wer steckt dahinter?‘ sind jetzt Teil der Aufklärung und soll bitte auch der Aufklärung überlassen werden.“ Auch die Frage nach dem eigentlichen Ziel des Anschlags sollen die ermittelnden Behörden klären sowie mögliche Täter „dingfest machen“.
Flughafen Leipzig/Halle als ukrainisches Asset
Dabei ist der Flughafen Leipzig/Halle kein gewöhnliches Ziel. Er zählt zu den größten Frachtdrehkreuzen Europas und damit zur kritischen Infrastruktur Deutschlands. Besonders relevant ist der Flughafen jedoch in seiner Rolle als wichtiger Umschlagplatz für Luftfracht in Richtung Ukraine – auch für Rüstungsgüter.
Es ist eine neue Gefahrenqualität. Drohnensichtungen, Drohnenbedrohungen – auch im hybriden Zusammenhang – das kennen wir aus der Vergangenheit. Dass eine Drohne bewaffnet mit Sprengstoff sich hier auf einem Flughafengelände befindet, das ist ein neues Bedrohungsszenario.
– Innenminister Alexander Dobrindt
Dass die Drohne ausgerechnet in der Nähe einer ukrainischen Antonov-Maschine gefunden wurde, nährt den Verdacht, dass es sich nicht um einen Zufall, sondern um einen gezielten Angriff auf die westliche Unterstützungslogistik für die Ukraine handeln könnte.
Es gehöre jedoch zum Prinzip der hybriden Bedrohung, dass Verantwortliche nicht immer gleich erkennbar seien, erklärte der aus seinem Urlaub nach Leipzig angereiste Dobrindt und ergänzte: „Allerdings kann ich gut nachvollziehen, wenn es ein gesundes Gespür dafür gibt, dass diese Bedrohungslagen nicht von Amateuren durchgeführt werden, sondern sehr professionell vorbereitet sein müssen.“
Ein hohes Maß an Technikerfahrung und im Umgang mit Sprengstoff müssten für die Tat vorhanden gewesen sein. „Das alles deutet nicht auf amateurhaftes Vorgehen hin“, so Dobrindt weiter. „Wir reden hier von einer professionellen hybriden Bedrohungslage, mit der wir uns weiter auseinandersetzen müssen.“
Wer steckt dahinter? Verdacht richtet sich auf Russland
Auf dem Flughafen Leipzig erwähnte der deutsche Innenminister Russland heute mit keinem Wort; andere Stimmen waren weit weniger zurückhaltend. Sie halten eine russische Verantwortung für wahrscheinlich. Darunter der ukrainische Botschafter in Deutschland, Oleksij Makejew, äußerte sich gegenüber dem Sender „Welt“ deutlich: Er hoffe, dass die deutschen Behörden nun die Fakten feststellten, fragte aber auch: Wer käme außer Russland dafür infrage?

Makejew verwies auch auf bisherige Vorfälle und ordnete den Fall in einen von Russland geführten „hybriden Krieg“ gegen die Ukraine und Europa ein. Zugleich erneuerte er das ukrainische Angebot, die im Verteidigungskrieg gegen Russland gesammelte Erfahrung in der Drohnenabwehr mit Deutschland zu teilen.
Auch deutsche Stimmen halten eine russische Verantwortung für plausibel. Der CDU-Verteidigungspolitiker Roderich Kiesewetter sagte gegenüber der Augsburger Allgemeinen: „Die Bedrohung für Deutschland durch von Russland gesteuerte hybride Angriffe halte ich für gravierend.“ Er gehe auch in Leipzig von einem gezielten hybriden Angriff aus. Seine Forderung an die Regierung: Konsultationen mit den NATO-Partnern nach Artikel 4 des Nordatlantikvertrags.
Zweites Flugzeug und eine Erinnerung an 2024
Auffällig ist der mögliche Zusammenhang mit einem zweiten Flugzeug am Flughafen Leipzig: Eine aufgrund der Flughafensperrung in Leipzig nach Hannover umgeleitete DHL-Frachtmaschine kollidierte während des Ausweichmanövers in Flughafennähe in der Luft mit einem Objekt, bei dem es sich möglicherweise um eine zweite Drohne gehandelt haben könnte. Genaueres ist bisher nicht bekannt.
Der aktuelle Vorfall weckt zudem Erinnerungen an einen Fall aus dem Juli 2024: Damals war im DHL-Logistikzentrum am Flughafen Leipzig ein mit einem Brandsatz präpariertes Paket in Flammen aufgegangen, bevor es an Bord eines Frachtflugzeugs verladen werden konnte. Allein die Verspätung der Maschine verhinderte damals Schlimmeres. Nahezu zeitgleich waren vergleichbare Vorfälle in Warschau und Birmingham registriert worden.
