Malteser-Studie: Ehrenamt als tragende Säule der Krisenfestigkeit

Der aktuelle Malteser Ehrenamtsmonitor zeigt: Zwei Drittel der Deutschen halten den Staat in Krisenlagen ohne ehrenamtlichen Bevölkerungsschutz für kaum handlungsfähig. Gleichzeitig fürchten viele Ehrenamtliche eine wachsende Überlastung durch schrumpfende staatliche Leistungen. Bessere Rahmenbedingungen könnten die Engagementbereitschaft deutlich erhöhen.

Einsatzkräfte von THW und Malteser Hilfsdienst versorgen eine verletzte Person auf einer Trage unter einer Rettungsdecke
Ehrenamtsmonitor: Ehrenamtliche fürchten wachsende Überlastung
Foto: Malteser Hilfsdienst e.V.

Der aktuelle Malteser Ehrenamtsmonitor zeigt: Viele Menschen in Deutschland sind bereit zu helfen, zugleich erwarten sie klare Grenzen, verlässliche staatliche Verantwortung und bessere Rahmenbedingungen. Die Ergebnisse machen deutlich, wo Ehrenamt besonders stark ist, wo professionelle Strukturen unverzichtbar sind – und welches Potenzial entsteht, wenn Engagement besser unterstützt würde.

Im Auftrag der Malteser befragte YouGov vom 22. bis 24. Juli 2026 insgesamt 2.057 Personen ab 18 Jahren. Die Umfrage ist repräsentativ nach Alter, Geschlecht und Religion. Der Ehrenamtsmonitor misst den Puls der Gesellschaft beim Thema ehrenamtliches Engagement und wird zweimal jährlich durch YouGov im Auftrag der Malteser erhoben.

Viele Menschen engagieren sich – besonders im sozialen Miteinander

Rund die Hälfte der über 2.000 Befragten (54 Prozent) hat bereits eigene Erfahrung mit ehrenamtlichem Engagement im sozialen Bereich oder im Bevölkerungsschutz gemacht. Berücksichtigt man alle Tätigkeiten, die innerhalb und außerhalb einer Organisation und sowohl regelmäßig als auch gelegentlich ausgeübt werden, sind aktuell 36 Prozent der Befragten in diesen Bereichen tätig. Weitere 18 Prozent haben sich früher einmal ehrenamtlich engagiert, waren aber zum Befragungszeitpunkt nicht mehr aktiv.

Am häufigsten berichten die Befragten von Erfahrungen in der Unterstützung älterer oder kranker Menschen: 26 Prozent haben sich hier bereits engagiert, 14 Prozent tun dies aktuell. Danach folgen Zuhören und soziale Begleitung, etwa gegen Einsamkeit: 20 Prozent haben damit Erfahrung, 13 Prozent engagieren sich aktuell in diesem Bereich. Über alle Bereiche hinweg ist der Anteil aktuell Engagierter bei den unter 25-Jährigen am höchsten.

Etwa jeder Zweite (52 Prozent) derer, die sich bereits ehrenamtlich engagiert haben, kennt das Gefühl, mit dem eigenen Engagement Aufgaben staatlicher Stellen oder Hauptamtlicher zu übernehmen. Besonders ausgeprägt ist dieses Gefühl bei den Jüngeren unter 25 Jahren.

Ehrenamt: Unverzichtbar für die Krisenfestigkeit des Staates

Insgesamt wird Ehrenamt als wichtige gesellschaftliche Ressource gesehen. Zugleich braucht es staatliche Unterstützung und klare Zuständigkeiten. Jeweils mehr als vier von fünf Befragten stimmen zu, dass Ehrenamt professionelle Strukturen ergänzen und wirksamer machen, sie aber nicht ersetzen kann. Ebenso wichtig sind aus Sicht der Befragten eine bessere staatliche Förderung des Ehrenamts sowie eine klare Rollen- und Aufgabenverteilung, damit Ehrenamtliche nicht überlastet werden.

