Digitale Gewalt nimmt rasant zu – besonders Frauen sind betroffen, mit teils gravierenden Folgen. In Kiel stellt die Landesregierung ein Millionenpaket für besseren Schutz, Prävention und Strafverfolgung vor. Ziel: den digitalen Raum sicherer machen und Täter konsequenter zur Verantwortung ziehen.
Digitale Gewalt ist reale Gewalt, häufig zum Nachteil von Frauen. Sie kann gravierende psychische Folgen haben und darf nicht bagatellisiert werden. – Innenministerin Magdalena Finke
Aufgrund der zunehmenden Fälle von digitaler sexualisierter Gewalt, sollen Bürgerinnen und Bürger landesweit besser geschützt werden. Dazu wurde am 27.04.2026 in Kiel ein Maßnahmenpaket vorgestellt, welches von Gleichstellungsministerin Aminata Touré und Innenministerin Magdalena Finke präsentiert wurde.
Das Paket, welches rund 1,8 Millionen Euro kostet, wird vom Sozial-, Innen-, Justiz-, und Bildungsministerium getragen. Der Auslöser dazu ist der jüngste Fall von digitaler sexualisierter Gewalt, rund um Collien Fernandes. Ein Beispiel dafür, dass Gewalt gegen Frauen mit dem voranschreitenden technologischen Fortschritt eine neue, gefährliche Dimension erreicht hat.
Dabei ist die Problemlage brisanter als denn je: laut der Landesregierung Schleswig-Holstein sind in den letzten fünf Jahren jede fünfte Frau und jeder siebte Mann Opfer digitaler Gewalt geworden. Der voranschreitende Technologische Fortschritt ermöglicht Tätern dabei neue Formen von Überwachung, Kontrolle und Einschüchterung.
Hier nehmen Straftaten wie Cyberstalking und Cybergrooming rasant zu. Dies bestätigt das auch das BKA-Lagebild 2023 zu geschlechtsspezifischen Straftaten als bundesweite Referenz. Dennoch ist der digitale Raum kein rechtsfreier Raum, wodurch eine Schutzpflicht von Staatsseite besteht. Geplant ist hier das Bundesgesetz zum Schutz vor digitaler Gewalt. Das Gesetz befindet sich allerdings noch in der Planung.
Das vorgestellte Paket umfasst zehn Maßnahmen aus den Bereichen Prävention, Beratung, Strafverfolgung sowie der Justiz.
Frauen und Mädchen im Land sollen wissen: Wir sehen euch! Und wir helfen dabei, euch besser zu schützen. Zugleich müssen männliche Täter stärker in den Blick genommen werden. Nicht nur die Scham muss die Seite wechseln, auch das Recht muss angepasst werden. – Gleichstellungsministerin Aminata Touré
Digitale Gewalt: Prävention & Aufklärung
Im Bereich der Prävention vor digitaler Gewalt setzt die Landesregierung auf zwei Schwerpunkte. Zum einen wird gemeinsam mit dem Landesverband Frauenberatung eine öffentliche Kampagne gestartet, die bestehende Hilfsangebote sichtbarer machen soll.
Ein begleitender First-Aid-Flyer soll Betroffenen in akuten Bedrohungslagen schnelle Orientierung bieten. Zum anderen wird das PETZE-Institut für Gewaltprävention ab 2027 mit zusätzlich 95.000 Euro jährlich gefördert. Das Institut soll damit pädagogische Fachkräfte in Kitas, Schulen und der Jugendarbeit gezielt fortbilden. Ein neu ausgerichteter Schwerpunkt ist dabei der Umgang mit KI-generierten Formaten wie etwa Deepfakes.
