Strategischer Patiententransport im Bevölkerungs- und Zivilschutz in Deutschland

Das Kleeblatt-System koordiniert bundesweit den Patiententransport – von der Pandemie bis zur Aufnahme ukrainischer Verletzter. Doch sind Deutschlands Integrierte Leitstellen wirklich bereit für einen Bündnis- oder Verteidigungsfall?

 

Patiententransport: Um eine regionale Überlastung der Intensivkapazitäten in Krankenhäusern in der Pandemie zu vermeiden, entwickelten Bund und Länder ein gemeinsames Verfahren zur bundesweiten Verlegung von Patienten. Foto: BBK
Um eine regionale Überlastung der Intensivkapazitäten in Krankenhäusern in der Pandemie zu vermeiden, entwickelten Bund und Länder ein gemeinsames Verfahren zur bundesweiten Verlegung von Patienten.
Foto: BBK

In Zeiten außergewöhnlicher Belastungen des Gesundheitswesens – sei es durch pandemische Ereignisse, große Katastrophen oder kriegerische Konflikte – wird die Fähigkeit zur bundesweit koordinierten Verlegung von Patientinnen und Patienten zu einem zentralen Bestandteil der Aufrechterhaltung der Notfallversorgung- und Krisenlogistik.

In Deutschland spielte und spielt hierbei der sogenannte Kleeblatt‐Mechanismus eine Schlüsselrolle, um eine landesweite Verteilungsstruktur für Patientinnen von intensivpflichtigen Patientinnen und Patienten bis zur normalstationären Versorgungsebene bereitzustellen. Während der COVID 19 Pandemie von Bund und Ländern entwickelt, wird das Kleeblattsystem bis heute zur regelmäßigen Übernahme ukrainischer Patientinnen und Patienten genutzt, um diese einer stationären Versorgung in deutschen Kliniken zuzuführen.

Dabei arbeiten die Single Point of Contact (SPOC) der jeweiligen Kleeblätter mit der sog. Kleeblattzelle im Bundesamt für Bevölkerungsschutz und Katastrophenhilfe (BBK) eng zusammen. Hier werden die Zubringerflüge von Partnerorganisationen und europäischen Partnern an einen geeigneten Lufthub (Flughafen zivil/militärisch) organisiert.

Von dort wird über die SPOCS der Länder bodengebundenen geeignete Transportressourcen zu den Zielkliniken organisiert. In Ausnahmefällen erfolgen Weitertransporte mit Intensivhubschraubern. Das Kleeblattkonzept muss daher als Blaupause für die Organisation strategischer Patiententransporte auch für zu planende Szenarien der Bündnis- und Landesverteidigung weiterentwickelt werden. 

Hintergrund und Definition strategischer Patiententransporte 

Das deutsche Gesundheits- und Rettungswesen ist historisch auf die Bewältigung lokaler und regionaler Notlagen ausgelegt. Die zunehmende Häufung komplexer Krisenszenarien – von Pandemien über Naturkatastrophen bis hin zu sicherheitspolitischen Spannungs-, Bündnis- und Verteidigungsfällen – zeigt jedoch deutlich, dass medizinische Versorgung heute als gesamtstaatliche Aufgabe gedacht werden muss.

Strategischer Patiententransport bildet dabei ein wesentliches Bindeglied zwischen medizinischer Versorgung, Katastrophenschutz und Ziviler Verteidigung. 

Unter „strategischen Patiententransporten“ werden Verlegungen von Patientinnen und Patienten über die üblichen regionalen Versorgungsgrenzen hinaus verstanden, verbunden mit dem Ziel, Engpässe in überlasteten Kliniken zu vermeiden. Eine zentralisierte Verteilung auf vorhandene Behandlungskapazitäten ermöglicht es, im Krisenfall eine bundesweite regelhafte Versorgungssicherheit möglichst lange aufrecht zu erhalten und zu gewährleisten. 

Des Weiteren muss dieses System für die Aufnahme verletzter und erkrankter Soldatinnen und Soldaten oder anderer Patientengruppen aus einer möglichen kriegerischen Auseinandersetzung im NATO Kotext bzw. aus der Landesverteidigung geeignet sein. 

Solche Verlegungen bedürfen einer aufwändigen Koordination: Es geht nicht nur um den Transport selbst, sondern auch um die Abstimmung von Aufnahmekapazitäten, die Transportmittelwahl, die medizinische Eignung aufgrund des Zustands der Patienten, logistische Schnittstellen (z. B. Flughäfen, Krankenhäuser, Rettungsdienste) sowie die Steuerung und Informationslage über die regionalen Versorgungsressourcen.  

Das Ziel: Es soll möglichst lange nicht zur einer Patientenvorselektion kommen, sondern jeder Patientin und jedem Patienten muss eine Therapiechance gegeben werden — auch dann, wenn vor Ort keine ausreichenden Kapazitäten mehr vorhanden sind. 

Das Kleeblatt‐Konzept als weiterzuentwickelnde Blaupause eines Systems des strategischen Patiententransports in Deutschland bzw. zur Verteilung von hohen Zahlen an Patientinnen und Patienten aus dem Ausland

Der Kleeblatt‐Mechanismus teilt die Bundesrepublik Deutschland in sogenannte „Kleeblätter“ – Regionen, deren Zusammenschluss eine koordinierte Verlegung von Patienten zwischen den beteiligten Bundesländern ermöglicht. Über die Strukturen im Kleeblattsystem wird bis heute die Übernahme von Patientinnen und Patienten aus dem Ausland, wie aus den vom Angriffskrieg Russlands auf die Ukraine betroffenen Regionen organisiert. 

Ursprünglich wurden fünf Kleeblätter in Deutschland über die Länder definiert und ein sechstes für die Rolle des GMLZ/BBK als nationale Kontaktstelle eingerichtet: 

Mehrere Bundesländer haben sich jeweils zu einem Kleeblatt zusammengeschlossen. In der Summe gibt es fünf Kleeblätter.
Mehrere Bundesländer haben sich jeweils zu einem Kleeblatt zusammengeschlossen. In der Summe gibt es fünf Kleeblätter.
Grafik: BBK

Anders als der klassische Rettungsdiensttransport folgt der strategische Patiententransport nicht primär dem Prinzip der nächstgelegenen geeigneten Versorgung, sondern einer übergeordneten Ressourcenausgleichslogik. Aus Sicht des Bevölkerungs- und Zivilschutzes ist er damit ein Instrument zur Aufrechterhaltung der Funktionsfähigkeit der kritischen Gesundheitsinfrastruktur.

Ein nachhaltiger Ansatz für den strategischen Patiententransport sollte Integrierte Leitstellen unter Koordinierung der SPOC systematisch in den Mittelpunkt stellen. Erforderlich sind landesweite Koordinationsfunktionen, standardisierte Verlegungsprozesse, interoperable digitale Lagebilder sowie regelmäßige Übungen. 

Strategische Implikationen für Leitstellen/Disposition 

Während die strategische Koordination für einen denkbaren dauerhaften und umfangreichen Patiententransport an der Schnittstelle zur Bundeswehr auf der Kleeblatt- und Bundesebene erfolgen sollte, liegt die operative Umsetzung in hohem Maße bei den Integrierten Leitstellen.

Integrierte Leitstellen melden Verlegungsbedarfe, koordinieren Transportmittel, synchronisieren die Kommunikation zwischen abgebenden und aufnehmenden Kliniken und überwachen die Durchführung der Transporte bereits im Regelbetrieb. Ohne leistungsfähige Leitstellenstrukturen bleibt das ein System des strategischen Patiententransports ein rein konzeptionelles Instrument. Der Operationsplan Deutschland (OPLAN DEU) beschreibt die gesamtstaatliche Vorsorge für Krisen-, Spannungs- und Verteidigungsfälle.

Für Integrierte Leitstellen bedeutet dies, dass strategischer Patiententransport auch unter Bedingungen eingeschränkter Infrastruktur, erhöhter Sicherheitsanforderungen und konkurrierender Transportbedarfe funktionieren muss. Integrierte Leitstellen müssen in der Lage sein, ihre Entscheidungen in übergeordnete Lagebilder bei den SPOC einzubetten und Priorisierungen mit anderen staatlichen Akteuren abzustimmen.

 Im Bündnis- oder Verteidigungsfall ist mit einer erheblichen Zahl zusätzlicher Verletzter und Erkrankter zu rechnen, die auf den sowieso schon stark frequentierten Regelbetrieb treffen. Es muss ein zentrales Ziel sein, diesen Regelbetrieb zur Versorgung der Bevölkerung möglichst lange aufrecht zu erhalten. Die Zivile Gesundheitsversorgung muss daher Strukturen für Personalaufwuchs, und skalierbare Ressourcen schaffen.

Notwendig ist eine enge Verzahnung von Bundeswehr, Bund, Ländern und Kommunen sowie eine einheitliche Kommunikationsstrategie. Zentrale Koordinationspunkte in den Kleeblättern (SPOC) können sehr gut bei übergeordneten Integrierten Leitstellen angesiedelt werden. Damit muss aber auch eine personelle und organisatorische Unterstützung dieser übergeordneten Leitstellen durch Stabsstrukturen unter Einbindung der Bundeswehr einhergehen.  

Welche Steuerung ist auf der Klinikseite erforderlich? 


Die deutschen Kliniken sind im Regelbetrieb bereits sehr hoch ausgelastet. Die aktuellen Diskussionen zur Krankenhausreform zeigen bereits jetzt, dass die Dichte an Klinikstandorten in der Fläche abnehmen wird. Damit wird die Koordinierung der Zuweisung und der zur Verfügung stehenden Behandlungskapazitäten immer wichtiger.

