Krisenvorsorge beginnt vor der Haustür: Warum jeder besser vorbereitet sein sollte
Was passiert, wenn plötzlich der Strom ausfällt, eine Evakuierung angeordnet wird oder nach einem Unwetter Straßen unpassierbar sind? Viele Menschen verlassen sich darauf, dass Hilfe von Feuerwehr, Rettungsdienst oder Katastrophenschutz schnell vor Ort ist. Doch genau diese Erwartung kann in größeren Krisen zum Problem werden. Die Krisenvorsorge geht jeden einzelnen etwas an!
„Die Ressourcen, die Deutschland braucht, um so eine Krise zu überstehen, die sind in der Regel schon vorhanden. Aber das Wissen um den Umgang damit fehlt ganz oft“, sagt Andreas Schnor vom Arbeiter-Samariter-Bund (ASB). Der Rettungssanitäter engagiert sich ehrenamtlich im Bevölkerungsschutz und gibt Kurse zur „Ersten Hilfe mit Selbstschutzinhalten“ (EHSH).
Wenn Hilfe nicht sofort kommen kann
Ereignisse wie die Flutkatastrophe im Ahrtal, großflächige Stromausfälle oder extreme Wetterlagen haben gezeigt, dass selbst ein leistungsfähiges Hilfeleistungssystem an seine Grenzen stoßen kann. Genau hier setzen die EHSH-Kurse an, die gemeinsam mit dem Bundesamt für Bevölkerungsschutz und Katastrophenhilfe entwickelt wurden, um die Krisenvorsorge zu stärken.
Ziel ist es, Bürgerinnen und Bürger darauf vorzubereiten, sich in Notlagen zunächst selbst helfen zu können und gleichzeitig Unterstützung für andere zu leisten. Denn professionelle Hilfe kann im Katastrophenfall deutlich länger benötigen als im Alltag.
Nach Schnors Beobachtung herrscht in Deutschland häufig eine „Vollkasko-Mentalität“. Viele Menschen gingen davon aus, dass staatliche Hilfe jederzeit sofort verfügbar sei. Dabei werde oft übersehen, dass auch Rettungsdienste, Feuerwehren und Hilfsorganisationen nur begrenzte Kapazitäten haben.
Die größte Schwachstelle: fehlende Vorbereitung
Besonders häufig erlebt Schnor, dass Menschen nicht auf eine kurzfristige Evakuierung vorbereitet sind. Wichtige Dokumente, Versicherungsunterlagen oder persönliche Unterlagen sind oft nicht griffbereit.
Ein Notfallrucksack, wie ihn das Bundesamt für Bevölkerungsschutz empfiehlt, könne im Ernstfall wertvolle Zeit sparen. Auch wenn nicht jeder ständig einen gepackten Rucksack bereithalten möchte, sollte zumindest klar sein, wo sich wichtige Unterlagen und notwendige Gegenstände befinden.
„Wenn ich fünf Minuten Zeit habe, meine Wohnung zu verlassen, sollte ich wissen, was ich mitnehme“, erklärt Schnor.
Nachbarn können Leben retten
Eine zentrale Erkenntnis aus den Kursen lautet: Krisen werden selten allein bewältigt. Nachbarschaftshilfe spielt eine entscheidende Rolle.
Ob über eine WhatsApp-Gruppe im Haus, gemeinsame Aktivitäten in der Nachbarschaft oder einfach durch das persönliche Kennenlernen – funktionierende Netzwerke schaffen Sicherheit. Wer seine Nachbarn kennt, weiß im Ernstfall, wer Unterstützung benötigt und wer helfen kann.
„Bildet Netzwerke“, lautet deshalb eine der wichtigsten Empfehlungen des Bevölkerungsschützers. Unterstützung aus dem direkten Umfeld sei häufig schneller verfügbar als überregionale Hilfe.
Besondere Herausforderungen für Pflegebedürftige
Ein weiterer Schwerpunkt der Kurse liegt auf Menschen mit Pflegebedarf und ihren Angehörigen. Viele Betroffene verlassen sich darauf, dass Pflegedienste Hilfsmittel oder Verbrauchsmaterialien regelmäßig mitbringen. In Krisensituationen kann diese Versorgung jedoch unterbrochen werden.
Deshalb empfiehlt der ASB zur Krisenvorsorge, notwendige Pflegehilfsmittel in ausreichender Menge zuhause vorzuhalten und sich frühzeitig Gedanken über alternative Unterstützungsmöglichkeiten zu machen.
Die Frage ist nicht mehr ob, sondern wann
Mit Blick auf zunehmende Starkregenereignisse, Hochwasser und Hitzewellen sieht Schnorr eine wachsende Notwendigkeit zur Krisenvorsorge. Der Klimawandel führe dazu, dass extreme Wetterereignisse häufiger und intensiver auftreten.
„Es ist nur noch eine Frage der Zeit, bis es passiert, und nicht mehr die Frage, ob es irgendwann passiert“, sagt er.
Drei einfache Schritte für mehr Sicherheit
Wer heute mit der Krisenvorsorge beginnen möchte, kann bereits mit wenigen Maßnahmen viel erreichen:
- Die Nachbarn kennenlernen und über gegenseitige Unterstützung sprechen.
- Einen persönlichen Evakuierungsplan erstellen und wichtige Dokumente griffbereit halten.
- Vorräte für mehrere Tage überprüfen und gegebenenfalls ergänzen.
Wer sich intensiver mit dem Thema „Krisenvorsorge“ beschäftigen möchte, kann an den bundesweit angebotenen EHSH-Kursen des ASB teilnehmen. Dort lernen die Teilnehmenden praxisnah, wie sie sich auf Stromausfälle, Hochwasser, Evakuierungen oder andere Notlagen vorbereiten können. Die EHSH-Kurse des ASB sind bewusst modular aufgebaut, um unterschiedliche Lebensrealitäten und Zielgruppen gezielt anzusprechen. Während einige Module grundlegendes Wissen zu Selbstschutz, Erster Hilfe und Verhalten in Krisensituationen vermitteln, gehen andere gezielt auf spezifische Bedürfnisse ein – etwa von Kindern, pflegenden Angehörigen, Fachpersonal oder Menschen mit Sprach- und Integrationsbedarf.
Dadurch entsteht ein flexibles Schulungssystem, das sowohl niedrigschwellige Einstiegsangebote als auch vertiefende Inhalte für besondere Anforderungen bietet. Ziel aller Module ist es, praktische Handlungssicherheit zu vermitteln, damit Menschen in unterschiedlichen Krisensituationen handlungsfähig bleiben und sich gegenseitig unterstützen können. Weitere Informationen finden Interessierte hier.
Die wichtigste Botschaft dabei: Krisenvorsorge ist keine Aufgabe des Staates allein. Sie beginnt bei jedem Einzelnen – und oft direkt vor der eigenen Haustür.
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