Lage spitzt sich in der Nacht dramatisch zu
Der Kreis Düren kämpft mit einer der größten Waldbrandlagen der vergangenen Jahre in Nordrhein-Westfalen. In der Gemeinde Hürtgenwald in der Eifel breiteten sich am Donnerstag mehrere Vegetationsbrände aus, von denen zwei zunächst unter Kontrolle gebracht werden konnten. Ein dritter Brand griff jedoch in der Nacht zu Freitag weiter um sich und bewegte sich sowohl auf den Ortsteil Gey als auch auf ein altes Munitionslager in Düren zu.
Landrat Ralf Nolten bezifferte die betroffene Fläche gegenüber dem WDR auf rund 300 Hektar, auf denen es gebrannt hat beziehungsweise weiterhin Glutnester gibt. Zum Vergleich: Am Donnerstagabend, als die Gemeinde Hürtgenwald die Großschadenslage ausrief, waren es noch rund 25 Hektar – ein deutlicher Hinweis auf die rasante Ausbreitung über Nacht.
Ursache für die Eskalation war laut Nolten ein sogenanntes Kronenfeuer, bei dem sich die Flammen sehr schnell und mit plötzlichem Richtungswechsel auf einen Ort zubewegten. Diese Entwicklung zwang die Einsatzleitung gegen 3 Uhr nachts zu der Entscheidung, den Ortsteil Gey zu evakuieren.
Rund 1.800 Menschen müssen ihre Häuser verlassen
Gegen 4 Uhr morgens schlugen die Sirenen Alarm, die Warn-App NINA sprang auf die höchste Warnstufe „Extreme Gefahr“. Der Ortsteil Gey mit rund 1.800 Einwohnerinnen und Einwohnern musste sofort geräumt werden. Auch der Nachbarort Großhau mit etwa 500 Einwohnern gilt als akut gefährdet.
Die Bewohner wurden angewiesen, ausschließlich Ausweisdokumente, wichtige Medikamente und die nötigsten persönlichen Gegenstände mitzunehmen. Wegen der starken Rauchbelastung riet die Gemeinde außerdem, Mund und Nase mit Tuch, Kleidung oder Maske zu schützen. Wer bei der Räumung Unterstützung benötigte, konnte sich über eine eigens eingerichtete Hotline melden.
Eine Sprecherin des Kreises Düren bestätigte gegen 8:29 Uhr den Abschluss der Evakuierung: Alle Bewohnerinnen und Bewohner hätten ihre Wohnungen und Häuser vollständig verlassen. Als Anlaufstelle für die Betroffenen diente die Grundschule Straß.
Besonders aufwendig gestaltete sich die Räumung eines örtlichen Pflegeheims. Seniorinnen und Senioren mussten teils liegend aus Krankentransporten getragen oder im Rollstuhl aus der Gefahrenzone gebracht werden, bevor sie ebenfalls in der Grundschule untergebracht wurden.
Bürgermeister Stephan Cranen erklärte gegenüber der dpa, die Sorge vor einer solchen Entwicklung habe ihn angesichts der anhaltenden Hitze schon länger begleitet. Zugleich lobte er das Verhalten der Bevölkerung: Die Betroffenen seien den Anweisungen der Polizei diszipliniert gefolgt, die Organisation vor Ort habe den Menschen Sicherheit vermittelt.
Überregionales Waldbrandmodul aus NRW im Dauereinsatz
Zur Unterstützung der örtlichen Kräfte wurde ein spezialisiertes Waldbrandmodul aus NRW alarmiert, das eigentlich für Einsätze im europäischen Ausland konzipiert ist. Nach der Anforderung des Kreises Düren am Donnerstagnachmittag fuhren Führungskräfte der Feuerwehr Bonn umgehend in die örtliche Einsatzleitung, um den Einsatz vorzubereiten. Das Modul selbst sammelte sich in der Gemeinde Hürtgenwald und ging von dort direkt in den Einsatz.
Für diesen Einsatz besteht das Modul aus zwölf Fahrzeugen und 32 Einsatzkräften der Feuerwehren Bonn, Königswinter, Düsseldorf und Leverkusen. Aufgrund der vergleichsweise kurzen Anfahrt zum Einsatzgebiet wurde in diesem Fall auf die sonst übliche Versorgungseinheit der Johanniter verzichtet.
Die Kräfte sind speziell für die Vegetationsbrandbekämpfung ausgebildet und verfügen über einschlägige Auslandserfahrung: Bereits in diesem Jahr waren sie bei Waldbränden in den Niederlanden und in Spanien im Einsatz, weitere Erfahrung bringen sie aus Einsätzen im Mittelmeerraum der vergangenen Jahre mit. Ausgerüstet mit Kettensägen, geländegängigen Tanklöschfahrzeugen und Handwerkzeugen arbeiteten die Kräfte in Hürtgenwald daran, ein Übergreifen der Flammen auf Gebäude zu verhindern und verborgene Glutnester zu löschen.
Unterstützt wurden die Feuerwehren zudem von der Feuerwehr Köln, die mit eigenen Fahrzeugen und 65 Einsatzkräften vor Ort war, sowie von mindestens einem Löschhubschrauber. Bereits am Donnerstag hatte ein Hubschrauber Löschwasser abgeworfen, musste den Einsatz jedoch mit Einbruch der Dunkelheit unterbrechen. Am Freitagmorgen war die Unterstützung aus der Luft wieder im Einsatz.
Bundeswehr-Panzer räumt Waldwege frei
Auch die Bundeswehr beteiligte sich an der Bewältigung der Lage: Ein Kettenfahrzeug der Streitkräfte kam zum Einsatz, um Waldwege für die Einsatzkräfte freizuräumen und so den Zugang zu den betroffenen Bereichen zu erleichtern.
Zusätzlich zu den professionellen Einsatzkräften engagierten sich zahlreiche Landwirte aus der Region: Mit Traktoren und großen Wasserfässern unterstützten sie die Feuerwehren bei den Löscharbeiten.
Die Polizei Köln übernahm als größere Behörde die polizeilichen Maßnahmen vor Ort, unterstützte bei der Evakuierung und hielt durch Verkehrsmaßnahmen die Einsatz- und Rettungswege frei.
Straßensperrungen und aktuelle Lage
Die L25 sowie die B399, die unmittelbar am brennenden Waldgebiet vorbeiführt, wurden für den gesamten Verkehr gesperrt. Die Gemeinde Hürtgenwald appellierte eindringlich, die Bereiche rund um Kleinhau und Gey großräumig zu meiden.
Am Freitagvormittag meldete Landrat Nolten einen kleinen Fortschritt: Die offenen Flammen konnten im Laufe des Morgens zurückgedrängt werden, auch wenn weiterhin Glutnester auf der ausgedehnten Brandfläche bestehen. Laut einer Sprecherin des Kreises Düren näherte sich die Feuerfront zeitweise bis auf rund 200 Meter an den Ortsteil Gey heran.
Verletzte wurden bislang nicht gemeldet. Die Ursache für den Ausbruch des Feuers am Donnerstag ist weiterhin unklar.
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