Stillstand per Klick – Wie Cyberbedrohungen KRITIS und OT treffen

Wie Cyberbedrohungen KRITIS und OT treffen, weiß Ruben Bay, Leiter Technik & Schulung Videc BU OT Networks & OT Security bei der VIDEC Data Engineering GmbH

Cyberangriffe
Angriffsziel Kritische Infrastruktur: OT-Systeme geraten zunehmend ins Visier von Cyberkriminellen.
Foto: Symbolbild KI-generiert

Cyberangriffe auf kritische Infrastrukturen treffen längst nicht mehr nur Serverräume oder klassische IT-Systeme. Produktionsumgebungen rücken zunehmend ins Zentrum digitaler Bedrohungen – dort, wo Maschinen, Steuerungen und industrielle Prozesse in Echtzeit ineinandergreifen. Mit jeder zusätzlichen Schnittstelle wächst nicht nur die Effizienz, sondern auch die Verwundbarkeit. Aktuelle Zahlen verdeutlichen die Lage: Täglich kommen weltweit 119 neue Schwachstellen hinzu, ein Plus von 24 Prozent gegenüber dem Vorjahr. Gleichzeitig fehlt noch immer fast die Hälfte der KRITIS-Betreiber ein System zur Angriffserkennung.1 Laut Bitkom summierten sich die Schäden durch Cyberangriffe auf die deutsche Wirtschaft 2025 auf 289,2 Milliarden Euro. Die TÜV-Cybersecurity-Studie ergänzt: 15 Prozent der Unternehmen gerieten 2024 selbst ins Visier eines Cyberangriffs. Gleichzeitig vermuten 51 Prozent KI-gestützte Angriffe, während nur 10 Prozent KI zur Verteidigung einsetzen. Der Grund dafür liegt in der fortschreitenden Vernetzung industrieller Systeme. Sensoren liefern kontinuierlich Daten, Produktionsanlagen kommunizieren untereinander und Wartungsprozesse erfolgen aus der Ferne. Diese digitale Durchdringung steigert zwar Effizienz und Transparenz, eröffnet jedoch gleichzeitig neue Angriffsflächen. Laut TÜV-Studie liefen 10 Prozent der Attacken über Zulieferer oder Kunden – die Lieferkette entwickelt sich also auch zunehmend zum Einfallstor.“

Cyberangriffe: Wenn Verfügbarkeit zur Schwachstelle wird

„Die Besonderheit industrieller Umgebungen zeigt sich vor allem in ihren Prioritäten. Während IT-Sicherheit primär auf Vertraulichkeit und Integrität von Daten abzielt, steht in der OT die Verfügbarkeit im Mittelpunkt. Produktionsprozesse folgen engen Taktungen, Ausfälle verursachen unmittelbare wirtschaftliche Schäden. Ein ungeplanter Stillstand einer Fertigungslinie kann binnen Minuten hohe Kosten auslösen, weshalb Sicherheitsmaßnahmen Stabilität und Kontinuität nicht gefährden dürfen.  Genau hier gewinnt Anomalieerkennung an Bedeutung: Sie ermöglicht es, Abweichungen vom Normalbetrieb früh zu erkennen, ohne laufende Prozesse zu stören. Damit wird die Grundlage geschaffen, um durch ein integriertes Alarmsystem wie beispielsweise AIP unverzüglich zu reagieren, sobald verdächtige Aktivitäten erkannt werden. Zusätzliche Komplexität entsteht durch historisch gewachsene Strukturen. In vielen Anlagen treffen moderne digitale Komponenten auf Systeme, die ursprünglich für abgeschottete Netzwerke entwickelt wurden. Diese Kombination aus Alt und Neu erhöht die Angriffsfläche erheblich. Klassische IT-Sicherheitskonzepte lassen sich hier nur begrenzt übertragen, da industrielle Netzwerke eigenen Regeln, Protokollen und Echtzeitanforderungen folgen. Anomalieerkennung ist deshalb kein optionales Zusatztool, sondern ein zentraler Baustein für Detect-and-Respond in OT-Umgebungen. Die Kombination aus passiver Anomalieerkennung – etwa durch Systeme wie IRMA – und einer schnellen, zuverlässigen Alarmierung über Alarmsysteme wie AIP sorgt dafür, dass Betreiber nicht nur Bedrohungen erkennen, sondern auch sofort handlungsfähig bleiben. Gleichzeitig verschärfen regulatorische Vorgaben die Situation. Mit Initiativen wie NIS2 oder dem IT-Sicherheitsgesetz steigen die Anforderungen an Nachweisbarkeit, Risikobewertung und Schutzmaßnahmen deutlich. Die TÜV-Studie zeigt zudem eine gefährliche Selbstwahrnehmung: 91 Prozent der Unternehmen halten sich für gut geschützt, obwohl nur 22 Prozent Normen konsequent umsetzen. Zugleich sprechen sich 56 Prozent der Befragten für gesetzliche Cybersecurity-Pflichten aus. Cybersecurity entwickelt sich dadurch von einer rein technischen Fragestellung zu einer strategischen Managementaufgabe, die tief in Unternehmensprozesse hineinwirkt.“

