Von Stabilitätsberechnungen per Hand bis zur Integration KI-gestützter Lagebilder: Wie ein Hamburger Beratungshaus ohne eigenes Produkt seit sechs Jahrzehnten die Beschaffung deutscher Marineschiffe und maritimer Wehrtechnologie mitgestaltet.

Die MTG Marinetechnik GmbH feiert dieses Jahr ihr 60-jähriges Bestehen. Gegründet 1966 auf Initiative des Bundesministeriums der Verteidigung, war der Auftrag von Beginn an ungewöhnlich: ein Kompetenzzentrum für Marine–Überwasserschiffe und deren Systeme, das außerhalb der wirtschaftlichen Zwänge von Werften und Rüstungskonzernen operiert; ohne eigenes Produkt, ohne eigene Fertigung, dafür im Interesse des Bundes und der Deutschen Marine. Das Jubiläum fällt in eine Phase, in der Deutschland und die NATO ihre maritimen Fähigkeiten so entschlossen ausbauen wie seit dem Ende des Kalten Krieges nicht mehr.
Ein Beratungsmodell, das aus einer strukturellen Frage entstand
Wie lässt sich strategisches Wissen über das Gesamtsystem Marineüberwasserschiff bündeln, ohne dass ein Hersteller oder eine Werft ein eigenes Interesse in die Entscheidung einbringt? Diese Frage stand 1966 am Anfang der MTG und sie ist im Rüstungsumfeld aktueller denn je. Die MTG hat keine eigene Fertigung und kein Interesse, ein Schiff selbst zu bauen, sondern ein Interesse für die Marine das beste Schiff und die beste Lösung im vorgegebenen Budget zu finden, unabhängig davon, wer liefert.
Von der Reißbrett-Skizze zum internationalen Beratungsportfolio
In den ersten Jahrzehnten lag der Schwerpunkt auf dem ingenieurtechnischen Entwurf. National war die MTG an nahezu allen Projekten der Deutschen Marine beteiligt: von den Einsatzgruppenversorgern über die Korvette K130 und das Mehrzweckkampfschiff MKS bis zu den Fregatten der Klassen 122 bis 127. International reicht das Engagement von der kolumbianischen Almirante-Padilla-Klasse über die brasilianische Inhauma-Klasse bis zu Projekten in Finnland und Vietnam.
Mit der Zeit erweiterte sich der Auftrag: Reine Entwurfsleistungen genügten nicht mehr; gefragt waren Kostenanalysen, Studien zu Führungs- und Waffeneinsatzsystemen, Simulationen von Signaturen sowie technisch-wirtschaftliche Untersuchungen, um belastbare Entscheidungsgrundlagen für politische wie militärische Auftraggeber zu schaffen. Die MTG begleitet den gesamten Lebenszyklus maritimer Systeme; vom frühen Schiffskonzept und deren Bedarfe bis zurfähigkeitsorientierten Aufrüstung in der Nutzungsphase; oder von komplexenWaffensystemsystemsimulation zur Mine und Unterwasserakustik; alles tagesaktuelle Aufgaben, die seit Jahrzehnten gemeinsam vorbereitet wurden. Rund 60 Expertinnen und Experten aus Schiff- und Schiffsmaschinenbau, Elektro– und Nachrichtentechnik, Physik oder Wirtschaftswissenschaften arbeiten in interdisziplinären, agilen Projektteams. Das Portfolio gliedert sich in Projektberatung, Ingenieursleistungen und Prozessmanagement; die MTG ist zudem in NATO-Arbeitsgruppen undEDA Working Groups vertreten.
Von der Theorie zur Einsatzrealität: die Fregatte Hessen
Wie unmittelbar diese Grundlagenarbeit wirken kann, zeigte sich 2024, als die Fregatte Hessen im Roten Meer Huthi-Drohnen mit dem Rolling-Airframe-Missile-System (RAM) abwehrte. Die MTG begleitet dieses bi-nationale Waffensystemprojekt seit Jahren durch Simulationen und Integrationsarbeit. Es ist ein Beispiel dafür, wie sich technisch-wirtschaftliche Untersuchungen und operativer Einsatz berühren.
Zeitenwende als Kontext
Die gestiegenen Verteidigungsausgaben in Europa und die sicherheitspolitische Neuorientierung vieler NATO-Mitglieder seit 2022 verändern auch den Markt, in dem die MTG operiert. Mit dem „Kurs Marine“, vom Mai 2025, hat die Deutsche Marine klare Prioritäten formuliert: Abschreckung an der NATO-Nordflanke, Einsatzbereitschaft bis 2029, technologischer Umbau bis 2035 sowie die Schließung der offen benannte Fähigkeitslücken bei unbemannten Systemen, Munition und Personal.Es werden damit neue Anforderungen an Tempo und Qualität der maritimen Beschaffung gestellt.
Genau in diesem Umfeld liegt die Stärke der MTG: Wer Entscheidungen trifft, die eine Laufzeit von 30 Jahren haben, braucht einen Partner, der das Gesamtsystem und deren Wirkweisen versteht und nicht nur Einzelkomponenten liefert. Und der keine eigene Agenda mit in den Raum bringt.
„Die Herausforderungen, vor denen die Marine heute steht, sind nicht neu; sie sind aber dringlicher geworden. Wir finden seit 60 Jahren Antworten auf komplexe maritime Fragestellungen und durchdenken das System im Gesamten. Nachrüstbarkeit, modulare Systeme, bedarfsorientierte Beschaffungen, die technologisch überlegen sind. Das ist unser Alltag und es ist genau das, was jetzt gebraucht wird“, sagt Dr.-Ing. Björn Weidemann, Geschäftsführer der MTG.
„Die Bereiche, die uns heute beschäftigen – wie autonome Systeme, KI-gestützte Lagebilder auf See, Cybersicherheit auf militärischen Plattformen – haben mit unserem Alltag von vor einigen Jahrenwenig gemein, aber das sind die drängenden Themen der aktuellen Zeit. Wir entwickeln uns aktiv weiter, weil sich die Fragestellungen weiterentwickeln und wir der Deutschen Marine einen Vorsprung geben wollen.“
Leitbild mit drei Missionszielen
Die MTG hat dafür ihr Leitbild in drei operative Ziele übersetzt: verlässliche Entscheidungsgrundlagen für die nationale Marinerüstung, kontinuierlicher Wissens- und Kompetenzaufbau als führendes Kompetenzzentrum für die maritime Dimension See sowie marineorientiertes Denken, das bedarfsgerechte statt schematischer Lösungen hervorbringt.
Neues Logo zum Jubiläum
Zum 60. Jubiläum präsentiert die MTG außerdem ihr neues Logo. Drei Elemente bilden die Bildmarke: die Welle für die See, der Rumpf für das Schiff als Gesamtsystem, der Schild für den Verteidigungsauftrag. Der Markenname MTG tritt darin groß und uneingeschränkt in den Vordergrund; die bisherige Farbgebung bleibt erhalten.
Quelle: MTG Marinetechnik GmbH
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