Hackerangriff Berlin: Datensichtung dauert noch Wochen

Nach dem Hackerangriff auf zwei Berliner Senatsverwaltungen wird die vollständige Datensichtung noch Wochen dauern. Digitalstaatssekretär Florian Hauer spricht von 5,8 Terabyte gestohlenen Daten und einem Prozess, der „erst am Anfang“ steht. Der Chaos Computer Club fordert derweil maximale Transparenz, die FDP verlangt Rücktritte.

Berlin: Geöffnetes HP-Notebook mit violett beleuchteter Tastatur und grünem Programmcode auf dem Bildschirm.
Berliner Hackerangriff: 5,8 Terabyte Daten müssen noch geprüft werden
Foto: pexels/ Rafael Minguet Delgado

Nach dem Hackerangriff auf zwei Berliner Senatsverwaltungen wird die vollständige Sichtung der gestohlenen Daten nach Angaben des Senats noch Wochen in Anspruch nehmen. Das erklärte Digitalstaatssekretär Florian Hauer am Montag im Innenausschuss des Abgeordnetenhauses. Zugleich äußern Experten und die Opposition scharfe Kritik am bisherigen Krisenmanagement.

Erst am Anfang der Auswertung

„Wir sind erst am Anfang dieses Prozesses“, sagte Hauer im Innenausschuss im Beisein von Innensenatorin Iris Spranger. Auch das Landeskriminalamt sei an der Analyse der gestohlenen Daten beteiligt. Angesichts der Datenmenge – gestohlen und im Darknet veröffentlicht wurden 5,8 Terabyte – werde bereits der reine Download der Daten „noch einige Tage in Anspruch nehmen“, so Hauer im Ausschuss. Unterstützt wird die laufende Analyse durch den Einsatz von Künstlicher Intelligenz, etwa bei der Identifizierung eingestufter und damit sensibler Daten.

Erschwerend kommt hinzu, dass der tatsächliche Umfang des Datenabflusses deutlich größer ist, als dem Senat zunächst bekannt war. „Was tatsächlich abgeflossen ist, wissen wir positiv erst seit Freitag 15.35 Uhr. Bis Freitag waren die Informationen, die wir hatten, der Index, den die Täter ins Darknet gestellt hatten“, erklärte Hauer den Abgeordneten im Innenausschuss. Zu diesem Zeitpunkt hatte die Hackergruppe Rhysida ein erstes Datenpaket im Darknet veröffentlicht – mehr als 1,4 Millionen Dateien. Am Sonntagabend folgte ein weiteres Datenpaket. Bis dahin hatte der Senat die Zahl der gestohlenen Datensätze auf maximal 215.000 beziffert.

Der Hackerangriff auf Teile des Datennetzes der Berliner Verwaltung war am 14. August bekannt geworden. Die Hackergruppe Rhysida forderte daraufhin 30 Bitcoin – umgerechnet rund zwei Millionen Euro. Der Senat zahlte nicht, woraufhin die Cyberkriminellen die Daten nach Ablauf ihres Ultimatums am Freitag, 4. September, veröffentlichten.

Nach Senatsangaben keine hochsensiblen Daten betroffen

Nach derzeitigem Kenntnisstand seien keine Daten gestohlen oder veröffentlicht worden, die für die nationale Sicherheit relevant sind, sagte Hauer im Innenausschuss. Entwendet worden seien lediglich Daten der niedrigsten von vier Geheimhaltungsstufen: VS-NfD, die Abkürzung für „Verschlusssache – nur für den Dienstgebrauch“. Mit Blick auf Einrichtungen des Bundes, die Bundeswehr und die nationale Sicherheit bedeute das, dass keine Daten mit erhöhter Sensibilität und Sicherheitsrelevanz betroffen seien.

„Es wurden keine Daten mit erhöhter Sicherheitsrelevanz gehackt“, betonte der Staatssekretär gegenüber dem Ausschuss.

