Was hat eigentlich unsere mögliche Zukunft mit unserem „heute“ zu tun? Und was hat unser „heute“ mit der Vergangenheit zu tun? Als Politikwissenschaftler sage ich: Wir können heute keine Entscheidungen für Morgen treffen, ohne zu wissen, woher wir kommen!“
Und genau darum geht es hier. Als Bundesinnenminister Alexander Dobrindt am 22. März öffentlich bundesweiten Schulunterricht zur Krisenvorsorge forderte, dachte ich an die große sicherheitspolitische Debatte meiner Kindheit, der ich selbst als Kind nicht entkommen konnte. 1981/1982: Debatte um den sogenannten NATO-Doppelbeschluss. Dann 1989/1990: Friedliche Revolution in der DDR und Friedensdividende.
Jetzt also seit 2022 russischer Angriffskrieg gegen die Ukraine, Zeitenwende und die politische Entdeckung des Themas Zivilschutz. Und Aufwerfen der Frage, wie man das Thema an den deutschen Schulen verankern kann.
Generation X
Die Überschrift über diesem Text lautet „Sicherheit 2045 – Zivilschutz in der Schule“ und die Zahl 2045 ist bewusst gewählt. Wenn man sich einmal kurz vergegenwärtigt, dass meine Generation (die Generation X von 1965 bis 1980) die letzte lebende Generation in Deutschland ist, die noch eine unmittelbare militärische Bedrohung des eigenen Landes unmittelbar erlebt hat. Die genau weiß, was es mit Pershing-II und SS-20-Raketen auf sich hatte. Dass die atomare Bedrohung des eigenen Territoriums akut war. Dann weiß man jetzt auch, dass es etwas mehr als eine Generation seitdem gibt, die nichts davon weiß. Außer vielleicht aus alten Schulbüchern.
Das Ende der Geschichte
Mit dem Ende der Blockkonfrontation aus Warschauer Pakt und NATO in den Jahren 1989/1990 konstatierte man den finalen Sieg der westlichen Idee. Francis Fukuyamas Essay „The end of history?“ aus dem Sommer 1989, das natürlich eine breite gesellschaftliche Debatte auslöste, sah den Kampf der westlichen, freiheitlichen Idee gegen Faschismus und Kommunismus gewonnen. Der Staat, der demnach am Ende der Geschichte entsteht, erkennt das universelle Recht der Menschen auf Freiheit an und schützt sie durch ein Rechtssystem. Und er ist in dem Sinne demokratisch, dass er nur mit dem Einverständnis der Regierten besteht.
Diese Annahme ist nun aber bereits mehr als eine Generation her und seitdem hat die Bundesrepublik Deutschland sich außen- und sicherheitspolitisch emanzipiert und 2011 die allgemeine Wehrpflicht ausgesetzt. Letzteres wirkte dabei als eine Art Brandbeschleuniger für die sicherheitspolitische Ahnungslosigkeit oder auch Blauäugigkeit einer breiteren Schicht der Bevölkerung.
Deshalb ist das Jahr 2045 bewusst gewählt, weil davon ausgegangen werden kann, dass die Rückgewinnung des sicherheitspolitischen Bewusstseins wieder mindestens eine Generation dauern wird. Und mit hoher Wahrscheinlichkeit werden daran auch weitere sicherheitspolitische Schocks nicht sehr viel ändern. Außer es wird eine gewisse Eigenbetroffenheit durch einen solchen Schock verursacht, wie etwa der rasante Anstieg der Kraftstoffpreise im Zuge des Kriegs gegen den Iran.
Keine ganz neue Debatte
Wer nun aber glaubt, die von Minister Dobrindt aufgebrachte Idee der Zivilschutz-Ausbildung an Schulen sei neu, irrt sich. Bereits zwei Jahre zuvor, am 16. März 2024, hatte die damalige Bundesbildungsministerin Bettina Stark-Watzinger Zivilschutzübungen an deutschen Schulen gefordert. Als Vorbild hatte sie damals Großbritannien genannt, wo beispielsweise Notfallpläne zu verschiedenen Szenarien und deren regelmäßige Überprüfung Bestandteil des schulischen Lebens sind. Damals wie heute liegt die Verantwortung und Kompetenz für schulische Inhalte und deren Berücksichtigung in der Stundentafel bei den Bundesländern.
