Im Interview: Dr. Frank Naujoks, Leiter der Stabsstelle Krisenmanagement und Ärztlicher Leiter Rettungsdienst im Gesundheitsamt Frankfurt am Main. Das Interview führte André Luhmer.
Herr Dr. Naujoks, vielen Dank, dass Sie sich Zeit für uns nehmen. Erzählen Sie uns bitte etwas über Ihren Werdegang und wie Sie in Ihre heutige Funktion gekommen sind.
Sehr gerne. Mein Name ist Frank Naujoks, ich bin Facharzt für Anästhesie und Notfallmedizin – und im Grunde ein Kind des Rettungsdienstes. Ich habe schon als Schüler einen Schulsanitätsdienst in Frankfurt gegründet, später dann während meines Zivildienstes im Rettungsdienst gearbeitet – zunächst als Rettungssanitäter, dann als Rettungsassistent. Ich habe in Frankfurt Medizin studiert, als Arzt in verschiedenen Krankenhäusern gearbeitet und war schließlich vor meiner jetzigen Tätigkeit bereits Ärztlicher Leiter Rettungsdienst im benachbarten Landkreis Offenbach. Im April werden es sechs Jahre, dass ich in Frankfurt in dieser Funktion arbeite.
Das Notfallsanitätergesetz hat ja seit 2014 einiges verändert. Welche Auswirkungen hatte das auf Ihre Arbeit?
Die Auswirkungen waren enorm. Hessen hatte damals das wohl fortschrittlichste Rettungsdienstgesetz in Deutschland. Der ärztlichen Leitung Rettungsdienst werden darin explizit Aufgaben im Qualitätsmanagement, der Qualitätssicherung und -verbesserung zugewiesen – einschließlich der Vorgabe von Behandlungsleitlinien für nichtärztliches Personal. Mit dem Notfallsanitätergesetz wurde das konkretisiert: Nach § 4 Absatz 2, Nr. 2c ist die ärztliche Leitung verpflichtet, heilkundliche Maßnahmen über SOPs zu regeln, die Notfallsanitäter durchführen sollen. Wir haben in Hessen das große Glück, dass auf Landesebene früh Arbeitsgruppen entstanden sind, die einheitliche Lehralgorithmen und Lehraussagen für heilkundliche Maßnahmen entwickelt haben. Diese dienen uns auf kommunaler Ebene als Grundlage.
Wie ist der Rettungsdienst in Frankfurt organisatorisch aufgebaut?
Frankfurt ist mit rund 750.000 Einwohnern die fünftgrößte Stadt Deutschlands, hinzu kommen etwa 450.000 Einpendler und über 200.000 Passagiere am Flughafen – an Werktagen also weit über eine Million Menschen in der Stadt. Besonderheiten sind der größte Verkehrsflughafen Deutschlands, das größte Autobahnkreuz (A 3/A 5), einer der größten Bahnhöfe der Republik sowie die Hochhaus-Skyline mit Gebäuden bis zu 260 Metern Höhe. Zur Versorgung stehen 18 Kliniken, davon 13 mit Notfallversorgung und rund 4.000 stationäre Betten, zur Verfügung. 2024 verzeichneten wir etwa 151.000 Rettungsdiensteinsätze. Unsere Leitstelle ist in vier Dienstgruppen mit jeweils 20 Funktionen organisiert.
Es gibt 19 Rettungsdienststandorte – zwölf kombinierte Feuer- und Rettungswachen sowie sieben Außenstellen. Als Leistungserbringer sind alle vier anerkannten Hilfsorganisationen am Rettungsdienst beteiligt, dazu die Berufsfeuerwehr und die medizinischen Dienste der Fraport AG. Insgesamt verfügen wir über bis zu 47 Rettungsmittel, nachts reduziert auf etwa 22, plus acht Notarzteinsatzfahrzeuge, einen Intensivtransportwagen und einen Rettungshubschrauber. Frankfurt hat einen sehr leistungsfähigen Rettungsdienst.
Der Rettungsdienst auf dem Frankfurter Flughafen ist also auch eingebunden?
Genau. Der medizinische Dienst des Flughafens arbeitet eng mit der Werkfeuerwehr zusammen. Er ist für das eigentliche Werksgelände selbst zuständig, und er nimmt offiziell am öffentlichen Rettungsdienst teil und kann Patienten aus dem Sicherheitsbereich heraus eigenständig in eine Behandlungseinrichtung transportieren. Die Zusammenarbeit funktioniert hervorragend.
Kommen wir zum Personal. Wo sehen Sie aktuell die größten Herausforderungen?
Wir haben etwa 1.400 Mitarbeitende im Rettungsdienst. Wie überall gibt es Fluktuation. Der Beruf ist heute oft eine Durchgangsstation – viele nutzen ihn als Überbrückung bis zum Medizinstudium oder arbeiten nur zeitweise in dem Beruf. Hinzu kommt: Frankfurt ist teuer. Bei bundesweit gleichen Tarifen ist es für Notfallsanitäter schwer, hier eine Wohnung zu finden. Auch die Pendelzeiten aus dem Umland sind belastend. Trotzdem bleibt der Rettungsdienst Frankfurt attraktiv – wegen seiner Vielfalt: multikulturelles Umfeld, Messe, Flughafen, Verkehrslage, touristische Hotspots. Das Einsatzspektrum ist spannend und herausfordernd. Problematisch sind die geringen Personalreserven. Fällt Personal krankheitsbedingt aus, müssen Fahrzeuge teilweise abgemeldet werden. Um das zu vermeiden, können wir Rettungswagen z.B. in Notfall-KTW „downgraden“. Diese sind mit Rettungssanitätern Plus besetzt – also Rettungssanitätern mit zusätzlicher Qualifikation. Das Konzept wurde inzwischen landesweit übernommen.
