BKA-Bundeslagebild 2025: Rekordwerte bei Organisierter Kriminalität und Drogentoten

Das BKA meldet für 2025 einen neuen Höchststand bei Tatverdächtigen der Organisierten Kriminalität – und eine wachsende Rolle von Crime-as-a-Service und rekrutierten Minderjährigen. Parallel bleibt die Zahl der Drogentoten mit 2.150 Fällen auf hohem Niveau, während sich bei Kokain, Cannabis und neuen psychoaktiven Stoffen deutliche Verschiebungen zeigen. Dobrindt, Münch und Streeck stellten die Bundeslagebilder gemeinsam vor.

BKA: Einwegspritze mit Flüssigkeit und offener Beutel mit getrockneten Pflanzenteilen unter blauem Licht auf einer Holzoberfläche
Organisierte Kriminalität in Deutschland: BKA verzeichnet höchsten Tatverdächtigen-Stand seit Jahren
Foto: pexels/ MART PRODUCTION

Organisierte Kriminalität und Rauschgiftkriminalität 2025: BKA meldet neue Höchstwerte

683 Ermittlungsverfahren, knapp 8.000 Tatverdächtige, ein Geldwäsche-Volumen von 1,39 Milliarden Euro: Die Bundeslagebilder Organisierte Kriminalität (OK) und Rauschgiftkriminalität, die das Bundeskriminalamt (BKA) am 15. September 2026 vorgestellt hat, zeichnen das Bild einer Kriminalität, die sich zunehmend digitalisiert, professionalisiert – und gezielt Kinder und Jugendliche für ihre Zwecke einspannt.

Vorgestellt wurden die Zahlen von Bundesinnenminister Alexander Dobrindt, BKA-Präsident Holger Münch und dem Beauftragten der Bundesregierung für Sucht- und Drogenfragen, Prof. Dr. Hendrik Streeck.

BKA: Fünftes Rekordjahr in Folge

Bereits zum fünften Mal in Folge liegt die Zahl der OK-Verfahren über 600: 683 waren es 2025, 5,6 Prozent mehr als im Vorjahr. Die Tatverdächtigenzahl kletterte laut BKA auf knapp 8.000 – der höchste Wert der vergangenen fünf Jahre. Fast sieben von zehn Verfahren (68,7 Prozent) hatten einen transnationalen Bezug.

„Organisierte Kriminalität ist eine wachsende Gefahr für unsere innere Sicherheit“, sagte Dobrindt. Die Banden würden professioneller, brutaler und skrupelloser. Mit dem gemeinsamen Aktionsplan zur Bekämpfung von Organisierter Kriminalität und Finanz- und Rauschgiftkriminalität wolle man kriminelle Strukturen härter angehen, illegale Werte beschlagnahmen und Täter konsequenter bestrafen.

BKA-Präsident Münch verwies auf den Wandel des Phänomens selbst: Die Netzwerke agierten heute digital vernetzter, internationaler und arbeitsteiliger – und nutzten mitunter sogar geopolitische Konflikte für ihre Zwecke. Notwendig sei deshalb eine engere nationale wie internationale Zusammenarbeit, um nicht nur einzelne Täter, sondern die Strukturen dahinter zu treffen.

Wenn Gewalt zur Dienstleistung wird

Ein Begriff taucht im diesjährigen Lagebild auffällig oft auf: Crime-as-a-Service. Gemeint ist die Auslagerung krimineller Tätigkeiten an spezialisierte Anbieter – von der Geldwäsche bis zur Gewalttat. In jedem fünften OK-Verfahren des Jahres 2025 (140 von 683) ließ sich dieses Muster nachweisen. Bei 90 Verfahren boten Gruppierungen selbst kriminelle Dienstleistungen an, bei 75 nahmen sie welche in Anspruch – Money-Laundering-as-a-Service über Hawala-Banking etwa, oder Violence-as-a-Service in Form von Brandstiftung und versuchten Tötungsdelikten.

Besonders beunruhigend liest sich der Abschnitt zur Rekrutierung Minderjähriger. Kriminelle Netzwerke werben Kinder und Jugendliche gezielt über soziale Medien oder Gaming-Plattformen an, oft schon ab 13 Jahren. Nach Europol-Zahlen sind 13- bis 17-Jährige mittlerweile in über 70 Prozent der kriminellen Märkte als Mittäter beteiligt – bei Cyberkriminalität ebenso wie bei Drogenhandel oder Gewaltdelikten. Die Methoden reichen von Gamification-Ansätzen, bei denen Straftaten als „Spielemission“ mit Belohnungssystem präsentiert werden, bis zu offener psychischer und physischer Gewalt gegen die Jugendlichen selbst.

Auch bei der Bewaffnung zeigt sich ein Trend nach oben: 467 Tatverdächtige waren 2025 nachweislich bewaffnet, ein Anteil von 5,8 Prozent – der dritte Anstieg in Folge. Insgesamt wurden 688 Schusswaffen sichergestellt, mehr als anderthalbmal so viele wie im Vorjahr. Ein einziges Verfahren im Bereich Waffenhandel brachte einen der größten Waffenfunde der deutschen Nachkriegsgeschichte zutage: 192 Kriegswaffen und 318 Schusswaffen in einem Lager.

Zur Bekämpfung von Violence-as-a-Service läuft seit April 2025 bei Europol die Operational Task Force GRIMM, an der inzwischen elf europäische Staaten beteiligt sind. Innerhalb eines Jahres führte sie zu mehr als 280 Festnahmen, darunter acht sogenannte High Value Targets im Irak und in der Türkei. Das BKA fungiert dabei als Schnittstelle zwischen den nationalen und internationalen Polizeidienststellen.

Eine Milliarde Euro durch ein einziges Verfahren

Der finanzielle Schaden durch Organisierte Kriminalität stieg 2025 auf 2,78 Milliarden Euro, die kriminellen Erträge auf rund 2,16 Milliarden. Beide Werte gehen zu einem erheblichen Teil auf ein einziges Verfahren zurück: ein weltweites Schneeballsystem, hinter dem ein deutscher Hauptbeschuldigter stehen soll, der über Kryptowährungen ein Geldwäschenetzwerk aufgebaut und dabei mitunter mehr als eine Million Euro täglich umgesetzt haben soll. Dieses Verfahren allein macht mehr als ein Drittel des Gesamtschadens und fast die Hälfte des Gesamtertrags aus.

Gesichert werden konnte davon vergleichsweise wenig: 106 Millionen Euro an Vermögenswerten, in drei Vierteln aller Verfahren gelang das gar nicht – oft, weil Ermittlungen noch liefen oder der Verbleib des Geldes ungeklärt blieb.

Im Bereich Geldwäsche selbst wurde ein Volumen von 1,39 Milliarden Euro ermittelt, sechsmal so viel wie im Vorjahr. Das Lagebild beschreibt einen klaren Trend zu spezialisierten, eigenständigen Geldwäsche-Dienstleistern sowie zu Hawala-ähnlichen Strukturen, die als „Criminal Underground Banking“ bezeichnet werden. Auch Kryptomixer, über die illegal erworbenes Geld verschleiert und wieder ausgezahlt wird, spielen weiterhin eine große Rolle.

Beamte, Zeugen, Speditionen: Wo die OK ansetzt

101 Verfahren wiesen 2025 Formen der Einflussnahme auf staatliche, wirtschaftliche oder gesellschaftliche Strukturen auf – mit mindestens 215 Einzelfällen, deutlich mehr als im Vorjahr (178). Am häufigsten betroffen: Strafverfolgung und Justiz, dicht gefolgt von der Wirtschaft. Daneben registrierten die Behörden 95 sogenannte Insiderhandlungen, bei denen etwa Mitarbeitende von Speditionen Herkunftsorte von Containern verschleierten oder Bankangestellte unrechtmäßige Überweisungen veranlassten.

Ein eigener Abschnitt widmet sich der Einschüchterung von Zeugen und Ermittlungsbeamten – durch Bestechung, soziale Diffamierung oder offene Drohungen, teils auch gegen Familienangehörige, mit dem Ziel, Aussagen zu verhindern oder zurückzuziehen.

Drogen bleiben das Kerngeschäft – aber nicht mehr allein

Mit 252 Verfahren ist die Rauschgiftkriminalität nach wie vor der größte Einzelbereich der Organisierten Kriminalität, wenn auch mit einem Anteil von 36,9 Prozent so niedrig wie seit 2019 nicht mehr. Dahinter folgen Wirtschaftskriminalität (116 Verfahren), Steuer- und Zolldelikte (73), Schleusung (61) und Eigentumsdelikte (41).

