Das vom Bundesministerium für Forschung, Technologie und Raumfahrt (BFTR, ehem. BMBF) geförderte Forschungsprojekt KriKom-LK-MEI – KrisenKommunikation im Landkreis Meißen ist längst über den Status eines Prototyps hinaus.
Die im Verbundprojekt entwickelte Infrastruktur zielt darauf ab, bei einem langanhaltenden Strom- oder Kommunikationsausfall eine stabile, dezentrale Notfallkommunikation zwischen Behörden untereinander, der Betreiber Kritischer Infrastrukturen (Kliniken, Wasserver– und -entsorger, Tierkörperbeseitigung etc.) und der Bevölkerung zu gewährleisten. Sie ist nicht nur konzeptionell durchdacht, sondern bereits seit 2020 im Einsatz und an über 30 Standorten im Landkreis Meißen und mehreren Standorten in den umliegenden Landkreisen in operativer Nutzung.
Bereits 2024 wurde das System im Rahmen eines groß angelegten Feldtests mit 40 Kommunikationskoffern im landkreisübergreifend gespannten 2-m-Band-Funknetz erfolgreich erprobt (siehe CP-Artikel Quartal 1/2025).
Viele hilfreiche Erkenntnisse wurden daraus gesammelt und in Weiterentwicklungen umgesetzt. Die aktuelle Projektphase steht ganz im Zeichen der Verstetigung, der gezielten Weiterentwicklung einzelner technischer Module im Gesamtsystem sowie der Erweiterung des Systems auf umliegende Regionen.
Virtuelles InfoBoard: Kommunikation über WLAN – ohne Netz, ohne App, ohne Hürden
Ein besonders praxisrelevantes Beispiel für diese Weiterentwicklung ist das sogenannte virtuelle InfoBoard – ein autarker WLAN-Access Point, gekoppelt mit einem lokal betriebenen Webportal. Gerade im Krisenfall, wenn Mobilfunk- und Internetverbindungen ausfallen, entsteht oft ein gefährliches Informationsvakuum. Das InfoBoard schafft in solchen Lagen eine bidirektionale Verbindung zwischen Katastrophenschutz und Bevölkerung – schnell, robust und niederschwellig.
An aktivierten KriKom-Standorten stellt das InfoBoard ein freies, lokal begrenztes WLAN bereit. Bürgerinnen und Bürger können sich ohne Registrierung oder App-Installation über ihr Smartphone oder Tablet verbinden (bring-your-own-device-Prinzip). Beim Verbindungsaufbau öffnet sich automatisch eine browserbasierte Startseite, auf der aktuelle Informationen bereitgestellt werden – ergänzt um Hinweise zum Selbstschutz sowie ein Rückmeldeformular für die Übermittlung von relevanten Beobachtungen, Notlagen oder Bedarfen (z. B. zu Verletzten, Schäden oder besonderen Gefährdungen vor Ort). Diese Rückmeldungen werden intern verschlüsselt über das KriKom-Netz an die jeweilige Einsatzleitung weitergeleitet.
Notrufmeldungen über InfoBoards möglich
Bei Überlastung oder Ausfall der Notrufe 110 und 112 können die InfoBoards den Bedarf der Bevölkerung nach Hilfe auffangen und deren Notrufe weiterleiten. Aktuell kommen Notrufmeldungen über das InfoBoard im KriKom-Leitstand an und werden von dort weitergeleitet an die jeweils zuständigen Stellen etwa Feuerwehr, Rettungsdienste oder Pflegedienste.
Lagebilder aus der Bevölkerung – in Echtzeit verfügbar
Ein besonderer technischer Mehrwert der InfoBoards liegt in der kontinuierlichen Gewinnung von Daten aus der Bevölkerung für die Erstellung aktueller Lagebilder. Über die Rückmeldefunktion geben Bürgerinnen und Bürger ortsbezogene Informationen einfach und direkt ein – etwa zu Verkehrsbehinderungen, Gefahrenstellen oder medizinischem Hilfebedarf. Diese Daten werden automatisiert in die Lagebilderfassung eingespeist, wo sie auf Seiten der Einsatzleitungen gesammelt, priorisiert und georeferenziert dargestellt werden. Dadurch entsteht ein dezentrales, laufend aktualisiertes Lagebild, das Entscheidungen beschleunigt und Ressourcen gezielter einsetzbar macht – auch in der Fläche und unter erschwerten Kommunikationsbedingungen.
Technische Grundlage und Energieversorgung
Technisch basiert das virtuelle InfoBoard auf einem energieautarken, robusten Kommunikationsmodul mit WLAN-Access Point, das vollständig unabhängig vom Mobilfunknetz oder Internet arbeitet. Die Energieversorgung erfolgt entweder über PoE (Power-over-Ethernet) oder aus den KriKom-Koffern über Akkus – damit bleibt das System auch bei langanhaltendem Stromausfall zuverlässig verfügbar.