Wie sieht diese Zusatzqualifikation aus?
Der „RS Plus“ absolviert einen 40-Stunden-Erweiterungskurs und muss mindestens zwei Jahre hauptberuflich im Rettungsdienst tätig sein. Damit verfügen diese Kollegen über fundierte Erfahrung. Das Konzept hat sich bewährt, etwa bei Heimtransporten oder Überwachungsfahrten von tracheotomierten oder sauerstoffpflichtigen Patienten. So werden die regulären Rettungswagen für echte Notfälle entlastet.
Welche Rolle spielt Digitalisierung in der täglichen Arbeit?
Eine große. Wir arbeiten seit einigen Jahren mit einem elektronischen Notfallprotokoll, das für die Qualitätssicherung ein echter Gewinn ist. Ich kann damit nachvollziehen, welche Maßnahmen in welchen Situationen ergriffen wurden, und daraus gezielt Fortbildungsbedarfe ableiten. Eine telemedizinische Anbindung haben wir derzeit noch nicht, sind aber in der Ausschreibungsphase. Ich hoffe, dass wir im kommenden Jahr die Tele-Notfallmedizin in Frankfurt implementieren können.
Wo sehen Sie die größten Einsatzmöglichkeiten für Tele-Notfallmedizin?
Sowohl bei medizinischen Fällen als auch bei juristischen Grauzonen. Zum Beispiel, wenn ein Patient nach Unterzuckerung behandelt wurde und nicht ins Krankenhaus möchte – hier braucht es oft eine ärztliche Aufklärung. Das könnte telemedizinisch erfolgen. Auch bei unklaren Situationen, in denen der Rettungsdienst vor Ort entscheidet, dass kein Transport nötig ist, wäre eine ärztliche Zweitmeinung per Telemedizin hilfreich. Sie stärkt die Entscheidungsqualität und könnte Rechtssicherheit schaffen. Darüber hinaus sehe ich großes Potenzial für Entscheidungen in Pflegeheimen – nachts oder am Wochenende, wenn kein Hausarzt erreichbar ist. Eine telemedizinische Anbindung könnte hier unnötige Einsätze und Krankenhausaufnahmen verhindern.
Kommen wir zum Thema Großschadenslagen. Wie ist Frankfurt darauf vorbereitet?
Sehr gut. Wir verfügen über ein ausgefeiltes MANV-Konzept. Die Feuerwehr mit ihren zahlreichen Führungskräften kann sehr schnell eine funktionsfähige Einsatzstruktur aufbauen. Ein organisatorischer Leiter Rettungsdienst ist rund um die Uhr im Präsenzdienst verfügbar. Alle Mitarbeitenden müssen regelmäßig ein E-Learning-Modul zum Thema MANV absolvieren, damit jeder weiß, was in der ersten Phase zu tun ist. Technisch verfügen wir über vier Sanitätszüge im Katastrophenschutz. Zusätzlich werden so genannte GW-MANV vorgehalten. Wir haben bewusst von großen Abrollbehältern auf kleinere, fahrbare Einheiten umgestellt, die von einer Person bedient werden können. Das Material ist selbsterklärend und ermöglicht eine schnelle, flexible Versorgung vor Ort. Ganz Hessen nutzt zudem das System IVENA, das ist ein digitaler interdisziplinärer Versorgungsnachweis, das im Gesundheitsamt Frankfurt entwickelt wurde. Kliniken können dort freie Kapazitäten und Patientenstatus in Echtzeit melden – ein enormer Vorteil im Massenanfall-Szenario.
Abschließend – wie sehen Sie die Zukunft des Rettungsdienstes und was wünschen Sie sich von der Politik?
Die Diskussion um vermeintliche „Bagatelleinsätze“ ist aus meiner Sicht überholt. Für den einzelnen Menschen, der die 112 wählt, ist es subjektiv immer ein Notfall. Gleichzeitig müssen wir neue Versorgungsstrukturen schaffen, um den Rettungsdienst zu entlasten – insbesondere durch die bessere Verzahnung mit dem ambulanten Sektor. Das geplante Notfallreformgesetz geht in die richtige Richtung. Wichtig ist mir auch Ehrlichkeit in der Ausbildung: Rettungsdienst bedeutet nicht nur Schwerverletzte und spektakuläre Einsätze. Er bedeutet oft, für ältere oder verunsicherte Menschen da zu sein, die schlicht Hilfe brauchen. Langfristig wünsche ich mir, dass Notfallsanitäter stärker in andere Hilfsstrukturen vermitteln dürfen – etwa in Palliativteams oder ambulante Dienste. So könnten wir Patienten bedarfsgerechter versorgen und Krankenhäuser entlasten.
Herr Dr. Naujoks, vielen Dank für das Gespräch.
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