Souveräne Wächter: Sicherheitsroboter Made in France

Running Brains Robotics positioniert sich als französischer Marktführer für autonome Sicherheitsroboter und setzt auf vollständige Eigenentwicklung entlang der gesamten Wertschöpfungskette. Im exklusiven Interview mit security-network.com spricht CEO Jérôme Laplace über die Unterschiede zwischen GR100 und GR200, konkrete Einsatzbeispiele und die Bedeutung technologischer Souveränität für Europa. Er fordert europäische Beschaffungsstellen auf, verstärkt auf heimische Lösungen zu setzen.

Robo: Mitarbeiter von Running Brains Robotics posieren vor einer Hallenwand mit den unbemannten Bodenfahrzeugen GR100 und GR200
Das Team von Running Brains Robotics mit den Robotern GR100 und GR200

In einem Sektor, der bislang stark von außereuropäischen Technologien geprägt ist, positioniert sich Running Brains Robotics als französischer Marktführer für autonome Sicherheitsroboter. Das Unternehmen aus Mérignac (Nouvelle-Aquitaine) versteht sich dabei nicht als Sicherheitsdienstleister, sondern als Hersteller mit voller Kontrolle über die gesamte Wertschöpfungskette: Design, Softwareentwicklung, Produktion, Einsatz und Wartung. Security-network.com hat mit CEO Jérôme Laplace exklusiv über die Strategie des Unternehmens gesprochen.

Running Brains Robotics: Ein Ökosystem aus Robotern, Sensoren und Software

Die Roboter von Running Brains Robotics sind Teil eines umfassenden Systems aus Maschinen, Sensoren, Software und einer Überwachungsplattform, das Unternehmen eine schlüsselfertige Lösung bietet. Als mobile, intelligente Sensorträger konzipiert, sammeln, analysieren und übertragen sie kontinuierlich Daten – im Dienst einer proaktiveren Sicherheitsstrategie.

Zum Einsatz kommen die Roboter auf Industrieanlagen und sensiblen Infrastrukturen, insbesondere in den Bereichen Lagerhaltung, Energie, Chemie, Öl und Gas, Verteidigung und Transport. Ihre Aufgaben lassen sich in zwei Kategorien einteilen: Security – also Abschreckung, Erkennung und Alarmierung – sowie Safety, also die Messung und Prävention anlagenbezogener Risiken. Autonom patrouillieren sie, analysieren ihre Umgebung und übertragen Alarme in Echtzeit, auch unter anspruchsvollen Außenbedingungen.

Vom Industrieroboter zur Bodendrohne

Die Entwicklung dieser Roboter ist Teil einer umfassenderen Entwicklung in der privaten Sicherheitsbranche und der Robotik selbst. Lange Zeit auf streng kontrollierte Industrieumgebungen beschränkt, hat sich die Robotik schrittweise zu Systemen entwickelt, die ihre Umgebung über eingebettete Sensoren und Algorithmen wahrnehmen können.

„Wir sind ebenso ein Robotik- wie ein KI-Unternehmen“, erklärt Jérôme Laplace, CEO von Running Brains Robotics. „Man kann sie als Bodendrohnen verstehen. Sie sorgen für eine kontinuierliche Präsenz am Boden und ergänzen andere Überwachungssysteme, insbesondere die Luftüberwachung.“

Die Roboter sind für den Außeneinsatz und europäische Witterungsbedingungen ausgelegt und laufen auf firmeneigener, intern entwickelter Detektions- und Navigationssoftware, die kontinuierlich weiterentwickelt wird und regelmäßig neue KI-Fortschritte integriert. Im Feld automatisieren sie präzise Kontrollen wie Zugangsprüfungen (Türen, Tore, Schranken, Schlösser), Anwesenheitserkennung, Kennzeichenerkennung sowie die Überwachung technischer Parameter wie Temperatur oder Gaskonzentration. Auch physische Anomalien wie beschädigte Zäune oder fehlende Ausrüstung werden erkannt.

Zwei Modelle: GR100 im Einsatz, GR200 in Entwicklung

Das aktuelle Produktportfolio basiert auf dem GR100, einem bereits breit im Feld eingesetzten autonomen Roboter, der sich in ständiger Weiterentwicklung befindet. Parallel entwickelt das Unternehmen mit dem GR200 eine neue Generation, die dank Geländetauglichkeit, verbesserter Akkulaufzeit und Sensoren neuester Generation auch in komplexeren Umgebungen operieren soll.

Im Interview mit security-network.com erläutert Laplace den Unterschied: „Unsere Roboter GR100 und GR200 ergänzen sich gegenseitig. Sie nutzen dieselbe fortschrittliche Navigations-, Analyse- und Wahrnehmungssoftware. Der Unterschied liegt in ihren physischen Fähigkeiten.“ Der GR200 eigne sich besonders für schwierige, weitläufige und unebene Patrouillenwege dank besserer Geländegängigkeit, Geschwindigkeit und Autonomie. „Für die Mehrheit der sensiblen und industriellen Standorte, die keine besonderen physischen Fähigkeiten erfordern, bietet der GR100 hingegen das beste Preis-Leistungs-Verhältnis.“ Während der GR100 seit vier Jahren verfügbar sei, komme der GR200 im Jahr 2027 auf den Markt.

