Das Hochwasser 2024 in Bayern, das als Jahrhunderthochwasser und eines der schwersten Naturereignisse der letzten Jahrzehnte gilt, werden Betroffene und Einsatzkräfte nicht vergessen. 2024 haben sich laut Gesamtverband der Versicherer die Hochwasserschäden mehr als verdoppelt, wovon die Bundesländer Bayern und Baden-Württemberg die höchsten Schadensummen zu beklagen hatten [1]. Das Hochwasser forderte zudem sechs Todesopfer, darunter eine Einsatzkraft der Feuerwehr [2]. Von den 83.375 im Einsatz befindlichen Einsatzkräften aller Organisationen (Feuerwehren 62.324, Hilfsorganisationen 9.854, Bayer. Polizei 1.774, THW 5.591, Bundeswehr 2.478, Sonstige 1.336), kam die Mehrheit aus den Freiwilligen Feuerwehren [3].
Deskriptive Daten
Im Rahmen der ersten Erhebung (Juli bis September 2024) wurden 1.215 Personen befragt, in der zweiten Erhebung (Januar bis Ende Februar 2025), die ausschließlich an Kräfte der Wasserwacht adressiert war, weitere 490 Personen. Von den insgesamt 1.705 Teilnehmenden waren 47 nicht im Einsatz, sodass 1.658 Einsatzkräfte in die Auswertung eingingen. Davon kamen 1.639 Personen aus Bayern (98,85 %). Unter den Teilnehmenden befanden sich 986 Angehörige der Feuerwehr (59,47 %), 490 der Wasserwacht (29,55 %) sowie 182 weiterer Hilfsorganisationen (10,98 %). Der Fragebogen wurde von 988 Einsatzkräften (59,59 %) und 670 Führungskräften (40,41 %) ausgefüllt. Da die Umfrage¹ freiwillige Antwortmöglichkeiten enthielt, wurden einzelne Fragen nur von einem Teil der Teilnehmenden beantwortet.
Das Durchschnittsalter der Teilnehmenden betrug rund 37 Jahre. Einsatzkräfte waren mit durchschnittlich 34,53 Jahren gut sechs Jahre jünger als Führungskräfte (40,87 Jahre).
Freistellung für den Einsatz
Der abgefragte Einsatzzeitraum betrug bei den Einsatzkräften (EK) durchschnittlich drei und bei den Führungskräften (FK) vier Tage. Die Mehrheit der EK (536; 56,60 %) und FK (361; 57,03 %) bewertete die Einsatzdauer als angemessen. 227 EK (23,97 %) bzw. 111 FK (17,54 %) hielten sie für zu kurz, 184 EK (19,43 %) bzw. 161 FK (25,44 %) für zu lang. Als Gründe wurden lange Wartezeiten in den Bereitstellungsräumen sowie zu kurze Einsatzzeiten vor Ort genannt.
Für den Hochwassereinsatz wurden 652 EK (66,46 %) und 416 FK (78,05 %) freigestellt. Unbezahlt freigestellt waren 71 EK (7,24 %) und 23 FK (4,32 %). Weitere 194 EK (19,78 %) und 74 FK (13,88 %) leisteten den Einsatz in ihrer Freizeit, da keine Freistellung gewährt wurde. Die Urlaubsregelung nutzten 26 EK (2,65 %) und 9 FK (1,69 %), während 38 EK (3,87 %) bzw. 11 FK (2,06 %) Überstunden einsetzten.
Ausbildung, Information, Reaktion
Persönliche Vorbereitung:
Jeweils über 10 % der Befragten sehen sich für solche Lagen sehr gut vorbereitet (138 EK, 14,12 %; 92 FK, 13,81 %). Ein Großteil schätz die eigene Vorbereitung als gut ein (429 EK, 43,91 %; 347 FK, 52,10 %). Knapp jede*r Dritte (285 EK, 29,17 %; 181 FK, 27,18 %) sieht sich jedoch nur bedingt gut vorbereitet. Bei den Führungskräften sehen sich zusammengenommen 46 (6,9 %) schlecht vorbereitet; bei den Einsatzkräften sind es hingegen 125 (12,79 %).
Ein wichtiger Punkt für die Bewältigung einer Großschadenslage und die Darstellung bzw. Diskussion in der Öffentlichkeit ist die Qualität des Informationsflusses. 326 der EK (33,5 %) fühlten sich sehr gut oder gut informiert; bei den FK waren es 232 (34,73 %). Als mittelmäßig wurde die Informiertheit von 333 EK (34,22 %) und 229 FK (34,28 %) bewertet. Das jeweils letzte Drittel fühlte sich nicht oder nicht ausreichend über die Lage informiert – bei den EK 314 (32,27 %), bei den FK 207 (30,99 %).