Innerhalb der Drogenverfahren dominiert weiterhin Kokain mit 127 Fällen, vor Cannabis-Produkten (46) und Verfahren mit mehreren Rauschgiftarten zugleich (36).

Bei der Schleusungskriminalität wurden die meisten Gruppierungen von syrischen Tatverdächtigen angeführt, gefolgt von deutschen, chinesischen und türkischen Staatsangehörigen. Zugleich sank die Zahl unerlaubter Grenzübertritte an der EU-Außengrenze um etwa ein Viertel – teils Folge des Machtwechsels in Syrien, der die irreguläre Migration von dort spürbar reduziert hat. Gleichzeitig beobachten die Behörden mehr Fälle von Visaerschleichung, etwa über Programme zur Fachkräftegewinnung.

Wenn Staaten kriminelle Netzwerke nutzen

Bemerkenswert ist ein Abschnitt zu geopolitischen Einflüssen: Kriege und bewaffnete Konflikte begünstigten Instabilität und Korruption – ein Nährboden für Organisierte Kriminalität. Zwar lässt sich im Zusammenhang mit dem russischen Angriffskrieg bislang kein vergleichbarer Waffenhandel feststellen wie einst nach den Jugoslawien-Kriegen, deren Waffen noch heute in Europa kursieren. Dennoch beobachtet das BKA eine wachsende hybride Bedrohungslage, bei der staatliche Akteure kriminelle Strukturen für eigene Zwecke instrumentalisieren – etwa durch den Einkauf von Cyberangriffen als Dienstleistung.

Als Beispiel nennt das Lagebild das schwedische Netzwerk „Foxtrot“, das direkte Verbindungen zur iranischen Regierung unterhalten und im Januar 2024 in deren Auftrag einen Anschlag auf die israelische Botschaft in Stockholm verübt haben soll. Als Reaktion auf solche Entwicklungen wurde im Juni 2026 in Deutschland das Gemeinsame Zentrum zur Abwehr hybrider Bedrohungen gegründet, in dem Bund, Länder, Verfassungsschutz und BSI koordiniert zusammenarbeiten.

Kokain: Weniger Menge, mehr Reinheit, sinkende Preise

Die Zahl der Kokain- und Crack-Delikte stieg 2025 leicht um 1,9 Prozent, bei den Handelsdelikten waren es 8,7 Prozent – insgesamt 39.414 Fälle. Auffälliger ist die Entwicklung bei den Sicherstellungsmengen: Nach dem Rekordjahr 2023 mit rund 43 Tonnen sank die Menge über 24 Tonnen (2024) auf nur noch 10,1 Tonnen im vergangenen Jahr. Der Kilopreis fiel parallel auf rund 26.000 Euro – ein Hinweis auf ein Überangebot am Markt, das sich auch in anderen westeuropäischen Ländern zeigt.

Verschoben haben sich zudem die Einfallstore: Während in Antwerpen deutlich mehr Kokain sichergestellt wurde als im Vorjahr (54,8 statt 44,3 Tonnen), ging die Menge in Rotterdam zurück. Zunehmend rücken stattdessen Spanien und Frankreich in den Fokus der Schmuggelnetzwerke.

Bei der Einfuhr und Weiterverteilung spielen laut BKA vor allem Gruppierungen aus den Balkanstaaten und der Türkei eine Rolle, daneben auch italienische und marokkanische Netzwerke. Ein Trick, der zunehmend Sorgen bereitet: sogenannte „Mezclados“ – Kokain, das physisch oder chemisch in legaler Exportware wie Kaffee, Kohle oder Kunststoff versteckt wird. Zwischen 2022 und 2025 deckte eine Bund-Länder-Abfrage des BKA bundesweit zehn solcher Extraktionslabore auf.

Auch auf See wird geschmuggelt: Bei sogenannten „Drop-offs“ werfen Besatzungen größerer Frachtschiffe Rauschgift über Bord, das anschließend von schnellen kleineren Booten unbemerkt aufgenommen wird – meist vor Westafrika oder den Küsten Portugals und Spaniens. Auch an Nord- und Ostsee wurden bereits größere Mengen aus misslungenen Drop-offs angespült.

Marihuana-Funde verdreifacht

Bei Cannabis lässt die Teillegalisierung von 2024 direkte Jahresvergleiche kaum zu. Auffällig ist trotzdem ein Sprung bei den Sicherstellungsmengen: Wurden 2024 rund 19,4 Tonnen Marihuana beschlagnahmt, waren es 2025 bereits 63,8 Tonnen – eine Verdreifachung. Ein Großteil davon kam per Container oder Postsendung aus Nordamerika und Thailand nach Deutschland.