Technische Daten des GR100

Der GR100 misst 930 x 680 x 1330 mm (L x B x H), wiegt 157 kg und verfügt über eine Bodenfreiheit von 120 mm. Er kann kleine Lasten von bis zu 30 kg transportieren und erreicht eine Höchstgeschwindigkeit von 2 m/s (7,2 km/h), im autonomen Patrouillenbetrieb 1,5 m/s (5,6 km/h). Für die autonome Navigation nutzt der Roboter einen 3D-Laser-Rangefinder mit 360°-Abdeckung, eine Tiefenkamera, IMU und RTK-GPS. Für seine Einsatzaufgaben stehen ihm eine Farbkamera mit 21-fachem optischem Zoom und Infrarot, eine Wärmebildkamera, zwei Panorama-Farbkameras mit Infrarot sowie Mikrofon und Lautsprecher für Zwei-Wege-Kommunikation zur Verfügung.

Die Akkulaufzeit liegt bei 4,5 Stunden im Dauerbetrieb, die Ladezeit an der Station bei 1,5 Stunden – das Aufladen erfolgt autonom. Der Roboter ist für Betriebstemperaturen von -10 °C bis +40 °C ausgelegt, kommuniziert über 4G Dual-Channel und überträgt Daten über einen verschlüsselten Tunnel. Das System ist DSGVO-konform.

Ergänzt wird der GR100 durch eine optionale Premium-Ladestation mit einer Höhe von 2 Metern, die über eine virtuelle Lidar-Barriere mit 50 Metern Reichweite auf beiden Seiten sowie eine PTZ-Farb-Dome-Kamera mit Infrarot und 21-fachem optischem Zoom verfügt. Die Station kooperiert mit dem Sicherheitsroboter, erkennt Erschütterungen am Kameramast, scannt zufällig vordefinierte Bereiche und ermöglicht eine 300°-Personenverfolgung.

Konkrete Einsatzbeispiele

Im Interview mit security-network.com nennt Laplace auf die Frage nach realen Fällen, in denen ein Roboter etwas entdeckt hat, das einer menschlichen Patrouille entgangen wäre, mehrere Beispiele: „Wir haben zahlreiche Beispiele für Erkennungen, die ohne Roboter nicht möglich gewesen wären.“ Dazu zähle etwa ein „Beobachter“ mit einer Kamera mit großem Teleobjektiv, der aus der Ferne eine sensible Anlage fotografierte und vom Roboter entdeckt wurde, oder Eindringlinge, die nachts vom Roboter im Tarnmodus überrascht wurden. „Ein weiteres Beispiel ist die zweifache Detektion von Lecks heißer Gase auf einem Industriegelände in der Nähe von Mitarbeiterwegen.“ Das Versprechen an die Kunden bestehe nicht nur in leistungsstarken, selbst entwickelten Erkennungsalgorithmen, sondern auch darin, dass diese kontinuierlich gewartet und weiterentwickelt würden, um langfristig optimale Leistung zu gewährleisten.

Sicherheitsroboter GR100 mit automatischer Personenerkennung vor einem Industriegebäude
Der GR100 erkennt eine Person in Echtzeit während der Patrouille

Technologische Souveränität als zentrales Argument

Vor dem Hintergrund geopolitischer Spannungen rückt technologische Souveränität zunehmend als strategisches Thema für Europa in den Fokus. Nach Angaben der Europäischen Kommission stammen mehr als 50 Prozent der in europäischen kritischen Infrastrukturen eingesetzten Technologien von außerhalb des Kontinents. Beim Thema Künstliche Intelligenz vereinen die USA und China laut Stanford AI Index und OECD zusammen fast 80 Prozent der weltweiten Investitionen.

In einem Gastbeitrag bezeichnet Laplace diese Zahlen als „keine statistischen Abstraktionen“, sondern als Beschreibung einer konkreten Abhängigkeit eines Kontinents, der mehr Technologie konsumiere als produziere. Souveränität dürfe dabei jedoch nicht mit Autarkie verwechselt werden: Kein Hersteller produziere jede einzelne Komponente selbst, auch ein Sensor könne durchaus von einem ausländischen Zulieferer stammen. Entscheidend sei, was mit diesen Komponenten geschehe – Design, Algorithmen, Elektronik und Mechanik aus eigener Entwicklung, Endmontage im Inland und die Integration all dieser Elemente zu einem kohärenten System. Das unterscheide einen bloßen Assembler von einem echten Hersteller.

Besonders im Bereich der Sicherheit sensibler Standorte – Energie, Öl und Gas, Chemie, Rechenzentren, Transport, Verteidigung oder Militärbasen – zeige sich diese Herausforderung deutlich, so Laplace in seinem Beitrag. Ein patrouillierender Roboter sammle kritische Daten; die Algorithmen, die sie verarbeiten, die Server, die sie hosten, und die Sensoren, die sie erfassen, bestimmten unmittelbar die Fähigkeit eines Landes, seine eigenen Anlagen zu schützen. Ausländische Technologien in diesen Bereichen einzusetzen bedeute bestenfalls eine kommerzielle Abhängigkeit – schlimmstenfalls einen Angriffspunkt.