Cyberangriffe: Transparenz statt Blindflug

„Ein zentraler Ansatzpunkt liegt in der Schaffung von Transparenz. In vielen Produktionsumgebungen fehlt eine vollständige Übersicht über alle vernetzten Geräte, Steuerungen und Kommunikationsbeziehungen. Ohne dieses Wissen bleibt die tatsächliche Angriffsfläche unsichtbar. Anomalieerkennung setzt genau an diesem Punkt an, indem sie Kommunikationsmuster, Protokolle und Verhaltensabweichungen kontinuierlich auswertet und damit den Normalbetrieb der Anlage sichtbar macht. Erst eine detaillierte Bestandsaufnahme ermöglicht fundierte Risikoeinschätzungen und gezielte Schutzmaßnahmen. Dabei gewinnen passive Sicherheitsansätze zunehmend an Bedeutung. Durch die Analyse des Netzwerkverkehrs ohne Eingriff in laufende Prozesse lassen sich Anomalien erkennen, ohne die Stabilität der Produktion zu gefährden. Die erkannten Abweichungen werden dabei direkt an das Alarmsystem übergeben, das Betreiber in Echtzeit über kritische Ereignisse informiert – per Alarm, Meldung oder Benachrichtigung, je nach Eskalationsstufe. Ergänzend trägt eine klare Segmentierung dazu bei, potenzielle Angriffe einzudämmen und ihre Ausbreitung zu verhindern. Gerade in OT-Umgebungen ist diese passive Anomalieerkennung besonders wertvoll, weil viele Systeme nicht aktiv abgefragt werden sollten und sich Veränderungen oft nur im Netzwerkverkehr zeigen. Herausfordernd gestaltet sich insbesondere der Umgang mit Schwachstellen. Updates oder Patches lassen sich in industriellen Umgebungen oft nicht kurzfristig umsetzen, da umfangreiche Tests und Freigaben erforderlich sind. In solchen Fällen rücken kompensierende Maßnahmen in den Fokus, etwa kontinuierliches Monitoring, strikte Zugriffskontrollen und intelligente Anomalieerkennung. Entscheidend für den Erfolg bleibt jedoch die Praxistauglichkeit. In vielen Betrieben verantworten nicht spezialisierte Security-Teams die Überwachung, sondern Techniker und Anlagenverantwortliche. Sicherheitslösungen müssen daher verständlich, übersichtlich und handlungsorientiert gestaltet sein, um im Ernstfall schnelle Entscheidungen zu ermöglichen. Entsprechende Systeme liefert klare, priorisierte Meldungen, die auch ohne tiefe Security-Expertise schnell einsetzbar und handlungsleitend sind.“

Die Fabrik im digitalen Fadenkreuz

„Besondere Aufmerksamkeit erfordern zudem Fernwartungszugriffe. Externe Dienstleister benötigen regelmäßig Zugriff auf Anlagen, wodurch zusätzliche Risiken entstehen. Klare Zugriffskonzepte, transparente Protokollierung und konsequente Kontrolle dieser Verbindungen zählen daher zu den zentralen Sicherheitsmaßnahmen. Auch hier unterstützt Anomalieerkennung, indem sie ungewöhnliche Zugriffe, abweichende Kommunikationsmuster oder unerwartete Protokollaktivitäten sichtbar macht. Insgesamt entwickelt sich OT-Sicherheit zunehmend zu einem strategischen Erfolgsfaktor. Produktionsumgebungen stehen längst im Fokus globaler Cyberbedrohungen, und ihre Absicherung entscheidet nicht nur über den Schutz von Daten, sondern über die Stabilität ganzer Wertschöpfungsketten. Unternehmen, die frühzeitig auf Transparenz, risikobasierte Strategien und speziell angepasste Sicherheitskonzepte setzen, sichern sich damit einen entscheidenden Vorteil in einer zunehmend vernetzten Industrie. Anomalieerkennung wird dabei zum Frühwarnsystem, das Cyberangriffe nicht erst nach dem Schaden, sondern bereits im Entstehen sichtbar macht.“

Quelle: VIDEC

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