Praxisnah entwickelt, im Verbund demonstriert
Beim Verbund- und Meilensteintreffen im Frühjahr 2025 in Riesa wurde das virtuelle InfoBoard im Rahmen einer praktischen Demonstration erstmals außerhalb des Labors in einem kleinen Feldtest erprobt.
Die Rückmeldungen der Teilnehmenden – darunter Vertreterinnen und Vertreter aus Forschung, Behörden, Katastrophenschutz und Kommunalverwaltung bestätigten die hohe Praxistauglichkeit des Systems. Hervorgehoben wurden insbesondere die unkomplizierte Nutzung, die klare Bedienstruktur sowie die barrierearme Ansprache unterschiedlicher Bevölkerungsgruppen.
Einen Monat später folgte ein weiterer Feldtest in neuer Runde: Das Begleitforschungsprojekt sifoLIFE hatte eingeladen zu einer Wissenswerkstatt bei dem Partner-Projekt LifeGRID in Oldenburg (Lebensrettung in flut- und energiekritischen Gefährdungssituationen durch Realisierung von Insellösungen im Rahmen der Daseinsvorsorge). Auch dort wurde das virtuelles InfoBoard erfolgreich in einem Feldtest überprüft.
Das InfoBoard schließt damit die Lücke in der KrisenKommunikation zwischen Katastrophenschutz und Bevölkerung: Es ermöglicht die schnelle, ortsnahe Verbreitung wichtiger Informationen an Bürgerinnen und Bürger – und schafft gleichzeitig einen Rückkanal zur Einsatzleitung, der unabhängig von zentralen Netzinfrastrukturen funktioniert.
Digitale Resilienz für alle – nicht nur für Technikaffine
Ein zentrales Entwicklungsprinzip des Projekts lautet: Technologie muss im Notfall für alle funktionieren – auch ohne viel digitale Vorerfahrung.
Deshalb wurde bei der Gestaltung des InfoBoards konsequent auf einfache, browserbasierte Nutzung geachtet – ohne zusätzliche Apps, ohne Passwörter, ohne technische Hürden. Die Oberfläche ist klar gegliedert, die Sprache verständlich, die Inhalte gezielt auf die Krisensituation abgestimmt. Rückmeldungen können über einfache, klickbasierte Formulare erfolgen – etwa zur eigenen Sicherheit, zum Zustand der Umgebung oder zum Hilfebedarf.
Gleichzeitig erfüllt das System hohe Sicherheitsanforderungen in Bezug auf Datenschutz und Datenverarbeitung. Alle übertragenen Informationen werden verschlüsselt und innerhalb des geschlossenen KriKom-Netzes weitergeleitet. Damit soll sichergestellt werden, dass ausschließlich vertrauenswürdige Informationen zur Entwicklung eines Lagebildes und zur Kommunikation mit der Bevölkerung verwendet werden.
Systemintegration und regionale Skalierung
Das virtuelle InfoBoard ist Teil eines größeren, modular aufgebauten Systems, das KriKom-Kommunikationskoffer und Repeaterstandorte und zukünftig auch Notrufknöpfe, multifunktionale Sirenen sowie flexible Energieversorgungseinheiten umfasst.
Gemeinsam bilden sie eine autarke, redundant ausgelegte Kommunikationsinfrastruktur, die speziell auf die Anforderungen kritischer Akteure in (Groß-)Gefahrenlagen ausgerichtet ist.
In der aktuellen Projektphase liegt der Schwerpunkt auf der Standardisierung, Dokumentation und Skalierung:
- Die ersten Feldtests haben Erfolge und Verbesserungspotential des InfoBoards gezeigt. Diese werden nun eingearbeitet und finalisiert.
- Softwaretechnische Anpassungen des KriKom-Netzes werden durchgeführt, um die virtuellen InfoBoards störungsfrei zu integrieren.
- Erste Einbindungen in die Gemeinden und Städte werden vorbereitet und die Übertragungen auf angrenzende Landkreise sind in Planung.
Das virtuelle InfoBoard im Projekt KriKom-LK-MEI zeigt, wie technische Innovation konkret und praxisnah zur Stärkung der kommunalen Resilienz beiträgt.
Es ermöglicht die Kommunikation mit der Bevölkerung auch dann, wenn alle klassischen Kanäle versagen – und schafft gleichzeitig ein niedrigschwelliges Angebot zur aktiven Mitwirkung im Krisengeschehen.
Autoren: Ronald Voigt, Thomas Leitert, Sidonie Hänsch
Erstmals erschienen in: Crisis Prevention 2/2025
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