Vier von fünf Befragten (81 Prozent) stimmen zu, dass bei knapper werdenden staatlichen Leistungen der Druck auf Ehrenamtliche steigt, Aufgaben zu übernehmen. Zugleich erwartet die Mehrheit der Befragten (57 Prozent), dass staatlich finanzierte soziale Leistungen in den kommenden zwei Jahren eingeschränkt werden. Lediglich 12 Prozent rechnen mit einem Ausbau. Aus Sicht der Befragten ist die Gefahr damit realistisch, dass staatliche Aufgaben stärker auf das Ehrenamt verlagert werden und der Druck auf ehrenamtliche Akteure weiter steigt.

Auch wenn die Verantwortung für den Bevölkerungsschutz ganz klar beim Staat gesehen wird, halten zwei Drittel der Deutschen – konkret 65 Prozent – den Staat in Krisenlagen wie Hochwasser, Stromausfällen, einer Pandemie oder äußerer Bedrohung ohne den ehrenamtlichen Bevölkerungsschutz für nicht oder kaum handlungsfähig. Nur 28 Prozent der Befragten sind der Meinung, der Staat sei auch ohne die Unterstützung durch ehrenamtliche Hilfsorganisationen in großen Krisenlagen voll oder eher handlungsfähig.

Die Rolle von Staat und Ehrenamt bei sozialen Aufgaben und Krisenbewältigung

Das Spektrum der im Ehrenamtsmonitor betrachteten Engagementfelder reicht von Tätigkeiten, die individuell und spontan ausgeübt werden können, bis zu Aufgaben, bei denen staatliche Verantwortung und professionelle Strukturen unverzichtbar sind. Die Befragten haben einen differenzierten Blick darauf, wer Aufgaben hauptsächlich übernehmen sollte. Bei Katastrophenhilfe und Bevölkerungsschutz sehen sie die Hauptverantwortung mehrheitlich direkt beim Staat (54 Prozent). Bei den meisten anderen Aufgaben, darunter psychosoziale Krisenintervention (73 Prozent), Pflegeunterstützung (63 Prozent), Schulbegleitung (59 Prozent) sowie Patenschaften und Mentoring z. B. für Geflüchtete (48 Prozent), sollten aus Sicht der Befragten entweder staatliche Stellen oder hauptamtlich agierende Organisationen die Hauptverantwortung tragen. Das zeigt: In diesen Bereichen erwarten die Menschen Fachlichkeit, Verlässlichkeit, Kontinuität und klare Verantwortlichkeiten.

Ehrenamtliches Engagement wird dagegen vor allem bei sozialen Aufgaben in der Hauptverantwortung gesehen, etwa beim Zuhören und bei sozialer Begleitung gegen Einsamkeit. Bezieht man ehrenamtliche Organisationen und Privatpersonen gemeinsam ein, gilt dies auch für die Begleitung von Menschen mit dem Ziel, Teilhabe und Integration zu fördern.

Verbesserte Rahmenbedingungen könnten das Engagement fördern

Angesichts des Stellenwerts des Ehrenamts in den betrachteten Aufgabenfeldern stellt sich die Frage, unter welchen Bedingungen sich die Menschen in Deutschland mehr engagieren würden. Die Befragten haben klare Vorstellungen davon, welche Bedingungen für sie persönlich wichtig wären, um sich selbst zu engagieren. Besonders häufig genannt werden die Erstattung entstandener Kosten (30 Prozent), zeitliche Flexibilität (28 Prozent) sowie Vorteile bei der Altersvorsorge (27 Prozent). Danach folgen gute Schulungen (23 Prozent) und wenig Bürokratie (22 Prozent). Nur 16 Prozent können sich unter keinen Umständen vorstellen, sich häufiger oder erneut ehrenamtlich zu engagieren.

Unter entsprechend verbesserten Bedingungen würden sich 41 Prozent der Befragten erstmals, erneut oder stärker ehrenamtlich engagieren. 15 Prozent würden ihr bestehendes Engagement unverändert fortführen. Ebenfalls 15 Prozent würden sich auch bei besseren Bedingungen weiterhin nicht oder nicht erneut engagieren. Der hohe Anteil unentschlossener Befragter (29 Prozent; „weiß nicht“ oder keine Angabe) lässt vermuten, dass mehr Information über Engagementmöglichkeiten und -formen benötigt wird.