Eigene Wertschöpfungskette als Antwort

Running Brains Robotics setzt nach eigenen Angaben auf vollständige Eigenentwicklung: Die autonomen Sicherheitsroboter werden in Mérignac designt, entwickelt und produziert, die Navigations- und Wahrnehmungsalgorithmen kontinuierlich von firmeneigenen Ingenieuren weiterentwickelt. Auch die Überwachungsplattform Running Brains Operations Center (RBOC) stammt aus eigener Entwicklung, die verarbeiteten Daten werden in Frankreich gehostet und Ende-zu-Ende verschlüsselt.

Im Gespräch mit security-network.com führt Laplace weiter aus: „Ich glaube, wir alle in Europa müssen gegen die bequeme Annahme ankämpfen, dass die besten Innovationen zwangsläufig von woanders kommen. Dabei muss sich Europa keineswegs für sein Know-how verstecken – im Gegenteil.“ Einige Kunden hätten sich zunächst für außereuropäische Lösungen entschieden, seien dann aber zu einem Roboter von Running Brains zurückgekehrt – wegen Service, Wartung und der Einhaltung strengster Cybersicherheitsstandards. „Wir verkörpern eine technologische Souveränität, die es uns ermöglicht, anspruchsvolle Kunden zu bedienen.“ Die Kontrolle über die gesamte Wertschöpfungskette ermögliche zudem Agilität und kontinuierliche Verbesserung. Die eigenen Erkennungsalgorithmen wiesen „eine besonders hohe Leistung bei sehr geringer Falsch-Positiv-Rate“ auf.

Appell an europäische Beschaffungsstellen

Auf die Frage, welche konkreten Schritte europäische Politik und öffentliche Beschaffungsstellen unternehmen sollten, verweist Laplace im Gespräch mit security-network.com zunächst auf die Bedeutung realer Kunden: „Nichts ersetzt echte Kunden. Nichts ersetzt die Realität vor Ort.“ Das Unternehmen entwickle seine Technologie nicht auf Basis von Proof-of-Concepts oder Innovationswettbewerben, sondern im ständigen Austausch mit Kunden, die die Effizienz der Roboter in realen Umgebungen konkret maßen.

Kritisch äußert sich Laplace zu vielfach kursierenden, oft aus China stammenden Roboter-Videos: „Aber reicht eine spektakuläre Demonstration aus, um eine robuste, zuverlässige und im Einsatz effektive Geschäftslösung zu sein? Genau hier liegt der Unterschied.“ Angesichts zunehmender Cybersicherheitsrisiken in Europa solle die Wahl einer zu 100 Prozent europäischen, von Grund auf mit Cybersicherheit konzipierten Lösung zu einem echten Auswahlkriterium werden. Öffentliche Stellen und europäische Einkäufer müssten verstehen, dass KI und Robotik „keine bloße Spielerei oder vorübergehende technologische Modeerscheinung“ seien. Sein erklärtes Ziel: „Wir möchten nichts lieber, als ein europäischer Champion zu werden, und das erfordert eine starke Präsenz unserer Lösungen in Deutschland.“

Fehlende Nachfrage als Engpass

In seinem Gastbeitrag benennt Laplace das eigentliche Problem: nicht fehlende Innovation, sondern fehlende Nachfrage. Europäische öffentliche und private Käufer bevorzugten weiterhin häufig Lösungen von außerhalb – aus Gewohnheit, Bequemlichkeit oder der Annahme geringeren Risikos. Das oft angeführte Preisargument sei größtenteils ein Missverständnis: Bei vergleichbarem Leistungsumfang seien die Unterschiede kleiner als angenommen und relativierten sich weiter, wenn man Gesamtkosten inklusive Integration, Wartung, Support und Lieferantenabhängigkeit betrachte. Ohne Marktnachfrage jedoch könne weder Souveränität bestehen noch ein Ökosystem wachsen.

Ein weiterer Vorteil europäischer Hersteller liege in der Kundennähe: Die Kontrolle über die gesamte Wertschöpfungskette – von Design über Software bis zum Kundendienst – erlaube es, Lösungen deutlich schneller an Feldbedürfnisse anzupassen und Wartungs- sowie Support-Zeiten erheblich zu verkürzen, wo internationale Anbieter oft lange, ausgelagerte technische Kanäle vorsähen.

Unternehmenshintergrund

Running Brains Robotics wurde 2019 gegründet und ist eine Marke der französischen Unternehmensgruppe NGX Robotics, die seit 2008 in der Robotik- und KI-Branche aktiv ist. Das industrielle Mittelstandsunternehmen beschäftigt rund 30 Mitarbeitende und erzielt einen Jahresumsatz von etwa 10 Millionen Euro. Die Gruppe umfasst mittlerweile vier Marken und ist international tätig, unter anderem über Génération Robots, eine anerkannte Referenz in der Robotikbranche.

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