Vorbereitung innerhalb der beteiligten Behörden:
Die öffentlichen Behörden wurden überwiegend als nicht gut vorbereitet wahrgenommen. Nur 33 EK (3,40 %) und 27 FK (4,05 %) vergaben die Bestnote, die zweitbeste Bewertung erhielten 199 EK (20,47 %) und 141 FK (21,14 %). Jeweils rund ein Drittel bewertete die Vorbereitung als durchwachsen (324 EK, 33,33 %; 223 FK, 33,43 %) bzw. eher schlecht (301 EK, 30,97 %; 208 FK, 31,18 %). Eine schlechte bzw. dringend verbesserungsbedürftige Vorbereitung sahen 115 EK (11,83 %) und 68 FK (10,19 %).
Das Reaktionsverhalten der Behörden wurde hingegen besser beurteilt. Die Bestnote vergaben 61 EK (6,46 %) und 45 FK (6,79 %), ein gutes Reaktionsverhalten bescheinigten 301 EK (31,85 %) und 202 FK (30,47 %). Als durchwachsen bewerteten es 350 EK (37,04 %) und 243 FK (36,65 %). Verbesserungsbedarf sahen 179 EK (18,94 %) und 134 FK (20,21 %), während lediglich 54 EK (5,71 %) und 39 FK (5,88 %) eine ausgesprochen schlechte Bewertung vergaben.
Einsatzmaterial
Die Umfrage zeigt, dass FK Materialengpässe häufiger wahrnahmen und Material öfter nachforderten als EK. Zwischen Wasserwacht und den übrigen Teilnehmergruppen bestanden deutliche Unterschiede: Die Kräfte der Wasserwacht konnten zwei Drittel der Einsatzaufträge mit vorhandenem Material bewältigen (65,15 %). Bei Engpässen war eine Nachforderung jedoch seltener möglich (7,97 %), sodass fast jede vierte Kraft (23,01 %) angab, das Material habe zur Auftragserfüllung nicht ausgereicht. Bei der Feuerwehr konnten zunächst 53 % der Einsatzaufträge mit vorhandenem Material bearbeitet werden, Material wurde jedoch häufiger nachgefordert (28,40 %). In 14,40 % der Fälle reichte das Material nicht für eine (zufriedenstellende) Bearbeitung aus.
Als fehlendes Material nannten Kräfte der Wasserwacht vor allem Schwimmwesten, persönliche Schutzausrüstung (PSA) und Wechselkleidung, Technik und Handwerkszeug sowie zusätzliche bzw. besser an die Einsatzlage angepasste Fahrzeug- und Bootstechnik.
Die übrigen, überwiegend aus der Feuerwehr stammenden EK und FK nannten insbesondere Defizite in den Bereichen Personal, Kleinwerkzeug/Material/Sonstiges, Unterbringung, Sanitär, Betreuung und Verpflegung, Führung und Kommunikation (Funk), PSA und Wechselkleidung, Schwimmwesten, Boote, Quantität und Qualität des Materials, Logistik, Stromerzeuger und Licht, Kraft- und Betriebsstoffe, quantitative und qualitative Fahrzeugausstattung, Sandsäcke und Sandsack-Alternativen einschließlich Logistik, Ölwehr und Ölsperren, Behälter, Schläuche, Pumpen sowie Wasserförderung.
Beste Informationsquellen
Die wichtigsten Informationsquellen für EK und FK waren die internen Informationen der jeweiligen Hilfsorganisationen (830; 50,06 %). Ergänzend wurden Apps (z. B. NINA, KatWarn) (611; 36,85 %), Bekanntmachungen des Krisenstabs (441; 26,60 %) sowie von jeder dritten Kraft soziale Medien (36,37 %) genutzt. FK bewerteten Informationen des Krisenstabs und der Städte besser, während EK häufiger auf öffentlich zugängliche Quellen wie TV/Nachrichten, Radio und Online-Zeitungen zurückgriffen. Tabelle 2 gibt einen Überblick über die weiteren Informationsquellen sowie deren Bewertung bzw. Zustimmung durch EK und FK.
Behandlungs- und Unterstützungsbedarfe
Von den 988 befragten gaben 579 (58,60 %) Personen (EK 416, FK 670) an, dass kein Bedarf an Versorgung, Betreuung oder Evakuierung vulnerabler Gruppen bestand. Dennoch waren 143 EK (14,47 %) und 112 FK (16,72 %) in die Versorgung (medizinisch, soziale Betreuung) sowie 325 EK (32,89 %) und 207 FK (30,90 %) in die Evakuierung aus Wohnungen, Altenheimen und Einrichtungen des Betreuten Wohnens eingebunden. Auch im persönlichen Umfeld waren einige Einsatzkräfte mit Versorgungsherausforderungen konfrontiert. 199 EK (9,55 %) und 158 FK (17,72 %) hatten Angehörige oder Bekannte mit behandlungsbedürftigen Vorerkrankungen. Die genannten Bedarfe betrafen vor allem die Unterbringung, die Versorgung mit Lebensmitteln und Medikamenten sowie die alltägliche Betreuung (Tabelle 3) und spiegeln damit die wesentlichen Herausforderungen im Einsatzgeschehen wider.