Wie trügerisch eine erste Einschätzung sein kann, zeigt ein Beispiel, das Hauer im Ausschuss nannte: Manche Dateien hätten auf den ersten Blick sensibel gewirkt, bei näherer Prüfung aber keine Gefährdung dargestellt. So sei es bei Dateien mit Bezug zum Militärischen Abschirmdienst (MAD) tatsächlich nur um Parkgenehmigungen gegangen.

Hauer wies im Innenausschuss zugleich darauf hin, dass weitere Sicherheitsüberprüfungen des IT-Netzes der Berliner Verwaltungen höchstwahrscheinlich strukturelle Defizite zutage fördern würden. Diese seien schon vor Jahren entstanden und müssten nun so schnell wie möglich behoben werden. Dafür müsse Geld im Landeshaushalt bereitgestellt werden. Parallel würden bereits strukturelle Sofortmaßnahmen geplant, die laut Hauer „nicht wenig Geld kosten werden“, um das System kurzfristig zu härten.

Scharfe Kritik von IT-Experten und Opposition

Der Sprecher des Chaos Computer Clubs, Joachim Selzer, hält eine schnelle, verlässliche Einschätzung des tatsächlichen Datenabflusses für unrealistisch: „Abschätzen zu können, was im Detail abgeflossen ist, das kann sehr lange dauern, mindestens noch viele Wochen.“ Er forderte von den Verantwortlichen maximale Transparenz bei der Aufarbeitung: „Was wir jetzt brauchen, ist vor allen Dingen maximale Transparenz bei der Aufarbeitung. Das heißt, dass man auch in der Öffentlichkeit sagt, jetzt stellen wir uns hin und erzählen genau, was schiefgegangen ist.“

Selzer kritisierte zudem, dass Sicherheitslücken offenbar zu spät geschlossen wurden: „Es ist schon bemerkenswert, dass am Freitag vor zwei Wochen die ersten Vorab-Häppchen auf der Seite veröffentlicht wurden und dann nach meinen Informationen am Mittwoch Leute, die es getestet haben, immer noch auf die damals veröffentlichten Systeme draufgekommen sind mit den veröffentlichten Passwörtern.“ Er fragte: „Und da frage ich mich, warum wurden nicht sofort nach dem Bekanntwerden dieser Vorab-Leaks alle Zugänge gesperrt?“ Als Beispiel für mangelndes Sicherheitsbewusstsein nannte er einen eingescannten Reisepass einer Mitarbeiterin, der frei auf einem Server zu finden gewesen sei, sowie zu einfache Passwörter. Sorglosigkeit im Umgang mit Daten sei allerdings kein Berlin-spezifisches Problem, so Selzer.

Auch die politische Opposition übt Kritik: Die Berliner FDP forderte den Rücktritt von Regierendem Bürgermeister Kai Wegner (CDU) und Innensenatorin Iris Spranger (SPD): „Beide haben versagt. Aufklärung und Rücktritte schließen sich nicht aus – sie sind zwei Seiten derselben politischen Verantwortung.“ FDP-Spitzenkandidat Christoph Meyer sprach sich zusätzlich für einen Untersuchungsausschuss aus: „Der Cyberangriff ist kein plötzliches Unglück, sondern das Ergebnis jahrelangen politischen und organisatorischen Versagens.“ Der Senat habe die Warnungen gekannt, so Meyer weiter: „Er kündigte Verbesserungen an, blieb aber den Nachweis schuldig, dass die Mängel tatsächlich beseitigt wurden.“

Auch Linke und Grüne im Abgeordnetenhaus positionieren sich: Beide Fraktionen beantragten eine Aktuelle Stunde zum Thema „Versagen bei der IT-Sicherheit der Verwaltung, erneut miserables Krisenmanagement“, die am Donnerstag im Landesparlament diskutiert werden soll.

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