Ist es einfach ein weiterer Stromausfall, der am 03. Januar 2026 den Südwesten Berlins getroffen hat? Nein, denn 45.000 betroffene Haushalte und 2.200 Gewerbekunden in den Stadtteilen Nikolassee, Zehlendorf, Wannsee und Lichterfelde sind keine Kleinigkeit.
Und die erwartete Ereignisdauer bis zum 08. Januar 2026, ehe voraussichtlich alle Betroffenen wieder mit Strom versorgt sein werden, ist auch keine Kleinigkeit.
120 Stunden ohne Strom
Fünf Tage, oder 120 Stunden, wird es voraussichtlich dauern, bis bei frostigen Temperaturen auch die bis zu zehn Zentimeter dicken Hochspannungskabel „geheilt“ sein werden. Normalerweise braucht es Plusgrade, um diese Reparaturen durchzuführen. Nun müssen sie künstlich hergestellt werden. Die Spezialisten können das. Das zeigen sie gerade und das ist eine gute Nachricht. Aber 120 Stunden ohne Strom geht eben auch weit über die üblichen Szenarien mit 24, 48 oder 72 Stunden hinaus. Die Folgen werden dann gnadenlos sichtbar.
Kein Strom, keine Heizung, keine Kommunikation
Der Stromausfall, das wurde schon unmittelbar nach dem Bekanntwerden des Brandanschlages auf eine Kabelbrücke über den Teltowkanal deutlich, bedeutet nicht nur, dass zehntausende Menschen kein Licht und keinen Strom aus der Steckdose haben. Es hängt in vielen Fällen auch die Wärmeversorgung daran. Ein nicht zu vernachlässigender Faktor bei Temperaturen um und unter dem Gefrierpunkt. Ohne Heizung kühlen Wohnungen innerhalb weniger Tage komplett aus. Und die Akkulaufzeiten der mobilen Endgeräte sind bei Aufenthalten in der Kälte eben auch deutlich reduziert. Eigentlich Binsenweisheiten, die ein wirksames Schutzkonzept notwendig machen.
Schutzkonzept und Notfallmanagement
Dieses übergreifende Schutzkonzept für die kritische Infrastruktur Stromversorgung scheint es aber nicht zu geben. Das ist umso bemerkenswerter, wenn auf der anderen Seite alle nur ansatzweise Informationswilligen auf den Seiten der Bundesnetzagentur Kartendarstellungen finden können, die entscheidende Punkte und Stellen der Stromversorgung identifizierbar machen. Da ist es dann für Extremisten und Terroristen ein leichtes Spiel, die Trassen, Kabelschächte, Funkmasten, oder Datenleitungen zu finden, die der Gesellschaft wirklich weh tun. Und wenn Stimmen laut werden, das eingerichtete Hotlines, die eigentlich hilfebedürftige Personen mit Hilfsangeboten verknüpfen sollen, in einem Zuständigkeitsgewirr enden, dann trägt das nicht zum Vertrauen der Bürgerinnen und Bürger in die Leistungsfähigkeit des Staates bei.
Supermärkte, Nahverkehr und Krankenhäuser
Kaum vorstellbar, dass in unseren Supermärkten das Licht ausgeht. Die Gesellschaft ist nahezu unendliche Öffnungszeiten und ein nahezu unendliches Warenangebot gewöhnt. Wenn jetzt aber die Stromversorgung der Supermärkte gekappt wird, dann fällt die Kühlung aus, die Fernwärmeversorgung steht ggf. in Frage und auch die Kassensysteme versagen ihren Dienst. Niemand kann mehr einkaufen, Waren verderben oder Läden werden geplündert. Auch für die S-Bahn und die Fahrzeuge des ÖPNV, die bereits auf Elektromobilität umgestellt wurden, sieht es nicht gut aus. Ohne Strom stehen diese Fahrzeuge still. Für die Krankenhäuser im Berliner Südwesten verlief der Stromausfall zwar diesmal glimpflich. Durch die schnelle Wiederherstellung der Stromversorgung, teils über Notstrom, teils über provisorische Netzanschlüsse, konnte etwa die vorbereitete Evakuierung, bzw. eine großflächige Verlegung von Patientinnen und Patienten des Emil-von-Behring-Krankenhauses verhindert werden. Andere Krankenhäuser, wie etwa die Charité, hätten dann dabei unterstützt. Aber es wurde einmal mehr deutlich, dass die Gesundheitsversorgung ganz klar zur kritischen Infrastruktur zu zählen ist.