Da zu befürchten ist, dass Kliniken nicht immer von sich aus zusätzliche Behandlungskapazitäten schaffen werden, wird die Funktion einer überregionalen Krankenhauskoordinierung auf Ebene der SPOCS, der angegliederten Länder sowie in den Regionen oder Regierungsbezirken benötigt. Diese müssen mit einer Weisungsbefugnis gegenüber den Kliniken ausgestattet sein. 

Unter Umständen müssen Werkzeuge eingesetzt werden, um durch die Einstellung elektiver Behandlungen In den Klinken Ressourcen für die Versorgung der zusätzlichen Patientinnen und Patienten zu schaffen. Eine für die Lageübersicht essenzielle Information ist ein bundesweit einheitliches System, in dem die jeweiligen Behandlungskapazitäten aggregiert nach Ländern oder Kleeblättern aufgeführt werden. So können die SPOCs gemeinsam koordinieren, um bei Überlastsituationen kleeblattübergreifend reagieren zu können.  

Schnittstellen der Logistik an den Hubs 

In einem Bündnisfall wird die Zuführung der Patientinnen und Patienten aus dem Ausland nach Deutschland durch Strukturen der Bundeswehr organisiert. 

Diese Patientengruppen müssen ähnlich dem heutigen Verfahren der Übernahme ukrainischer Patienten durch das Kleeblattsystem entweder an Flughäfen (Lufthubs) für schwer erkrankte oder verletzte Personen oder aber an Bahnübergabepunkten sowie an Häfen weiterverteilt werden. An zu definierenden Punkten werden diese Patientengruppen in großer Anzahl an sogenannten HUB (Hauptumschlagbasen) übergeben.  

Aus den HUBs wiederum werden die Patientinnen und Patienten dann an die Zielbehandlungseinrichtung transportiert. Zur Vorbereitung/ Ankündigung solcher Patiententransporte über die HUBs in die Zivile Versorgungsstruktur bedarf es ziviler Ansprechpartner, die in den SPOCs die Logistik aufbauen und koordinieren und die den Kontakt zur Krankenhauskoordination halten. 

Fazit 

Der Kleeblatt‐Mechanismus stellt in Deutschland ein leistungsfähiges Instrument zur strategischen Verlegung von Patientinnen und Patienten dar – insbesondere in Situationen, in denen die reguläre regionale Versorgung an ihre Grenzen stößt. Aus der Perspektive von Integrierten Leitstellen, Qualitätsmanagement und Gesundheitsversorgung bietet er eine wichtige Grundlage für Resilienz, bundesweite Steuerung und Logistik im Gesundheitswesen. 

Dieser Kleeblattmechanismus muss allerdings an die hohen zu erwartenden Patientenzahlen angepasst werden. Die organisatorischen, logistischen und finanziellen Herausforderungen sind umgehend und kontinuierlich anzugehen, um die Wirksamkeit im Krisenfall weiter zu verbessern. Für Integrierte Leitstellen bedeutet dies: nicht nur reaktiv agieren, sondern proaktiv planen, vernetzen, trainieren und evaluieren. 

Die Patienten-Verteilung kann dann über benannte SPOCs, angesiedelt in den Ländern an zentralen Integrierte Leitstellen, umgesetzt werden (Vorteil: originäre Aufgabe und hohe Kenntnis zu den Versorgungsstrukturen). Die Integrierten Leitstellen verfügen bereits über die Fähigkeiten zur Patientenverteilung, Zuweisung, Transport-Organisation. Es bedarf in der Folge aber zwingend der entsprechenden technischen Ausstattung, der Interoperabilität und der medienbruchfreien Übertragung von Informationen zwischen den Leitstellen in Deutschland und zwischen Leitstellen und Kliniken, sowie der ambulanten Versorgungsstruktur (Kassenärztliche Vereinigungen).  

Dieses System muss weiterentwickelt werden, um es auf die Bedürfnisse eines möglichen Bündnisfalls nach Art. 5 des Natovertrages (Gemeinsame Reaktion auf Angriffe. Sicherheitsrat) oder gar eines Verteidungsfalls (Art. 115a GG) vorzubereiten.  

Wichtig ist dabei ein zentrales Dashboard oder Control Center als Instrument einer medienbruchfreien Lagedarstellung und Kommunikationsplattform einzuführen. Dieses kann unter Berücksichtigung der Informationssicherheit, des Daten- und Geheimschutzes betrieben werden und ersetzt in der Kommunikation die oftmals aufwändige und benutzerunfreundliche Verschlüsselung von Nachrichten wie e-Mails. Entsprechende Vorschläge sowie eine Studie des Instituts für Rettungs- und Nutfallmedizin des Universitätsklinikums Schleswig-Holstein liegen den zuständigen Ministerien bereits vor. 

 

Literatur bei Verfasser. 

 

Dipl. Ing. Marc Gistrichovsky
Stadt Nürnberg 
Feuerwehr - Integrierte Leitstelle 

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