In Sicherheitskreisen wird seither davon ausgegangen, dass der russische Auslandsgeheimdienst GRU über angeworbene „Wegwerf-Agenten“ hinter der Aktion steckte. Heute stehen in Litauen, wo die Pakete aufgegeben wurden, fünf Männer vor Gericht. Auch international gibt es Parallelen: Sowohl der Brand eines Einkaufszentrums in Warschau als auch der Brand einer Ikea-Filiale in Vilnius im Mai 2024 werden von den jeweiligen Ermittlungsbehörden russischen Agenten zugeschrieben.
Der Fall Leipzig vor dem Hintergrund des KRITIS-Dachgesetzes
Der Drohnen-Vorfall am Flughafen Leipzig trifft auf eine gerade erst neu geordnete Rechtslage: Erst Ende Januar 2026 hatte der Bundestag das KRITIS-Dachgesetz beschlossen, am 6. März 2026 stimmte der Bundesrat zu, am 17. März 2026 trat es in Kraft. Mit dem Gesetz zur Umsetzung der EU-CER-Richtlinie (2022/2557) existiert erstmals ein eigenständiger, bundesweit einheitlicher Rechtsrahmen für den physischen Schutz und die Resilienz kritischer Infrastrukturen.

Betreiber kritischer Anlagen, zu denen auch der Flughafen Leipzig/Halle zählt, werden durch das KRITIS-Dachgesetz zur Identifikation, Registrierung und zur Umsetzung konkreter Resilienzmaßnahmen verpflichtet. Dazu gehören unter anderem Risikoanalysen, Resilienzpläne, die Bildung von Notfallteams, Objektschutz sowie ein neues Meldewesen für erhebliche Störungen.
Passend zum Themenfeld Drohnenabwehr hat der Bundesrat am selben Tag wie das KRITIS-Dachgesetz auch Änderungen am Luftsicherheitsgesetz gebilligt, die speziell die Drohnenabwehr und die Sicherheit an Flughäfen betreffen.
Doch der Fall Leipzig ist alles andere als ein erster Praxistest für den neuen gesetzlichen Rahmen. Dass liegt schon allein daran, dass die konkreten Betreiberpflichten noch in der Übergangsphase sind: Die Registrierung als kritische Anlage greift gerade erst, eine Risikoanalyse und ein Resilienzplan mit physischen Schutzmaßnahmen sind erst in neun bis zehn Monate fällig.
Zudem regelt das Gesetz ohnehin die entscheidende Frage nicht. Es verpflichtet Betreiber zu Risikoanalysen, Objektschutz und Meldewesen, sagt aber nichts darüber aus, wer eine Drohne über dem Rollfeld abwehren darf, mit welchen Mitteln das geschehen soll und welche Behörde dafür zuständig ist.
Diese Aufgaben regeln andere Gesetze wie das Luftsicherheitsgesetz und das Bundespolizeigesetz – und genau dort liegt die eigentliche Lücke, die der Fall Leipzig offenlegt. Selbst ein fertiger Resilienzplan hätte höchstens für bessere Detektionstechnik gesorgt, nicht aber für eine klare Antwort auf die Frage, was nach der Entdeckung einer Bedrohung konkret zu tun ist.
Drohne am Flughafen Leipzig – Ein Fall mit Symbolkraft
Der Vorfall am Flughafen Leipzig/Halle ist in mehrfacher Hinsicht bemerkenswert: Er trifft ein zentrales Drehkreuz der Ukraine-Unterstützung, reiht sich in ein Muster ähnlicher Vorfälle der letzten Jahre ein, richtet den Blick auf die Verantwortlichkeit Russlands und er fällt in eine Zeit, in der Deutschland mit dem KRITIS-Dachgesetz gerade erst begonnen hat, einen einheitlichen rechtlichen Rahmen für den Schutz kritischer Infrastruktur zu schaffen.
Ob die neuen gesetzlichen Instrumente und die angekündigten Fähigkeiten der Bundespolizei ausreichen, um vergleichbare Vorfälle künftig frühzeitiger zu erkennen und wirksam abzuwehren, wird sich erst in der praktischen Umsetzung zeigen. Bis dahin sollten alle Beteiligten sich für die Aufmerksamkeit und den Einsatz des Busfahrers bedanken und hoffen, dass alle Menschen im Bereich kritischer Infrastruktur so aufmerksam handeln.
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