Analoge Redundanzen
Ein weiterer Aspekt, der mehr als deutlich wurde: Es braucht bei aller Digitalisierung auch immer die analogen Redundanzen. Wenn etwa bei Ausfall der digitalen Kommunikation, an einem kalten Winterabend um 21:45 Uhr, besonders lebensältere Menschen, die bei winterlichen Straßenbedingungen nicht mehr sicher vor die Tür gehen können, hungrig in ihren kalten Wohnungen sitzen, weil sie schlicht keine Kenntnis von Hilfsangeboten haben, dann ist hier akuter Handlungsbedarf. Und zwar analoger Handlungsbedarf. Die im Aufbau befindlichen Katastrophenschutzleuchttürme sind dabei ein guter Anfang. Alle Bevölkerungsgruppen müssen sicher über Angebote, Pläne und Lageentwicklungen informiert werden. Und das muss immer auch die Möglichkeit beinhalten, sich diese Informationen physisch zu beschaffen.
Einzelfall oder Vorbote von weiteren Anschlägen?
Noch vor einigen Jahren hätte man sich vielleicht dazu hinreißen lassen, Anschläge dieser Art als Einzeltat von verwirrten Personen darzustellen. Inzwischen muss man davon ausgehen, dass die Verschärfung der sicherheitspolitischen Lage eben keine Worthülse ist, sondern bittere Realität. Und machen wir uns nichts vor. Viele neue Gruppen werden diese sicherheitspolitische Kulisse nutzen wollen, um ihre Botschaften (öffentlichkeits-)wirksam in Szene zu setzen. Insofern ist dieser Brandanschlag leider kein schwerwiegender Einzelfall, sondern mit einer gewissen Wahrscheinlichkeit nur der Vorbote einer Zeit, in der sich die Bevölkerung ihrer sichergeglaubten Grundgewissheiten nicht mehr sicher sein kann.
Muss das so kommen?
Klare Antwort: Nein, das muss gar nicht so kommen. Wir sind eben nicht auf Gedeih und Verderb nur Beifahrer auf dieser Fahrt. Natürlich kommt da einiges auf die Gesellschaft zu, aber verlässliche Information, Aufklärung und die Schaffung eines Bewusstseins in der (insbesondere städtischen) Bevölkerung, dass alle eine wichtige Rolle haben, und auch etwas tun können, ist ein zentraler Baustein für die Zukunft.
Wenn wir nicht alle Transparenz und Sichtbarkeit im Rahmen der neuen Zeit über Bord werfen wollen, wenn wir wollen, dass die Gesellschaft sich weiterhin unabhängig und umfassend informieren kann, dann wird es auch weiterhin die Karten bei der Bundesnetzagentur geben. Nur es wird dann auch einen klaren Plan für ein übergreifendes Notfallmanagement geben. Eine freiheitliche Gesellschaft muss sich immer auch seiner Gefahren bewusst sein und einen Plan (und die dazugehörigen Ressourcen) haben, um schnell und wirksam damit umzugehen. Dazu gehören dann auch koordinierte Hilfeleistungen nach einem einheitlichen Standard und die Kommunikation dieser Angebote auf digitalem und analogem Wege.
Fazit
Angriffe dieser Art werden wohl auf die eine oder andere Weise leider zu einem neuen Normalzustand dazu gehören. Der Schutz Kritischer Infrastruktur ist daher umso wichtiger. Alles gesellschaftliche Leben unserer Zeit hängt unmittelbar oder zumindest mittelbar mit der verlässlichen Verfügbarkeit von elektrischem Strom ab. Unsere Art zu Leben und die Gewährleistung der Freiheit der Person, hängt mit der Kommunikation, mit der Mobilität und mit der Freizügigkeit ganz allgemein zusammen. Wer einen Brandanschlag auf das Stromnetz begeht, übt nicht etwa nur Gewalt gegen Sachen aus, sondern der schädigt unschuldige Menschen und bringt sie ggf. in Gefahr für Leib und Leben. Das ist nicht akzeptabel. Daher braucht es übergreifende Schutzkonzepte und Zusammenarbeit auf allen Ebenen. Und eben kein hin und herschieben von Zuständigkeiten.
Aktuell ist ein Live-Ticker zu den Ereignissen hier zu finden: https://www.rbb24.de/panorama/beitrag/2026/01/berlin-sueden-massiver-stromausfall-nikolassee-zehlendorf-wannsee-lichterfelde-verteilerstation-brand.html
Mit WhatsApp immer auf dem neuesten Stand bleiben!
Abonnieren Sie unseren WhatsApp-Kanal, um die Neuigkeiten direkt auf Ihr Handy zu erhalten. Einfach den QR-Code auf Ihrem Smartphone einscannen oder – sollten Sie hier bereits mit Ihrem Mobile lesen – diesem Link folgen:












