Rund 300 Hektar Waldfläche betroffen
Der Großbrand im Hürtgenwald bei Düren hält Einsatzkräfte und Bevölkerung weiter in Atem. Nach offiziellen Angaben stehen inzwischen bis zu 300 Hektar Wald in Flammen, eine exakte Vermessung gestaltet sich durch den starken Hubschraubereinsatz weiterhin schwierig. Die Lage bleibt nach Einschätzung der Einsatzkräfte sehr dynamisch.
Ausgangspunkt war ein Brand, der sich bereits am Donnerstagnachmittag zunächst auf rund 25 Hektar ausbreitete. In der Nacht zu Freitag rückten die Flammen bis auf wenige hundert Meter an den Ortsteil Gey heran, sodass gegen 4 Uhr die Evakuierung angeordnet wurde. Rund 1.800 Bewohnerinnen und Bewohner mussten ihre Häuser verlassen. Der Kreis Düren bestätigte den Abschluss der Evakuierung um 8:15 Uhr – sie sei ohne Zwischenfälle verlaufen.
Feuerwehr: „Wir stellen uns auf alle Szenarien ein“
Für den heutigen Tag warnt die Feuerwehr vor besonders kritischen Bedingungen. Einsatzleiter Peter Berndgen bezeichnete die Wetterlage als „Red Flag Day“ – eine Kombination aus Temperaturen über 30 Grad und starken, wechselnden Winden. Genau das erschwere zuverlässige Prognosen zur weiteren Entwicklung erheblich. „Wir stellen uns auf alle Szenarien ein“, sagte Berndgen gegenüber ntv.
Landrat Ralf Nolten teilte dpa mit, die Lage stabilisiere sich etwas. Es gebe aber weiterhin viele Glutnester. „Die Zeit bis Mittag ist für uns die entscheidende“, sagte Nolten. Am Nachmittag drohe durch steigende Temperaturen erneut Thermik, die Feuer wieder anfachen könnte. Bis der Brand vollständig gelöscht ist, werde es noch Tage dauern.
Bürgermeister Stephan Cranen beschrieb gegenüber ntv die angespannte Stimmung in seiner von Wald umgebenen Gemeinde. Er habe angesichts der anhaltenden Hitze schon länger befürchtet, dass es zu einer solchen Situation kommen könnte. Cranen bestätigte zudem, dass es am Donnerstag drei Brände gegeben habe. Zwei seien unter Kontrolle gebracht worden, der dritte habe sich in Richtung Gey und Richtung eines alten Munitionslagers in Düren ausgebreitet.
Landrat Ralf Nolten bestätigte, dass sich Einsatzkräfte in der Nacht streckenweise hätten zurückziehen müssen, um nicht eingekesselt zu werden. Zeitweise lagen die Flammen nur noch 150 bis 250 Meter von Gey entfernt, die Warn-App NINA zeigte die höchste Warnstufe „Extreme Gefahr“ an.
Munitionsreste erschweren Löscharbeiten am Boden
Erschwert wird der Einsatz durch Munitionsreste aus dem Zweiten Weltkrieg, die im Hürtgenwald – Schauplatz einer der verlustreichsten Schlachten des Krieges – noch im Boden liegen. In der Nacht kam es bereits zu mehreren Detonationen. „Das Gelände ist doch sehr schwierig, und durch die hohe Munitionsbelastung können wir auch keine einzelnen Feuerwehrleute mit Löschrucksäcken reinschicken“, erklärte Landrat Nolten.
Bodentruppen können deshalb in weiten Teilen nicht eingesetzt werden, die Bekämpfung konzentriert sich schwerpunktmäßig auf die Luft. Diskutiert wird ein Gegenfeuer, das dem Hauptbrand den Sauerstoff entziehen soll. Laut WDR sind dafür bereits Experten aus ganz Deutschland vor Ort.
Die Zahl der eingesetzten Hubschrauber ist inzwischen auf fünf gestiegen: Neben je einer Maschine der NRW-Polizei und der Bundespolizei sind drei weitere Hubschrauber aus Rheinland-Pfalz und Hessen im Einsatz, wie das NRW-Innenministerium mitteilte. Zusätzlich beteiligt sich nun auch die Bundeswehr mit zwei Löschhubschraubern vom Typ NH-90, die vom niedersächsischen Standort Faßberg gestartet sind. Die Maschinen sind mit sogenannten Bambi Buckets ausgerüstet – faltbaren Löschwasserbehältern, mit denen pro Flug bis zu 2.000 Liter Wasser abgeworfen werden können. Für den Nachmittag waren zudem Löschflugzeuge der Bundeswehr angekündigt. Auch Wasserwerfer kommen weiterhin zum Einsatz und gelten als besonders wirksam bei der Eindämmung der Flammen.
Rund 300 Einsatzkräfte waren laut WDR und Polizei am Vormittag im Einsatz.
Betreuung und Verkehr
Die bisherigen Betreuungsstellen für evakuierte Anwohnerinnen und Anwohner – eine Grundschule sowie ein Sport- und Schützenheim im Ortsteil Straß – mussten wegen starker Rauchentwicklung und Ascheaustrag ihrerseits geräumt werden. Als neue Anlaufstelle dient nun eine Förderschule in Düren.
Die Ausfahrten der A4 bei Düren und Langerwehe sind weiterhin gesperrt, da sie als Rettungszufahrten für die Einsatzkräfte benötigt werden. Eine Dauer der Sperrung konnte die Autobahn GmbH bislang nicht nennen, die Auffahrten an beiden Anschlussstellen bleiben nutzbar. Feuerwehr und Polizei appellieren zudem eindringlich an Schaulustige, das Einsatzgebiet zu meiden: Vor Ort kam es wiederholt zu Behinderungen der Einsatzwege durch Personen, die den Brand fotografieren wollten.
Im Kreis Düren kam es zu einem zweiten, separaten Flächenbrand. In Merzenich nahe dem Tagebau Hambach brannten ein Waldstück und eine Solaranlage.
NRW-Innenminister Herbert Reul und Landwirtschaftsministerin Silke Gorißen (beide CDU) appellieren wegen der Trockenheit landesweit, Wälder zu meiden.
Experte: Deutschland nur bedingt auf Waldbrände vorbereitet
Mit Blick auf die grundsätzliche Vorbereitung Deutschlands auf große Vegetationsbrände äußerte sich Ulrich Cimolino, Vorsitzender des Arbeitskreises Waldbrand im Deutschen Feuerwehrverband, gegenüber dem ZDF zurückhaltend. Eine Stärke sei das flächendeckende deutsche Feuerwehrsystem: „Wir schaffen es, sehr viele Feuer klein zu halten, weil wir Feuerwehr in der Fläche haben.“ Der aktuelle Fall zeige jedoch, wie schnell sich die Lage unter extremen Wetterbedingungen dennoch zuspitzen kann.
Der Hürtgenwald umfasst rund 140 km² zwischen Aachen, Düren und der Rur. US-Soldaten nannten das Gebiet im Zweiten Weltkrieg „Death Factory“.
Verletzte wurden bislang nicht gemeldet, die Ursache des Brandes ist weiterhin unklar.
Mit WhatsApp immer auf dem neuesten Stand bleiben!
Abonnieren Sie unseren WhatsApp-Kanal, um die Neuigkeiten direkt auf Ihr Handy zu erhalten. Einfach den QR-Code auf Ihrem Smartphone einscannen oder – sollten Sie hier bereits mit Ihrem Mobile lesen – diesem Link folgen:






