Nach Anschlägen auf Umspannwerke: Diskussion über besseren Schutz kritischer Infrastruktur

Nach den Sabotageakten auf Umspannwerke in Bergheim und Jänschwalde fordert NRW-Wirtschaftsministerin Mona Neubaur mehr Kameras und Sicherheitssysteme von den Betreibern. Die Ermittlungen laufen wegen des Verdachts der verfassungsfeindlichen Sabotage – ein hybrider, russisch gesteuerter Angriff wird ebenso wenig ausgeschlossen wie linksextremistische Täter. Ein Überblick über Ermittlungsstand, Auswirkungen auf die Energieversorgung und einen Vergleichsfall aus Reutlingen.

Umspannwerk mit Hochspannungsmasten vor der Silhouette eines Kraftwerks im Gegenlicht der tiefstehenden Sonne
Sabotage an Umspannwerken: Wie Bund und Länder kritische Infrastruktur besser schützen wollen
Foto: pexels/ Daryana Vasson

Nach Anschlägen auf Umspannwerke: Diskussion über besseren Schutz kritischer Infrastruktur

Nach den zwei parallelen Anschlägen auf Umspannwerke in Bergheim und Brandenburg ist eine Diskussion über einen besseren Schutz solcher Umspannwerke entbrannt. Laut den nordrhein-westfälischen Ermittlern wurden Schutzmaßnahmen an ähnlichen Umspannwerken sicherheitshalber hochgefahren.

Zwar hatten die Angriffe auf die Umspannwerke diesmal keinen Einfluss auf die Stromversorgung – das muss aber nicht immer so sein: Ein Brandanschlag auf eine Kabelbrücke in Berlin hatte Anfang des Jahres einen mehrtägigen Stromausfall ausgelöst, von dem Zehntausende Menschen betroffen waren.

NRW-Wirtschaftsministerin Mona Neubaur (Die Grünen) forderte die Betreiber gefährdeter Umspannwerke und anderer Anlagen auf, mehr Kameras zu installieren. Zuletzt waren die gesetzlichen Pflichten für Betreiber kritischer Infrastruktur bereits verschärft worden – sowohl für den Schutz vor Cyberattacken als auch für den physischen Schutz mit Zäunen und ähnlichen Barrieren. Zusätzlich müssten laut Neubaur mehr Sicherheitssysteme installiert werden, die einen Zusammenbruch der Stromversorgung nach einem Anschlag auf Umspannwerke verhindern.

Hinweise auf den oder die Täter gibt es bislang offenbar noch nicht. Zu mehreren Sabotageakten gegen die Stromversorgung in jüngster Vergangenheit hatten sich zwar linksextremistische Gruppen bekannt. NRW-Innenminister Herbert Reul (CDU) will jedoch auch einen hybriden, mutmaßlich von Russland gesteuerten Angriff noch nicht völlig ausschließen.

Ermittlungen wegen verfassungsfeindlicher Sabotage am Umspannwerk in Bergheim

Nach dem Kurzschluss am Umspannwerk des Betreibers Amprion in Bergheim-Rheidt bei Köln ermitteln die Behörden wegen des Anfangsverdachts der verfassungsfeindlichen Sabotage. „Es besteht der Anfangsverdacht einer verfassungsfeindlichen Sabotage“, sagte Reul auf einer Pressekonferenz. Geprüft werde in zwei Richtungen – „fremdstaatlich gelenkte Sabotage und Linksextremismus“. Beides könne derzeit nicht ausgeschlossen werden. „Das war Absicht, das war eine Straftat“, betonte der Innenminister. „Wer da rangeht, greift unser Land an.“

Die Täter hätten mutmaßlich leitfähiges Material, möglicherweise Kabel, auf eine Oberleitung am Umspannwerk gebracht und damit den Kurzschluss ausgelöst. Genauere Angaben seien zunächst nicht möglich gewesen.