Eine ganz wichtige Rolle in der Aufklärung über digitalisierte sexuelle Gewalt und zur Unterstützung von Kindern und Jugendlichen kommt den pädagogischen Fachkräften zu, die ihr Wissen an das Personal in Kita, in Schule und in den Kinder-und Jugendhilfeeinrichtungen weitergeben. ,Was ist sexuelle Gewalt? Wie kann ich mich davor schützen? An wen kann ich mich wenden, wenn ich ein Problem habe? -Bildungsministerin Dr. Dorit Stenke
Beratung & Opferschutz
Bereits seit März 2026 läuft die sogenannte „Techniksprechstunde“, die das erste flächendeckende Beratungsangebot gegen digitale Gewalt in Schleswig-Holstein darstellt. Getragen vom Landesverband Frauenberatung, der Initiative „Ein Team gegen digitale Gewalt“ sowie den Landesarbeitsgemeinschaften der Frauenhäuser, erhalten Betroffene dort direkte technische Unterstützung: etwa bei der Absicherung von Accounts und Geräten oder der Sicherung von Beweismaterial.
Was bislang als Modellprojekt angelegt war, wird nun ab 2027 mit jährlich 85.000 Euro dauerhaft finanziert. Darüber hinaus wird an allen staatlichen Hochschulen, Universitätsklinika und weiteren Hochschuleinrichtungen ein unabhängiger Vertrauensanwalt eingerichtet, der Betroffene von digitaler Gewalt rechtlich berät und aktiv unterstützt.
Polizei & Strafverfolgung
Auf Seiten der Strafverfolgung investiert die Landesregierung sowohl in Personal als auch in Technik. Die KI-gestützte Anwendung Griffeye, die bereits bei der Auswertung von Massendaten aus beschlagnahmten Datenträgern eingesetzt wird, soll künftig flächendeckend in der Kriminalpolizei genutzt werden. Ergänzend wird eine neue Massendatenanalyseplattform eingeführt, die eine schnellere und automatisierte Auswertung (insbesondere von Smartphonedaten) ermöglicht.
Personell plant die Landesregierung einen Ausbau von 18 weiteren Stellen im Bereich der Cyberanalytik, nachdem seit 2023 bereits knapp 80 Stellen zur Bekämpfung von Cyberkriminalität geschaffen wurden. Um die Entwicklung digitaler Gewalt künftig besser abbilden zu können, soll zudem ein gesondertes Lagebild im Rahmen der Polizeilichen Kriminalstatistik erstellt werden.
Innenministerin Magdalena Finke betont dabei, dass es in der gemeinsamen Verantwortung liege, den Schutz vor digitaler Gewalt zu verbessern. Die Schutzinstrumente müssten dafür angemessen und zielgerichtet weiterentwickelt werden.
Digitale Gewalt: Justiz & Ausbildung
Im Bereich der Justiz setzt das Paket auf Fortbildung und frühzeitige Sensibilisierung. Geplant ist eine gemeinsame Fortbildungsveranstaltung für Justizangehörige und Opferschutzorganisationen, mit Fokus auf Plattformdynamiken und Anforderungen an die Beweissicherung.
Darüber hinaus wird geprüft, den bestehenden Opferschutztag im juristischen Referendariat um ein Modul zu digitaler Gewalt zu erweitern. In Kooperation mit der rechtswissenschaftlichen Fakultät der CAU Kiel sollen zudem freiwillige Zusatzveranstaltungen – etwa Fachgespräche oder Podiumsdiskussionen – bereits im Studium verankert werden.
Einige der Maßnahmen sollen bereits kurzfristig greifen: Die Techniksprechstunde läuft seit März 2026, die dazugehörige Kampagne soll zeitnah folgen. Der Großteil der Finanzierung, darunter 85.000 Euro jährlich für die Techniksprechstunde und 95.000 Euro für das PETZE-Institut, greift hingegen erst ab 2027. Auch der geplante Aufwuchs im Bereich der Cyberanalytik ist für das kommende Jahr vorgesehen.
Dabei sind nicht alle der vorgestellten Maßnahmen bereits beschlossen. Bei der geplanten Kooperation mit der rechtswissenschaftlichen Fakultät der CAU Kiel sowie der Erweiterung des Opferschutztags im Referendariat handelt es sich bislang um Prüfaufträge – eine konkrete Umsetzung steht noch aus.
Auf Bundesebene sieht Gleichstellungsministerin Touré weiteren Handlungsbedarf: Das geplante Bundesgesetz zum Schutz vor digitaler Gewalt sei „ein erster wichtiger Schritt“ diesem müssten jedoch noch weitere folgen.
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