Auch der heimische Anbau wächst: 567 Cannabis-Plantagen mit mindestens 20 Pflanzen wurden 2025 entdeckt, 55 Prozent mehr als im Vorjahr. Vor allem in Spanien hat sich mittlerweile ein professioneller, von OK-Gruppierungen betriebener Anbau etabliert.

Neue Substanzen, neue Risiken

Sprunghaft gestiegen ist die Zahl der Delikte mit Neuen psychoaktiven Stoffen (NPS): um 25,5 Prozent auf 5.338 Fälle. Fast verdoppelt haben sich dabei Verstöße nach dem eigens für diese Substanzen geschaffenen Gesetz. Am häufigsten fanden sich unter den untersuchten Proben synthetische Cannabinoide, gefolgt von Ketamin-Derivaten und synthetischen Cathinonen.

Sorge bereiten den Behörden vor allem neuartige synthetische Opioide – etwa Methadon-Derivate oder die als „Orphine“ bezeichnete Stoffgruppe. Schon kleinste Mengen können hier tödlich wirken.

Bei Heroin gingen die Fallzahlen zwar um 16,7 Prozent zurück, doch die sichergestellte Menge explodierte förmlich: von rund 144 Kilogramm 2024 auf etwa 1.020 Kilogramm im vergangenen Jahr, bedingt durch einzelne Großsicherstellungen des Zolls. Bei Metamfetamin vervierfachte sich die Sicherstellungsmenge auf rund 2.040 Kilogramm, häufig im Transit über deutsche Flughäfen. Und auch bei Amfetamin und Captagon-Tabletten – von letzteren wurden 2,11 Millionen Stück beschlagnahmt – zeigen die Zahlen deutlich nach oben.

2.150 Drogentote – junge Menschen zunehmend betroffen

2.150 Menschen starben 2025 in Deutschland an den Folgen von Drogenkonsum, kaum mehr als im Vorjahr (2.137). Nach dem Rekordwert von 2023 scheint sich die Zahl auf hohem Niveau einzupendeln. Der Altersdurchschnitt liegt weiterhin bei 41 Jahren, doch die Verteilung verschiebt sich: Fast jeder vierte Verstorbene ist inzwischen unter 30, und die Zahl der unter 20-Jährigen hat sich seit 2021 nahezu verdoppelt.

Besonders deutlich zeigt sich der Wandel bei den Neuen psychoaktiven Stoffen: Die Zahl der damit verbundenen Todesfälle stieg von 52 (2022) über 90 und 154 auf zuletzt 177 Fälle – bei jungen Erwachsenen unter 30 Jahren geht mittlerweile jeder sechste drogenbedingte Todesfall auf NPS zurück.

„Die 2.150 Menschen, die im vergangenen Jahr an Drogen gestorben sind, sind auch Opfer der Organisierten Kriminalität“, sagte Drogenbeauftragter Streeck. Rauschgift sei deren wichtigstes Geschäftsfeld in Deutschland, an jedem Gramm Kokain klebe Blut. Man gehe deshalb beide Seiten des Marktes an: den Netzwerken Geld, Vertriebswege und Ausgangsstoffe zu entziehen – und gleichzeitig mit Prävention, Frühintervention und Behandlung dafür zu sorgen, dass weniger Menschen abhängig werden und sterben.

Verschlüsselte Kommunikation bleibt zentrales Ermittlungsfeld für das BKA

Auch beim digitalen Handel zeigt sich, wie sehr sich die Szene professionalisiert: 57 Marktplätze mit Deutschland-Bezug wurden 2025 identifiziert, 21 davon gingen im Jahresverlauf durch Strafverfolgung oder Betrug unter den Betreibern selbst wieder vom Netz.

Die Auswertung verschlüsselter Kommunikation lieferte 2025 die Grundlage für 1.411 neu eingeleitete Verfahren – deutlich mehr als im Vorjahr (933) – sowie für die Sicherstellung von 14,6 Tonnen Betäubungsmitteln. Seit 2020 kommt diese Ermittlungsmethode auf mehr als 7.691 Verfahren und rund eine Milliarde Euro arretiertes Vermögen. Beide Bundeslagebilder stehen laut BKA auf dessen Website zum Download bereit.

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