Ein simuliertes Ammoniakleck, fünf Betroffene und eine komplexe Einsatzlage: Bei RedStorm Charlie trainieren Einsatzkräfte in Hamburg den Umgang mit einem Chemieunfall. Dabei geht es nicht nur um die Rettung Verletzter, sondern auch um Dekontamination, Messungen und die Zusammenarbeit vieler Organisationen.

RedStorm Charlie: Ein Ammoniakaustritt bringt Einsatzkräfte an ihre Grenzen
„Da ist irgendwas aufgegangen. Da qualmt irgendwas und da liegen mehrere Personen.“ Dieser Satz ist Teil des abgesetzten Notrufs, der die heutige CBRN-Übung im Hamburger Hafen eröffnete. Viel mehr weiß der Anrufer zunächst nicht. Was genau ausgetreten ist, bleibt unklar. Klar ist nur: Auf dem Gelände sind Menschen verletzt. Feuerwehr und Rettungsdienst werden gebraucht.
Für die Leitstelle ist genau das die Herausforderung, die bei einem Gefahrstoffunfall schnell zum Problem werden kann. Bei einem gewöhnlichen Notruf gibt es ein festgelegtes Abfrageprotokoll. Bei einer Chemielage fehlt aber zunächst die entscheidende Information: Was ist da eigentlich ausgetreten?
Bei der Chemie-Unfallübung im Rahmen von RedStorm Charlie in Hamburg wird genau diese Situation durchgespielt. Das Szenario ist über fast acht Monate vorbereitet worden. Auf dem Gelände liegt ein beschädigter Behälter, aus dem Ammoniak austritt. Drei Personen liegen auf dem Boden, zwei weitere können noch stehen beziehungsweise sich selbst aus dem Gefahrenbereich bewegen. Insgesamt sind fünf Menschen betroffen.
Noch bevor die ersten Einsatzkräfte eintreffen, beginnt damit die eigentliche Herausforderung: herausfinden, womit man es zu tun hat – und gleichzeitig verhindern, dass sich weitere Menschen in Gefahr bringen.
Erst einmal Abstand halten
Die Werkfeuerwehr trifft als eine der ersten Einheiten an der Einsatzstelle ein. Doch anstatt sofort zu den Verletzten zu laufen, bleibt sie zunächst auf Abstand. Das gehört bei einem Gefahrgutunfall zu den grundlegenden Regeln.
Der Einsatzleiter erkundet die Lage. Er spricht eine betroffene Person an, nähert sich dem eigentlichen Gefahrenbereich aber nicht unnötig. Drei Menschen liegen vor einem Bundeswehr-Lkw. Sie wirken schwer verletzt und können sich nicht selbst aus der Gefahrenzone bewegen. Zwei weitere Personen sind noch gehfähig. Erst einmal muss also geklärt werden, was passiert ist.
Im Übungsszenario wird ein Ammoniakaustritt simuliert. Ammoniak wird im Hamburger Hafen in unterschiedlichen Größen und Behältern umgeschlagen. Sobald die Leitstelle Kenntnis von einem Gefahrstoffaustritt hat, können Nachschlagewerke und Ausbreitungsprogramme genutzt werden. Dabei spielen unter anderem die Menge des Stoffes, die Windrichtung und die Art des Gefahrstoffs eine Rolle.
Aus fünf Betroffenen wird schnell eine komplexe Lage
Parallel zur Erkundung wird der Rettungsdienst alarmiert. Die fünf Betroffenen werden zunächst als MANV 5 eingeordnet. Im weiteren Verlauf wird die Lage auf MANV 10 hochgestuft. Der Grund: Bei einem solchen Einsatz muss nicht nur mit den bereits bekannten Verletzten gerechnet werden. Auch für die Einsatzkräfte selbst besteht eine Gefahr.
Die Rettungsdienstführung stimmt sich deshalb mit der Einsatzleitung ab. Wo kann die medizinische Versorgung sicher stattfinden? Wo kann die Dekontamination aufgebaut werden? Und welche weiteren Kräfte werden wann benötigt?
Die Antwort auf die letzte Frage ist nicht einfach: Die Einsatzfahrzeuge sollen nicht alle gleichzeitig bis an die Einsatzstelle fahren. Dafür gibt es einen Bereitstellungsraum. Dort sammeln sich die nachrückenden Kräfte und werden anschließend in der richtigen Reihenfolge abgerufen.
Das wirkt auf den ersten Blick langsam. Bei einer Gefahrstofflage ist es aber genau das Gegenteil: Wer zu schnell und unkoordiniert vorfährt, kann die Einsatzstelle blockieren oder sich selbst einer Kontamination aussetzen.
Drei rote Patienten
Für die fünf Betroffenen beginnt die Vorsichtung. Drei Personen werden als rot eingestuft, zwei als grün. Damit ist klar, wer zuerst versorgt werden muss. Gleichzeitig darf der Rettungsdienst nicht einfach die Patienten aufnehmen und ins Krankenhaus bringen. Denn möglicherweise sind sie mit dem ausgetretenen Stoff kontaminiert. Genau deshalb laufen medizinische Versorgung und Dekontamination parallel.
Die drei liegenden Patienten werden zunächst aus dem Gefahrenbereich gebracht. Die gehfähigen Betroffenen können sich teilweise selbst in Richtung des sicheren Bereichs bewegen. Auch sie müssen jedoch dekontaminiert werden.
Der Weg ins Krankenhaus führt zunächst über die Dekontamination
Das Problem ist nicht nur der Stoff selbst. Auch die Kleidung kann kontaminiert sein. Deshalb müssen die Betroffenen ihre Kleidung ablegen und anschließend gereinigt werden. Wasser steht dafür schnell zur Verfügung und eignet sich für eine erste Dekontamination. Gleichzeitig bringt es ein neues Problem mit sich: Wer mit Wasser gereinigt wird, kann schnell auskühlen.
Deshalb wird parallel der Wärmeerhalt vorbereitet. Ein mobiles Zelt wird aufgebaut, in dem die Patienten anschließend weiter versorgt werden können.
Auch die Einsatzkräfte selbst müssen dekontaminiert werden. Wer im kontaminierten Bereich gearbeitet hat, kann nicht einfach aus seinem Chemikalienschutzanzug steigen und wieder in den normalen Einsatz zurückkehren.
20 Minuten im Chemikalienschutzanzug
Für die eigentliche Gefahrstoffbekämpfung kommen speziell geschützte Einsatzkräfte zum Einsatz. Neben der normalen Feuerwehrschutzkleidung werden Schutzform 2 und Schutzform 3 eingesetzt. Bei Schutzform 3 handelt es sich um einen Chemikalienschutzanzug. Die Arbeit darin ist körperlich belastend und zeitlich begrenzt. Unter den Bedingungen der Übung kann ein Trupp ungefähr 20 Minuten im Einsatz bleiben.
Deshalb wird bereits der nächste Trupp vorbereitet, während der erste noch arbeitet. Dieser zweite Trupp ist gleichzeitig Reserve und Sicherung für die eingesetzten Kräfte. So entsteht ein rollierender Ablauf.Nach rund 20 Minuten wird der erste Trupp herausgelöst und durch den nächsten ersetzt.
Wo breitet sich das Ammoniak aus?
Während die Spezialkräfte am beschädigten Behälter arbeiten, läuft die Messung des Gefahrstoffs weiter. Der Umweltdienst setzt mobile Messgeräte ein. Zusätzlich wird ein CBRN-Messfahrzeug eingesetzt. Damit können die Einsatzkräfte feststellen, wo sich gefährliche Konzentrationen befinden und wie weit sich der Stoff ausgebreitet hat.
Auch die Windrichtung wird berücksichtigt. In der Übung wird angenommen, dass der Wind aus Norden in Richtung Süden weht. Die Gefahrstoffwolke könnte damit auch andere Bereiche erreichen. Um die Ausbreitung des simulierten Ammoniaks einzudämmen, erzeugt die Werkfeuerwehr mit einem Wasserwerfer einen Wasserschleier. Der soll beispielsweise verhindern, dass das Ammoniak in Richtung eines Schiffes oder anderer kritischer Infrastruktur getragen wird.
Der beschädigte IBC muss gesichert werden
Die Einsatzkräfte müssen nicht nur die Verletzten versorgen. Parallel läuft die eigentliche Gefahrstoffbekämpfung weiter. Ein Trupp erkundet den beschädigten Behälter. Sobald die Lage ausreichend beurteilt ist, geht es darum, den Austritt zu stoppen. Im weiteren Verlauf wird vorbereitet, den Inhalt des beschädigten IBC in einen anderen Behälter umzupumpen.
Auch hier zeigt sich, warum die Einsatzkräfte nicht einfach möglichst schnell handeln können. Jede Maßnahme muss vorbereitet werden. Die eingesetzten Kräfte müssen geschützt sein, ein weiterer Trupp muss bereitstehen und gleichzeitig darf die Kontamination nicht weiter verschleppt werden.
Was passiert mit dem Hafen?
Der Gefahrstoffaustritt betrifft in dem Szenario nicht nur die Menschen unmittelbar an der Einsatzstelle. Durch die angenommene Ausbreitung der Ammoniakwolke wird der Hafenbereich zunächst gesperrt. Damit stellt sich sofort die nächste Frage: Was passiert mit den Schiffen, die bereits auf dem Weg nach Hamburg sind?
Auch das muss berücksichtigt werden. Schiffe können nicht einfach in einen gesperrten Bereich fahren. Es muss geklärt werden, ob sie umgeleitet werden können oder wo sie zwischengeparkt werden. Parallel steht die Einsatzleitung im Austausch mit dem Gefechtsstand der Bundeswehr. Da es sich um eine simulierte Bundeswehr-Liegenschaft handelt, müssen auch weitere mögliche Gefahren berücksichtigt werden – etwa die Frage, ob sich noch Soldaten auf dem Gelände befinden, ob Munition vorhanden ist oder welches Material sich auf dem Lkw und dem dahinterliegenden Schiff befindet. Aus dem zunächst scheinbar begrenzten Gefahrstoffaustritt wird damit eine Lage, die zahlreiche weitere Bereiche betrifft.