Wie die Ermittler inzwischen bekannt gaben, wurden sechs Abschussvorrichtungen in einem an das Umspannwerk grenzenden Maisfeld gefunden, die vermutlich mit der Tat in Zusammenhang stehen. Es sei davon auszugehen, dass diese Vorrichtungen so gebaut waren, um mit pyrotechnischen Gegenständen einen Draht in die Höhe über die Stromleitungen zu führen, sagte der Leitende Kriminaldirektor Michael Esser. Er sprach von einem „Anschlaggeschehen“.

Der ermittelnde Oberstaatsanwalt Ulrich Bremer bezeichnete die am Umspannwerk gefundenen Vorrichtungen als „ganz starkes Indiz für das Vorliegen einer vorsätzlichen Straftat“. In der Folge seien mehrere Kraftwerksblöcke abgeschaltet worden, wodurch die lebenswichtige Versorgung der Bevölkerung bedroht gewesen sei. Das Verfahren werde wegen des Anfangsverdachts der verfassungsfeindlichen Sabotage sowie wegen der Störung öffentlicher Betriebe geführt, so Bremer.

Es werde aktuell in alle Richtungen ermittelt, betonte er. Unter anderem werde ein Zusammenhang mit dem Vorfall am Umspannwerk in Brandenburg geprüft. Die Vorrichtungen sollen zudem auf mögliche DNA-Spuren hin ausgewertet werden. Da denkbar sei, dass sie bereits vor längerer Zeit unbemerkt auf das Feld gebracht worden seien, hoffen die Ermittler auf Hinweise aus der Bevölkerung.

Paralleler Vorfall am Umspannwerk in Brandenburg

Nach ersten Ermittlungen gebe es in beiden Fällen vergleichbare Hinweise, sagte Kriminaldirektor Esser – so seien jeweils offenbar pyrotechnische Gegenstände gefunden worden. In Brandenburg, nahe dem Braunkohlekraftwerk Jänschwalde in Turnow-Preilack, hatten Unbekannte am Dienstag versucht, an einem weiteren Umspannwerk Kurzschlüsse an Höchstspannungsleitungen auszulösen – in zwei Fällen gelang dies nach Behördenangaben.

Auswirkungen auf die Energieversorgung

Die Polizei war am Dienstagabend gegen 20 Uhr zum Umspannwerk in Bergheim gerufen worden, nachdem grelle Lichtblitze gemeldet worden waren. Ein Kurzschluss betraf mehrere Leitungen. Durch den Vorfall am Umspannwerk fielen laut Neubaur fünf Braunkohle-Blöcke des Energieversorgers RWE Power an den Standorten Bergheim und Grevenbroich aus. Für Bürgerinnen und Bürger sei die Stromversorgung aber „zu keinem Zeitpunkt gefährdet“ gewesen, so die Ministerin. Bei zwei ähnlichen Vorfällen innerhalb von 24 Stunden handele es sich um eine „Frage der nationalen Sicherheit“.

Die betroffenen Blöcke hatten zum Zeitpunkt des Vorfalls rund 3.000 Megawatt benötigte Leistung ins Netz eingespeist, wie ein Sprecher von RWE Power schilderte. Entfallende Mengen können laut Übertragungsnetzbetreiber Amprion aus anderen Netzbereichen kompensiert werden. Mittlerweile sind drei der fünf Kraftwerksblöcke wieder ans Netz gegangen; für die übrigen zwei wird die Wiederinbetriebnahme im Laufe des kommenden Wochenendes erwartet.

Vergleichsfall Reutlingen

Auch im baden-württembergischen Reutlingen hatte es im Juni bereits einen Vorfall an einem Umspannwerk gegeben: Ein Brand in dem Umspannwerk ließ rund 7.600 Gebäude und etwa 40.000 Menschen zeitweise ohne Strom zurück. Die Behörden gehen von Brandstiftung aus, einen Tatverdächtigen gibt es bislang nicht.

Die Ermittler der betroffenen Bundesländer tauschen sich mittlerweile aus: Das baden-württembergische Landeskriminalamt steht nach eigenen Angaben mit den ermittelnden Dienststellen in Brandenburg und Nordrhein-Westfalen im Informationsaustausch, um gemeinsame Ermittlungsansätze zu gewinnen.

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