Gewalt gegen Einsatzkräfte: Forschungsprojekt SAGRE legt Handlungsempfehlungen vor

Lena BerghoffLena Berghoff

Wie lässt sich der Schutz von Rettungs- und Einsatzkräften verbessern? Das Projekt SAGRE legt zum Abschluss datenbasierte Handlungsempfehlungen vor, ein Kompendium folgt im Januar 2027.

SAGRE: Orangefarbenes Feuerwehrfahrzeug mit zersplitterter Windschutzscheibe nach einem Angriff
Nach einem Angriff beschädigt: Löschfahrzeug mit zerstörter Windschutzscheibe
Foto: Berliner Feuerwehr/ SAGRE

Gewalt gegen Einsatzkräfte: Forschungsprojekt SAGRE legt Handlungsempfehlungen vor

Mit einem Abschlusssymposium hat das Forschungsprojekt SAGRE seine Ergebnisse zur Gewalt gegen nichtpolizeiliche Einsatzkräfte einer breiten Öffentlichkeit zugänglich gemacht. SAGRE steht für „Schutz vor Aggression und Gewalt für Rettungs- und Einsatzkräfte der nichtpolizeilichen Gefahrenabwehr“. In den vergangenen zwei Jahren haben sich die Berliner Feuerwehr (Stab Forschungsprojekte), die Hochschule für Wirtschaft und Recht Berlin (Fachbereich Polizei und Sicherheitsmanagement) und das Bayerische Rote Kreuz (Landesgeschäftsstelle München) aus verschiedenen Blickwinkeln mit den Hintergründen und Auswirkungen von Aggression und Gewalt gegen Rettungs- und Einsatzkräfte befasst.

Eingeleitet wurde das Symposium von Per Kleist, dem ständigen Vertreter des Landesbranddirektors der Berliner Feuerwehr. Expertinnen und Experten von Behörden und Organisationen mit Sicherheitsaufgaben (BOS) sowie aus Forschungseinrichtungen bekamen die gesammelten Erkenntnisse und die neu entwickelten Handlungsempfehlungen präsentiert. Damit soll der Schutz von Rettungs- und Einsatzkräften sowie die Handlungsfähigkeit der Freiwilligen und Berufsfeuerwehren und der Hilfsorganisationen langfristig gestärkt werden.

Weiter Gewaltbegriff, wenig Meldungen

Zu den zentralen Erkenntnissen gehört nach Angaben des Projektteams, dass Einsatzkräfte in Deutschland teils eine breite Vorstellung davon haben, was Gewalt eigentlich ist. Diese weicht mitunter von dem ab, was juristisch verfolgbar ist. Am häufigsten erleben sie verbale Anfeindungen, Sachbeschädigung oder die Behinderung ihrer Arbeit, zum Beispiel durch andere Verkehrsteilnehmende.

Kollektive und zielgerichtete Gewalt, wie sie sich in der Silvesternacht 2022/23 in Berlin ereignete, bleibe dagegen ein Ausnahmeereignis. Sie entspreche nicht der wiederkehrenden medialen Darstellung des Phänomens, so das Projekt.

Ein weiteres Problem ist die Datenlage. Die Mitarbeitenden nutzen Meldesysteme nicht regelmäßig, weil sie den Eindruck haben, eine Meldung hätte keine Konsequenzen. Auch administrative Hürden und fehlendes juristisches Wissen halten sie davon ab. In den Organisationen gibt es deshalb kaum belastbare, vergleichbare Zahlen. Insgesamt lassen sich laut Projekt verschiedene Einflussfaktoren für Gewalt gegen Einsatzkräfte ableiten, die in gesellschaftlichen, organisationalen und situativen Bedingungen liegen.

Befragung, Interviews und Handlungsempfehlungen

Rebecca Prell, Leiterin des Forschungsbereichs der Berliner Feuerwehr, stellte die Ergebnisse einer bundesweiten Befragung von Betroffenen vor. Daniela Hunold, Professorin für Soziologie an der HWR Berlin, erläuterte anhand qualitativ erhobener Daten die strukturellen Hintergründe und Situationsdynamiken, die zu Gewalt führen.

Michaela Selzer, Projektleiterin in der Forschungsabteilung des Bayerischen Roten Kreuzes, nannte als Kernergebnis eine Vielzahl datenbasierter Handlungsempfehlungen. Sie richten sich an die betroffenen Organisationen, Einsatz- und Führungskräfte sowie weitere relevante Behörden und politische Institutionen und stehen frei nutzbar zur Verfügung. Durch den im Projekt eingenommenen 360°-Blick seien außerdem systematisch Forschungslücken abgeleitet worden.

Keynotes: Jugendforschung und Prävention im Kiez

Ergänzt wurden die Ergebnisse durch Keynotes aus Forschung und Praxis. Prof. Dr. Dietrich Oberwittler vom Max-Planck-Institut zur Erforschung von Kriminalität, Sicherheit und Recht präsentierte Hintergründe aus der sozialräumlichen Kriminalitäts- und Jugendforschung und ging besonders auf die aktuellen Bedingungen der gesellschaftlichen Integration von Jugendlichen ein. Christian-Marc Hans, Kiezbeauftragter der Berliner Feuerwehr, beschrieb das Vorgehen der gewaltpräventiven Kiezprojekte. Dabei suchen Einsatzkräfte der Feuerwehr den direkten Austausch mit Kindern, Jugendlichen und Erwachsenen in der Nachbarschaft.

SAGRE wird im Rahmen der Bekanntmachung „Anwender – Innovativ: Forschung für die zivile Sicherheit II“ im Programm „Forschung für die zivile Sicherheit 2018 bis 2023“ der Bundesregierung gefördert. Alle Hintergründe und Veröffentlichungen stehen auf projekt-sagre.de. Ab Januar 2027 soll ein abschließendes Kompendium alle zentralen Handlungsempfehlungen zusammenfassen.

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