Erforderliche Maßnahmen zur Ereignisbewältigung
Die Einschätzungen zu notwendigen Maßnahmen für die bessere Bewältigung zukünftiger Ereignisse fielen gemischt aus. Hohe Zustimmung erhielten bei EK und FK insbesondere eine bessere finanzielle Unterstützung der Hilfsorganisationen, eine schnellere Information der Bevölkerung durch Städte, Gemeinden und Landkreise sowie eine breitere Schulung der Bevölkerung zum Verhalten im Ereignisfall (Tabelle 4). Unterschiede zeigten sich bei der Bewertung einzelner Maßnahmen: FK kritisierten häufiger Strukturen und Personalentscheidungen in den Krisenstäben, während EK einen größeren Bedarf an Informationen, insbesondere aus offiziellen Pressekonferenzen, äußerten. Auch die Einbindung von Spontanhelfenden wurde unterschiedlich bewertet: Rund jede dritte EK befürwortete eine stärkere Einbindung, bei den FK stimmte dem nur gut jede fünfte Person zu.
Führungsebenen übergreifende Kommunikation
Eine funktionierende Kommunikation zwischen EK und FK ist für die Bewältigung von Großschadenslagen essenziell. Die subjektive Informiertheit wurde von beiden Gruppen ähnlich bewertet: 35,24 % der Einsatzkräfte (EK) und 40,25 % der Führungskräfte (FK) bewerteten sie als „sehr gut“ oder „gut“, 25,00 % der EK bzw. 25,72 % der FK als durchwachsen. Als „schlecht“ oder „sehr schlecht“ stuften sie 39,75 % der EK und 34,04 % der FK ein.
Die Kommunikationsqualität wurde von FK insgesamt besser bewertet. Besonders deutlich zeigt sich dies bei den Bestbewertungen: 89 FK (13,40 %) vergaben „sehr gut“, gegenüber 47 EK (7,41 %). Insgesamt äußerten sich Einsatzkräfte kritischer zur Kommunikationsqualität.
Ungeachtet dieser Kritik bewerteten beide Gruppen ihren eigenen Beitrag zur Einsatzbewältigung überwiegend positiv. 645 EK (65,74 %) und 408 FK (77,42 %) gaben an, „voll und ganz“ bzw. „überwiegend“ erfolgreich zur Bewältigung der Lage beigetragen zu haben. Negative Bewertungen blieben mit 176 EK (17,94 %) bzw. 52 FK (9,87 %) vergleichsweise selten.
Das Hochwasser 2024 in Bayern stellte Einsatzkräfte, Behörden und Bevölkerung vor außergewöhnliche Herausforderungen. Die Befragung von 1.658 EK und FK zeigt eine hohe Einsatzbereitschaft und großes persönliches Engagement. Die Mehrheit bewertete sowohl die eigene Vorbereitung als auch den eigenen Beitrag zur Einsatzbewältigung positiv.
Gleichzeitig wurden deutliche Optimierungspotenziale sichtbar. Insbesondere die Vorbereitung öffentlicher Behörden wurde kritisch beurteilt. Auch Informationsweitergabe und Kommunikation über Führungsebenen hinweg galten vielfach als verbesserungsbedürftig. Das Reaktionsverhalten der Behörden wurde zwar besser bewertet als deren Vorbereitung, dennoch besteht insbesondere bei Informationsflüssen, der Krisenstabsarbeit und der Einbindung verschiedener Akteure weiterer Handlungsbedarf.
Darüber hinaus verdeutlicht die Befragung, dass Materialengpässe, die Personalverfügbarkeit und die Versorgung vulnerabler Bevölkerungsgruppen zentrale Herausforderungen im Katastrophenschutz bleiben. Gleichzeitig unterstreichen die Ergebnisse die Bedeutung verlässlicher interner Kommunikationsstrukturen sowie einer frühzeitigen Information der Bevölkerung.
Insgesamt liefern die Ergebnisse praxisnahe Hinweise für die Weiterentwicklung des Bevölkerungsschutzes. Zur nachhaltigen Stärkung der Resilienz von Einsatzorganisationen, Behörden und Bevölkerung gegenüber zukünftigen Extremwetterereignissen sind verstärkte Investitionen in Vorsorge, Ausbildung, Ausstattung, Kommunikation und Krisenmanagement erforderlich.
Autoren: Robert Konrad, Toivo Franzki, Christian Bauer
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