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Gasversorgung 2026/27: Bayern warnt vor Versorgungslücke, Experten erwarten Preisanstieg

Deutschlands Gasspeicher liegen deutlich unter dem Vorjahresniveau. Bayern forderte den Bund zum Handeln auf, während internationale Marktrisiken die Lage zusätzlich verschärften. Experten rechneten trotz stabiler Versorgungslage mit deutlich steigenden Gaspreisen im Winter. Worauf müssen wir uns einstellen?

Gas: Kugelgasbehälter und Gasometer mit Stahlgitterkonstruktion auf einem bewaldeten Industriegelände unter blauem Himmel
Wie voll sind unsere Erdgasspeicher wirklich?
Foto: pexels/ Joerg Hartmann
Für den Winter 2026/27 zeichnet sich in Deutschland eine angespannte Ausgangslage bei den Gasspeichern ab. Die Füllstände liegen deutlich unter dem Niveau der Vorjahre, während gleichzeitig geopolitische Unsicherheiten auf dem globalen LNG-Markt zunehmen. Zahlen aus mehreren Quellen zeichnen ein konsistentes Bild: Ein akuter Gasmangel gilt derzeit als unwahrscheinlich – steigende und stark schwankende Preise dagegen als reales Risiko.

Füllstände deutlich unter Vorjahresniveau

Nach Daten von Gas Infrastructure Europe waren die deutschen Speicher Mitte August 2026 nur zu rund 48 bis 50 Prozent gefüllt. Im Vorjahresvergleich (19. August 2025: 67,1 Prozent) bedeutet das einen Rückstand von rund 17 Prozentpunkten. Europaweit lag der Füllstand Anfang August bei etwa 58 Prozent – der niedrigste Wert seit Beginn der Datenreihe 2011. Im europäischen Vergleich hinkt Deutschland dabei anderen Ländern hinterher: Italiens Speicher waren zu diesem Zeitpunkt bereits zu mehr als drei Vierteln gefüllt, Polens sogar zu 87 Prozent.

Der Rückblick auf den vergangenen Winter zeigt, warum die Ausgangslage 2026 so angespannt ist: Nach einem Start mit rund 75 Prozent im November 2025 sorgte ein kalter Januar für hohe Entnahmen – zeitweise stammten rund 38 Prozent des verbrauchten Erdgases aus den Speichern. Anfang März 2026 waren die Reserven auf etwa 20 bis 21 Prozent gesunken. Die anschließende Befüllungssaison startete entsprechend niedrig: Am 1. Mai 2026 lag der Füllstand erst bei rund 26 Prozent.

Bayern schlägt Alarm, Bund gefordert

Bayerns Wirtschafts- und Energieminister Hubert Aiwanger hat sich angesichts der Entwicklung erneut an Bundeswirtschaftsministerin Katherina Reiche gewandt. Nach seinen Angaben fehlen bundesweit noch rund 50 Terawattstunden, um das Speicherziel von durchschnittlich 70 Prozent zum 1. November zu erreichen. „Wir dürfen beim Gas nicht sehenden Auges in eine Versorgungslücke laufen. Jetzt muss die Einspeicherung deutlich an Fahrt aufnehmen“, so Aiwanger.

Der Minister verweist darauf, dass knapp 80 Prozent der Speicherkapazitäten bereits durch Gashändler gebucht seien, die Befüllung aber dennoch stockt. Grund sei die geringe Preisdifferenz zwischen Sommer- und Wintermonaten, die eine frühzeitige Einlagerung wirtschaftlich unattraktiv mache. „Theorie und Praxis klaffen derzeit zu weit auseinander“, erklärt Aiwanger. Für Bayern komme hinzu, dass neben dem bundesweiten Durchschnitt auch die regionale Verteilung der Vorräte und die verfügbare Ausspeicherleistung entscheidend seien – die bayerischen Speicher selbst weisen derzeit vergleichsweise niedrige Füllstände auf. Für die Versorgung des Freistaats spielen deshalb auch die österreichischen Speicher Haidach und 7Fields eine wichtige Rolle, die direkt an das deutsche Fernleitungsnetz angebunden sind.

Aiwanger begrüßt zwar die Pläne des Bundes für eine Nationale Gasreserve, macht aber deutlich: „Für den Winter, der jetzt vor uns liegt, brauchen wir aber andere Instrumente. Das Gas für den nächsten Winter muss jetzt in die Speicher.“ Die Bundesregierung plant nach früheren Angaben den Aufbau einer strategischen Erdgasreserve im Umfang von rund 24 Terawattstunden.