Mehr sicherheitspolitische Bildung an Schulen – Unsere Umfrage
Als CPM-Verlag GmbH hatten wir Sie, unsere Leser, im Januar nach einem Meinungsbild gefragt, ob wir in Deutschland mehr sicherheitspolitische Bildung an Schulen brauchen. Die überwältigende Mehrheit der Teilnehmenden, nämlich 97 Prozent bejahten diese Frage. Und immer noch 77 Prozent waren der Meinung, dass das Konzept der Gesamtverteidigung einen verpflichtenden Platz im Curriculum bekommen solle. Damit würde die Forderung von Minister Dobrindt nach jeweils einer Doppelstunde im Halbjahr durchaus Unterstützung erfahren.
Österreich macht es schon
In Österreich wird das Thema „Gesamtverteidigung„, dort heißt es übrigens „Umfassende Landesverteidigung“ ab dem Schuljahr 2026/2027 für die 8. Klassen als verbindlicher Teil des Curriculums im Fach „Geschichte und Politische Bildung“ verankert. In unserer Umfrage sagten 75 Prozent, dass sie das auch in Deutschland gut finden würden. Auf die dezidierte Frage, ob denn die 8. Klasse der richtige Schuljahrgang sei, um das Thema einzuführen, sagten immerhin noch 61 Prozent, dass dies der richtige Jahrgang sei. 36 Prozent sind hier der Meinung, dass die 8. Klasse nicht der richtige Schuljahrgang zur Einführung des Themas sei.
Zuständigkeit für Bildung bei den Ländern
Nun kann man natürlich trefflich darüber streiten, ob der Bund in dieser Frage (der des Zivilschutzes) eine Kompetenz haben soll, auch übergreifende Themen verbindlich in die Lehrpläne zu schreiben. Aktuell hat der Bund diese Kompetenz jedenfalls nicht. Damit ist die Aufforderung von Minister Dobrindt für den Moment natürlich genauso wirksam oder unwirksam, wie es die 2024er-Forderung der Ministerin Stark-Watzinger war. Die Bundesländer müssen im Rahmen ihrer jeweiligen Überlegungen feststellen, ob es sinnvoll sein könnte, einen entsprechenden Slot für das Thema Zivilschutz in die Stundentafel aufzunehmen.
Und vielleicht erleben wir ja auf einer der nächsten Kultusministerkonferenzen eine entsprechende Initiative, um den Schülerinnen und Schülern bereits in jungen Jahren (etwa in der 8. Klasse) Handwerkszeug für gelingendes Krisenmanagement mitzugeben und damit das Thema wieder mitten in die Gesellschaft zu tragen. Und das, egal aus welcher Ecke der Gesellschaft man gerade kommt. Ein gemeinsames Verständnis von gesellschaftlicher Krisenbewältigung kann in diesen brisanten sicherheitspolitischen Zeiten ganz bestimmt nicht schaden.
Resümee
Bevor die Generation X abtritt, hat sie noch einen wichtigen gesellschaftspolitischen Auftrag. Als bisher letzte Generation, die militärische Bedrohung noch unmittelbar erlebt hat, muss sie verantwortlich die Voraussetzungen dafür schaffen, dass die nachfolgenden Generationen in der Lage sind, Krisen gut zu bewältigen und dafür die richtigen Werkzeuge an der Hand haben. Resilienz der Gesellschaft bedeutet eben vor allem, ein gemeinschaftliches Verständnis von Werten, Zusammenhalt und Krisenbewältigung zu haben.
Militärische Konflikte und militärische Fähigkeiten wachsen rund um den Globus und verursachen gleichsam militärische Auseinandersetzungen, mindestens jedoch militärisches Kräftemessen. Mit einer gewissen Wahrscheinlichkeit, dass diese Kämpfe auch über den Geldbeutel entschieden werden. Es sind damit zwei Faktoren, die zur Sicherheit 2045 entscheidend sind. Erstens: Das Mindset der Bevölkerung! Und Zweitens: Die wirtschaftliche und finanzielle Leistungsfähigkeit, um Abschreckung auch im militärischen Kräftemessen zu gewährleisten.
Beides wird bis zur vollen Entfaltung, nach Jahren der Friedensdividende, mindestens eine Generation dauern. Wenn wir jetzt anfangen. Und ich darf daran erinnern: 2029 steht als wichtige Jahreszahl immer noch im Raum. Und ein möglicher Gegner wird nicht uns zuliebe eine Generation warten.
Das Wissen, woher wir kommen, wie die Bedrohungslage war und dass es Führung und wirtschaftlicher Stärke bedurfte, um die Lage zu entschärfen und den Frieden zu sichern, kann man aus der Geschichte lernen. Und ich bin davon überzeugt, dass sich das nicht geändert hat. Die Schule ist daher der richtige Ort, um, abseits aller Ideologien, neben den Jugendoffizieren für die militärische Verteidigung auch zivile Lehrkräfte für die zivile Verteidigung in den weiterführenden Schulen einzusetzen.
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