Die Bereitschaft zu helfen ist groß – vor allem im persönlichen Umfeld

Wenn es darum geht, soziale Probleme zu lösen und den Bevölkerungsschutz in Deutschland leistungsfähig zu halten, zeigen sich viele Befragte bereit, selbst etwas zu tun. 43 Prozent wären bereit, im persönlichen Umfeld und Alltag aktiv zu helfen. Weitere 26 Prozent würden sich politisch informieren und Anliegen unterstützen, 22 Prozent würden sich mehr ehrenamtlich engagieren, und 21 Prozent würden Hilfsorganisationen durch Spenden oder eine Fördermitgliedschaft finanziell unterstützen.

Die Ergebnisse zeigen: Engagement zeigt sich nicht nur im klassischen Ehrenamt, sondern auch in alltagsnaher Hilfe, politischem Interesse und finanzieller Unterstützung. Zugleich sieht knapp ein Drittel derzeit keinen eigenen Beitrag zur Lösung sozialer Probleme.

Martin Schelleis, Präsident des Malteser Hilfsdienstes, ordnet die Ergebnisse ein: „Der Ehrenamtsmonitor zeigt: Hunderttausende Menschen wären bereit, sich ehrenamtlich in sozialen Diensten oder im Bevölkerungsschutz zu engagieren, wenn die Rahmenbedingungen stimmen. Ehrenamt ist kein Sparmodell. Wer es stärken will, muss notwendige staatliche Leistungen verlässlich finanzieren und bürgerschaftliches Engagement nicht über Gebühren belasten.“

Ehrenamt und Staat sind kein Gegensatz, sondern ein Zusammenspiel

Der Staat trägt Verantwortung für den Schutz vor Gefahren ebenso wie für Integration, Inklusion, Teilhabe und soziale Sicherung. In diesen Bereichen steht Deutschland vor Herausforderungen, bei denen zusätzlich ehrenamtliches Engagement nötig ist, damit der Staat in Notsituationen handlungsfähig bleibt. Ehrenamt kann diese Aufgaben ergänzen – es kann und darf sie nicht dauerhaft absichern.

Die Malteser sind eine der großen Hilfsorganisationen, die sich im Auftrag von Bund, Ländern und Gemeinden an der öffentlichen Gefahrenabwehr durch Zivil- und Katastrophenschutz beteiligen. Professionell agierende Hilfsorganisationen können Ressourcen mobilisieren, Vertrauen schaffen und Menschen erreichen, die staatliche oder professionelle Strukturen allein oft nicht erreichen. Dafür braucht Ehrenamt einen staatlichen Rahmen, auf den es aufbauen kann, und klare Grenzen, die es vor Überlastung schützen.

Gute Rahmenbedingungen als Ausdruck von Wertschätzung

Auch für andere Aufgaben im gesellschaftlichen Miteinander wollen die Malteser möglichst viele Menschen dafür gewinnen, sich freiwillig und dauerhaft für ihre Mitmenschen in Not zu engagieren. Dieses Engagement muss gut vorbereitet, geschult, fachlich begleitet und organisatorisch verlässlich eingebettet sein. Gute Rahmenbedingungen sind konkreter Ausdruck echter Wertschätzung: Ehrenamtliche Sanitätspersonen müssen ihren Arbeitsplatz bei großen Notfällen umgehend verlassen dürfen, und ihre Arbeitgeber müssen den Lohn erstattet bekommen. Ausrüstung und Schulung müssen finanziert und finanzielle Aufwände unkompliziert erstattet werden. Nur so wird es gelingen, motivierte Ehrenamtliche in ausreichender Zahl für die anstehenden Aufgaben zu gewinnen und zu binden.

Ehrenamt ist für die Malteser niemals „Lückenfüller“, sondern ein wichtiger Beitrag für den gesellschaftlichen Zusammenhalt und ein tragender Bestandteil gesellschaftlicher Resilienz. Es entfaltet seine größte Wirkung dort, wo Menschen Verantwortung übernehmen können, ohne Verantwortung tragen zu müssen, die eigentlich institutionell abgesichert sein muss.

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