Clankriminalität in Niedersachsen: Weniger Fälle, mehr abgeschöpftes Vermögen

Niedersachsens Innen- und Justizministerium haben das gemeinsame Lagebild Clankriminalität 2025 vorgestellt. Die Fallzahlen sanken auf 2.691, während die Vermögensabschöpfung mit über 5,3 Millionen Euro einen neuen Höchststand erreichte. Trotz rückläufiger Zahlen bleiben Gewalt- und Waffenaffinität ein zentrales Problem.

Clankriminalität: Blau-silbernes Polizeifahrzeug mit neongelben Warnmarkierungen und reflektierendem Schriftzug Polizei am Straßenrand vor einer Grünanlage
Die niedersächsische Polizei registrierte 2025 einen Rückgang der Fallzahlen im Bereich der Clankriminalität.
Foto: pexels/ Markus Spiske

Clankriminalität in Niedersachsen: Fallzahlen sinken, Vermögensabschöpfung erreicht Höchststand

Niedersachsen verzeichnet bei der Bekämpfung der Clankriminalität einen weiteren Rückgang der Fallzahlen. Das geht aus dem gemeinsamen Lagebild von Polizei und Justiz für das Jahr 2025 hervor, das Innenministerin Daniela Behrens und Justizministerin Dr. Kathrin Wahlmann gemeinsam mit Landespolizeipräsident Axel Brockmann und Dr. Thomas Hackner, Leiter der Abteilung IV im Justizministerium, am 24. August 2026 in Hannover vorstellten. Es ist bereits das sechste gemeinsame Lagebild zu diesem Thema.

Nach Angaben der Behörden wurden 2025 insgesamt 2.691 Fälle der Clankriminalität registriert – ein Rückgang gegenüber dem Vorjahr (3.145 Fälle). Der Anteil an der Gesamtkriminalität im Land sank damit auf 0,53 Prozent, bei insgesamt 506.634 polizeilich erfassten Straftaten in Niedersachsen. Auch die Zahl der Tatverdächtigen ging zurück: von 2.903 im Jahr 2024 auf 2.411 im Jahr 2025, ein Minus von rund 17 Prozent.

Vermögensabschöpfung erreicht Allzeithoch

Deutlich gegen den Trend entwickelte sich hingegen die Vermögensabschöpfung: Mit 5.351.159 Euro erzielten die Behörden 2025 den höchsten Wert seit Bestehen des Lagebildes, ein Anstieg von rund 413.000 Euro gegenüber dem Vorjahr. Innenministerin Behrens bezeichnete die konsequente Abschöpfung krimineller Vermögen als zentralen Hebel im Kampf gegen die Strukturen: „Dieses Geschäftsmodell muss zerstört werden.“ Sie sprach sich zudem für eine vom Bund diskutierte Beweislastumkehr bei Vermögenswerten ungeklärter Herkunft aus.

Hohe Gewalt- und Waffenaffinität bleibt Problem

Trotz der rückläufigen Zahlen betonten beide Ministerinnen, dass von der Clankriminalität weiterhin ein erhebliches Bedrohungspotenzial ausgeht. Rohheitsdelikte und Straftaten gegen die persönliche Freiheit bildeten mit 934 Fällen die mit Abstand größte Deliktsgruppe, davon allein 520 Fälle Körperverletzung. Insgesamt wurden sechs Straftaten gegen das Leben registriert, darunter drei Mordfälle. Auch der 2024 verübte, öffentlich als „Stich von Stade“ bekannt gewordene Vorfall zählt statistisch zu den vollendeten Tötungsdelikten des Berichtszeitraums.

Besonders auffällig ist die Waffenaffinität: 51 Straftaten gegen das Waffengesetz wurden 2025 im Clan-Kontext registriert – bei einem Anteil der Clankriminalität von nur 0,53 Prozent an der Gesamtkriminalität entfielen damit 1,9 Prozent aller Waffengesetzverstöße in Niedersachsen auf dieses Phänomen. Justizministerin Wahlmann verwies zudem auf den überproportional hohen Anteil an Mehrfachtätern: 48,28 Prozent der clanbezogenen Tatverdächtigen waren im Berichtsjahr mehrfach auffällig – bei der Gesamtkriminalität liegt dieser Wert bei 24,68 Prozent.

Wirtschaftliche Interessen im Fokus

Die deliktische Verteilung zeigt laut Justizministerium eine Verschiebung hin zu ökonomisch motivierten Straftaten. Wahlmann fasste die Grundlogik der Ermittlungen so zusammen: „Die Clans versuchen mit Drogenhandel, Raub und Erpressung Geld zu verdienen.“ Neben klassischen Vermögens- und Fälschungsdelikten (439 Fälle) ermitteln die vier niedersächsischen Schwerpunktstaatsanwaltschaften – in Braunschweig, Hildesheim, Osnabrück und Stade – auch in Bereichen wie Betrug bei Corona-Testzentren, illegalem Glücksspiel und organisiertem Metalldiebstahl. Im vergangenen Jahr wurden bei den Zentralstellen mit 1.596 Verfahren so viele Ermittlungsverfahren eingetragen wie nie zuvor, bei einer im bundesweiten Vergleich überdurchschnittlichen Anklagequote von rund 33 Prozent (Bundesschnitt: 21 Prozent).

Klare Abgrenzung von Herkunft und Kriminalität

Auf die wiederkehrende Kritik, die Fokussierung auf „Clankriminalität“ verfolge Menschen aufgrund ihrer Herkunft, reagierten die Ministerinnen mit einer klaren Abgrenzung. Verfolgt würden ausschließlich Personen, die im Verdacht stehen, Straftaten begangen zu haben – unabhängig von ihrer familiären oder ethnischen Zugehörigkeit. Wahlmann erläuterte den Unterschied zur klassischen organisierten Kriminalität, bei der sich Täterstrukturen meist erst durch die kriminelle Verabredung bilden, während Clankriminalität auf bereits bestehenden familiären Verflechtungen beruht. Behrens brachte die Haltung der Landesregierung auf den Punkt: „Unser Handeln richtet sich gegen Straftäter, nicht gegen Familiennamen oder Herkunft. Wir bekämpfen Kriminalität.“

Vier Verfahren der organisierten Kriminalität (OK) mit Clanbezug wurden 2025 geführt, nach fünf im Vorjahr. Schwerpunkte lagen auf Rauschgifthandel und -schmuggel, illegalem Glücksspiel sowie Betrug.

Positive Langzeitentwicklung, aber weiter wachsam

Justizministerin Wahlmann führte den Rückgang der Fallzahlen auf die seit Jahren verfolgte, konsequente Bekämpfungsstrategie zurück: „Dass die polizeilichen Zahlen nun zurückgehen, ist sicherlich auch Ergebnis unserer Null-Toleranz-Strategie.“ Beide Ministerien kündigten an, die behördenübergreifende Zusammenarbeit – etwa mit Zoll-, Ausländer- und Gewerbeaufsichtsbehörden – weiter auszubauen. Im Bezirk der Zentralstelle Osnabrück sind bereits flächendeckend strukturierte Sicherheitspartnerschaften zwischen Polizei, Justiz, Kommunen und weiteren Institutionen etabliert.

Die Landesregierung kündigte zudem an, bei Personen mit Clanbezug künftig verstärkt aufenthaltsbeendende Maßnahmen zu prüfen, sofern die rechtlichen Voraussetzungen vorliegen.

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