Globale Unsicherheiten verschärfen die Lage

Auch international bleibt die Angebotsseite fragil. Nach Einschätzung der Internationalen Energieagentur (IEA) hat die faktische Schließung der Straße von Hormus – über die zuvor fast 20 Prozent des weltweiten LNG-Handels liefen, vor allem aus Katar – einen schweren Angebotsschock ausgelöst. Zwar konnten Produzenten in Nordamerika, Afrika und Australien einen Großteil der ausgefallenen Mengen kompensieren, doch rechnet die IEA inzwischen nur noch mit einem weitgehend stagnierenden globalen LNG-Angebot für das laufende Jahr. Bleiben die Lieferungen vom Persischen Golf länger aus als im Basisszenario angenommen, könnte das weltweite Angebot laut IEA erstmals seit 2012 sogar schrumpfen.

Hinzu kommt der globale Wettbewerb um Flüssiggas: Asiatische Abnehmer zahlen laut Commerzbank-Rohstoffexperte Norman Liebke teils deutlich mehr für LNG – ein Aufschlag, der ausreicht, um flexible Ladungen dorthin umzulenken, statt sie nach Europa zu liefern.

Kein Gasmangel, aber Preisrisiko

Sowohl die EU-Kommission als auch die Bundesnetzagentur sehen die Versorgungssicherheit derzeit nicht gefährdet: Die „Koordinierungsgruppe Erdgas“ der EU äußert „keine unmittelbaren Bedenken“ für den kommenden Winter, die Bundesnetzagentur bezeichnet die deutsche Gasversorgung als stabil. Thomas Benedix, Rohstoffexperte bei Union Investment, warnt zugleich vor einem vorschnellen Vergleich mit der Energiekrise 2022: „Die aktuelle Lage ist sicherlich nicht vergleichbar mit damals. Jetzt sind wir darauf vorbereitet, viel Flüssiggas zu empfangen – auch über die verschiedenen Terminals, die es in der Nord- und Ostsee gibt.“

Dennoch rechnet Benedix damit, dass die deutschen Speicher zu Winterbeginn nur zu rund 70 Prozent gefüllt sein dürften. Bei einem überdurchschnittlich kalten Winter könnten die Vorräte gegen Ende der Heizperiode nach seinen Berechnungen sogar „in Richtung zehn Prozent Füllstand“ sinken. Für den Gaspreis hält er einen Anstieg auf „80 bis 100 Euro je Megawattstunde“ für möglich – eine Verdreifachung gegenüber dem Jahresbeginn, wenngleich weit entfernt von den mehr als 300 Euro je Megawattstunde im Sommer 2022.

Als entscheidende Faktoren für die Preisentwicklung im Winter gelten damit vor allem vier Größen: die Speicherfüllstände selbst, der Wetterverlauf in Europa und Asien, die LNG-Nachfrage in Asien sowie die weitere Entwicklung der Lieferungen aus dem Mittleren Osten.

Relevanz für Kommunen und kritische Einrichtungen

Auch wenn ein physischer Versorgungsengpass derzeit nicht das wahrscheinlichste Szenario ist, bleibt er bei einem Zusammentreffen mehrerer ungünstiger Faktoren – etwa einem extrem kalten Winter, niedrigen Ausgangsfüllständen und zusätzlichen Störungen auf dem LNG-Markt – nicht ausgeschlossen. Käme es dennoch zu einer Notlage, greifen zunächst marktwirtschaftliche Instrumente wie höhere Preise oder freiwillige Verbrauchsreduzierungen; erst bei Ausrufung der Notfallstufe würde die Bundesnetzagentur als Bundeslastverteiler eingreifen. Haushalte, Krankenhäuser, soziale Einrichtungen und bestimmte Fernwärmeversorger gelten dabei als besonders geschützte Kunden – eine pauschale Abschaltreihenfolge für Unternehmen gibt es nicht.

Für Kommunen und soziale Einrichtungen ist vor diesem Hintergrund vor allem die langfristige Kalkulierbarkeit der eigenen Wärmeversorgung relevant: Wärmebedarfsanalysen, Redundanzen in der Anlagentechnik und Spitzenlastkonzepte gewinnen angesichts der volatilen Marktlage an Bedeutung – unabhängig davon, ob es im kommenden Winter tatsächlich zu Engpässen kommt.

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