Erinnerungen an die Flutkatastrophe
Fünf Jahre nach der Flutkatastrophe in Nordrhein-Westfalen und Rheinland-Pfalz ziehen Hilfsorganisationen und Wissenschaft eine gemeinsame Bilanz. Zwar habe sich der Bevölkerungsschutz in einigen Bereichen verbessert, dennoch bestehe weiterhin erheblicher Handlungsbedarf. Zu diesem Ergebnis kamen Vertreter des Arbeiter-Samariter-Bundes (ASB) sowie Forschende der Freien Universität Berlin und der Hochschule Bielefeld bei der Vorstellung einer aktuellen Resilienzstudie.
Die Erinnerungen an die Flut im Juli 2021 seien bis heute präsent. Einsatzkräfte berichteten von einem Ausmaß der Zerstörung, das selbst erfahrene Helfer überrascht habe. Strom- und Kommunikationsausfälle sowie unpassierbare Straßen erschwerten die Rettungsmaßnahmen erheblich. Erst nach und nach konnten Strukturen aufgebaut und Hilfe organisiert werden.
Lehren aus der Katastrophe
Diese Sonntagsreden haben wir jetzt zum Erbrechen genug gehört. Es müsste jetzt mal jemand anfangen zu handeln. Ob das im Bundestag die Fraktionen sind, die uns alle Recht geben, das Innenministerium oder auch in den Ländern, in denen es noch hapert. Action ist erforderlich.“ – Knut Fleckenstein, Bundesvorsitzender ASB
Aus den Erfahrungen wurden Konsequenzen gezogen. Einsatzmaterial wird inzwischen dezentral gelagert, Netzwerke mit Unternehmen und anderen Hilfsorganisationen wurden ausgebaut und zusätzliche Ausrüstung angeschafft. Zudem seien Warnsysteme wie Cell Broadcast eingeführt beziehungsweise modernisiert worden. Dennoch sehen die Hilfsorganisationen weiterhin erhebliche Defizite im Bevölkerungsschutz. Insbesondere fehle eine bundesweit einheitliche Regelung für die Freistellung ehrenamtlicher Helfer sowie eine langfristige finanzielle Absicherung des Katastrophenschutzes.
Bevölkerungsschutz: Studie zeigt Defizite bei der Vorsorge
Gemeinschaftliche Resilienz ist keine Ergänzung des Katastrophenschutzes, sondern dessen Fundament.“ – Dr. Dittmar, Freie Universität Berlin
Im Mittelpunkt der Veranstaltung standen die Ergebnisse einer wissenschaftlichen Studie zur Resilienz der Bevölkerung. Die Untersuchungen wurden im Rahmen des ASB-Resilienzprogramms in den Hochwasserregionen Erftstadt und Mechernich sowie in Neustadt in Sachsen durchgeführt. Ziel war es, Faktoren gesellschaftlicher Resilienz wissenschaftlich zu untersuchen und daraus praxisnahe Ansätze zur Stärkung der Katastrophenvorsorge abzuleiten.
Ein zentrales Ergebnis lautet: Katastrophenerfahrungen führen nicht automatisch dazu, dass Menschen sich besser auf zukünftige Krisen vorbereiten. Viele Betroffene kehrten nach der Katastrophe möglichst schnell in ihren Alltag zurück und betrachteten das Ereignis als Ausnahme. Die Studien zeigen zudem, dass viele Menschen trotz eines gestiegenen Problembewusstseins weiterhin nicht ausreichend auf Krisen vorbereitet sind.
Nach Angaben der Forschenden scheitert Katastrophenvorsorge häufig nicht am fehlenden Wissen, sondern an den Voraussetzungen, dieses Wissen umzusetzen. Finanzielle Einschränkungen, beengte Wohnverhältnisse oder gesundheitliche Belastungen erschweren es vielen Menschen, Notvorräte anzulegen oder andere Vorsorgemaßnahmen zu treffen. Deshalb seien niedrigschwellige und alltagsnahe Angebote erforderlich, die Menschen dabei unterstützen, Vorsorge praktisch umzusetzen. Resilienz entstehe nicht allein durch Information, sondern dort, wo Vorsorge im Alltag praktisch möglich werde.
Gemeinschaft stärkt die Resilienz
Ein weiterer Schwerpunkt der Studie liegt auf der Bedeutung sozialer Netzwerke. Familie, Nachbarschaft und Gemeinschaft erwiesen sich als wichtigste Faktoren für eine erfolgreiche Krisenbewältigung. Gemeinschaftliche Resilienz sei keine Ergänzung des Katastrophenschutzes, sondern dessen Fundament. Gleichzeitig zeigten die Untersuchungen ein großes Potenzial für ehrenamtliches Engagement. Zwischen 31 und 36 Prozent der Befragten gaben an, sich grundsätzlich im Katastrophenschutz oder in der Krisenvorsorge engagieren zu wollen, ohne bislang aktiv zu sein. Vielen Menschen fehle jedoch die Information, wie sie sich sinnvoll einbringen könnten.
Auch die Kommunikation spielt nach den Studienergebnissen eine entscheidende Rolle. Klare und verständliche Informationen sowie eindeutige Zuständigkeiten stärken das Vertrauen der Bevölkerung und erleichtern Vorsorgemaßnahmen. Besonders hohes Vertrauen genießen dabei Feuerwehr (96 bis 99 Prozent), das Technische Hilfswerk (90 bis 95 Prozent) sowie Hilfsorganisationen (90 bis 95 Prozent). Gleichzeitig berichteten 54 Prozent der Befragten in Erftstadt und 40 Prozent der Befragten in Mechernich, dass ihr Vertrauen in staatliche Institutionen während der Bewältigung der Flut gesunken sei.
Psychische Folgen stärker berücksichtigen
Neben materiellen Schäden rückten die Forschenden auch die psychischen Folgen von Katastrophen in den Fokus. Auch dies ist ein wichtiger Teil des Bevölkerungsschutzes. Viele Betroffene verarbeiten belastende Ereignisse erst Monate oder Jahre später. Deshalb seien langfristige psychosoziale Unterstützungsangebote ebenso wichtig wie die unmittelbare Hilfe während einer Katastrophe.
Methodenbox zum Bevölkerungsschutz als praktische Unterstützung
Als praktische Konsequenz stellte der ASB eine neue Methodenbox zur Katastrophenvorsorge vor. Sie richtet sich an Schulen, Vereine, Kommunen und weitere Bildungseinrichtungen und vermittelt mit leicht umsetzbaren Übungen Wissen zu Themen rund um den Bevölkerungsschutz wie Notfallvorsorge, Erste Hilfe, Krisenkommunikation, psychischer Gesundheit und Nachbarschaftshilfe. Ziel ist es, Menschen zu befähigen, sich aktiv auf Krisensituationen vorzubereiten und die Resilienz in ihren Gemeinschaften zu stärken.
Die Methodenbox „Gemeinsam resilient“ wurde als konkretes Ergebnis des Resilienzprogramms entwickelt. Sie überträgt die Erkenntnisse der Studien in ein praxisnahes Bildungs- und Beteiligungsangebot und soll Kommunen, Bildungseinrichtungen, Hilfsorganisationen sowie weitere Akteure dabei unterstützen, gesellschaftliche Resilienz nachhaltig zu stärken.
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