Nicht nur die fünf Patienten sind betroffen
Während die fünf Betroffenen dekontaminiert und medizinisch versorgt werden, müssen auch die Einsatzkräfte berücksichtigt werden. Wer am beschädigten Behälter mit dem Ammoniak gearbeitet hat, muss nach dem Einsatz ebenfalls dekontaminiert werden. Einige Einsatzkräfte werden aus ihrer persönlichen Schutzausrüstung herausgeführt und anschließend gereinigt.
Der Aufwand einer solchen Lage beschränkt sich deshalb keineswegs auf die fünf Verletzten. Genau das soll die Übung zeigen: Schon bei einer vergleichsweise kleinen Zahl von Betroffenen entsteht ein erheblicher organisatorischer Aufwand. Was bei fünf Menschen funktioniert, muss grundsätzlich auch bei einer deutlich größeren Zahl funktionieren.
Die Übung wird wissenschaftlich begleitet
RedStorm Charlie ist deshalb nicht nur ein praktischer Test für Feuerwehr und Rettungsdienst. Die Abläufe werden auch wissenschaftlich begleitet.
Studierende der Hochschule beobachten unter anderem, wie kommuniziert wird und wie Entscheidungen getroffen werden. Dabei geht es um die Frage, wo Abläufe funktionieren und an welchen Stellen später noch nachgebessert werden kann.
Besonders interessant ist die Dekontamination. Die Verletzten-Darsteller werden dafür mit einer simulierten Kontamination versehen, die unter UV-Licht sichtbar wird. Nach der Reinigung lässt sich überprüfen, ob noch Rückstände vorhanden sind. Auch die Einsatzkräfte werden kontrolliert. Unter anderem werden die Schuhsohlen untersucht, um mögliche Verschleppungen der Kontamination festzustellen.
Viele Organisationen, eine Einsatzstelle
Bei RedStorm Charlie arbeiten zahlreiche Organisationen zusammen. Neben Berufs- und Freiwilliger Feuerwehr sind Werkfeuerwehr, Rettungsdienst, ASB, DRK, Johanniter, Malteser, DLRG und THW beteiligt. Gerade diese Zusammenarbeit ist ein wesentlicher Bestandteil der Übung. Es geht nicht nur darum, ob einzelne Einsatzkräfte ihre Geräte bedienen können. Entscheidend ist auch, ob die Schnittstellen zwischen den Organisationen funktionieren.
Wer informiert wen? Wer übernimmt welche Aufgabe? Wann werden weitere Kräfte angefordert? Wo werden Patienten versorgt? Wie werden kontaminierte Personen dekontaminiert? Und wie verhindert man, dass sich der Gefahrstoff über Patienten oder Einsatzkräfte weiter ausbreitet?
Ruhe ist Teil des Einsatzes
Bei einer echten Chemielage kommt noch ein Faktor hinzu, der sich nur schwer planen lässt: die Reaktion der Menschen. Wenn zunächst niemand weiß, welcher Stoff ausgetreten ist, kann schnell Angst entstehen. Gerade dann ist es wichtig, die Betroffenen nicht einfach sich selbst zu überlassen, sondern zu erklären, was passiert und warum bestimmte Maßnahmen Zeit benötigen.
Auch die Einsatzkräfte müssen dabei ruhig und strukturiert vorgehen. Eine Dekontamination lässt sich nicht beliebig beschleunigen. Der Aufbau entsprechender Zelte dauert in der Regel 30 bis 45 Minuten. Spezialkräfte können nur begrenzte Zeit im Chemikalienschutzanzug arbeiten.
Eine solche Lage braucht deshalb vor allem eines: Vorbereitung.
Was am Ende zählt
RedStorm Charlie zeigt, wie schnell aus einem unklaren Notruf eine komplexe Gefahrstofflage werden kann. Am Anfang steht nur die Information, dass auf einem Gelände „irgendwas“ austritt und mehrere Menschen verletzt sind. Danach folgen Erkundung, Messung, Rettung, Vorsichtung, Dekontamination, medizinische Versorgung und die Sicherung des Gefahrstoffs.
Gleichzeitig müssen Hafen, Bundeswehr und weitere Beteiligte einbezogen werden. Die Übung soll genau diese Schnittstellen trainieren. Denn bei einer solchen Lage reicht es nicht, wenn einzelne Organisationen ihre Aufgaben beherrschen. Die Abläufe müssen ineinandergreifen.
RedStorm Charlie bietet dafür die Möglichkeit, die Zusammenarbeit unter realitätsnahen Bedingungen zu testen – und dabei festzustellen, was bereits funktioniert und wo noch nachgebessert werden muss. Das Ziel ist klar: Im Ernstfall sollen die Einsatzkräfte sicher und schnell handeln können – zum Schutz der Hamburger Bevölkerung.
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