Alarmflut im Leitstand vermeiden

In Leitständen der Pharma- und Chemieindustrie führt die Flut an Alarmen oft dazu, dass kritische Ereignisse untergehen. VIDEC-Geschäftsführer Tim Brexendorf erklärt, wie moderne Betriebsdatenlösungen statt starrer Grenzwerte auf intelligente Korrelation setzen. Das Ergebnis: weniger Alarme, aber mehr echte Relevanz.

Moderne Betriebsdatenlösungen werten Prozessdaten kontextbezogen aus, statt nur starre Grenzwerte zu überwachen.
Moderne Betriebsdatenlösungen werten Prozessdaten kontextbezogen aus, statt nur starre Grenzwerte zu überwachen.
KI-generiert: CPM/ Lena Berghoff

Intelligente Alarmierung schafft Klarheit und schützt kritische Prozesse

In modernen Leitständen treffen im Minutentakt Meldungen ein. Sensoren, Steuerungen und Subsysteme liefern kontinuierlich Datenströme, die sich zu einer kaum überschaubaren Informationsdichte verdichten. Was auf den ersten Blick nach maximaler Kontrolle klingt, führt in der Praxis oft zum Gegenteil: Eine Flut an Alarmen überlagert die wirklich kritischen Ereignisse. Relevanz verschwimmt, Prioritäten geraten ins Wanken, und wertvolle Zeit verstreicht zwischen Sichtung, Bewertung und Reaktion. „Gerade in hochsensiblen Branchen wie Pharma und Chemie, in denen Prozessstabilität, Compliance und Produktsicherheit oberste Priorität haben, kann genau diese Unschärfe gravierende Folgen nach sich ziehen“, weiß Tim Brexendorf, Geschäftsführer der VIDEC Data Engineering GmbH. „Hier bestimmen hochkomplexe Prozesse die Produktion, häufig unter streng regulierten Bedingungen.“ Parameter wie Temperatur, Druck, pH-Wert oder Stoffkonzentration greifen ineinander und reagieren sensibel auf kleinste Veränderungen. Eine schleichende Abweichung kann die Qualität eines Wirkstoffs beeinflussen oder sogar ganze Chargen gefährden, ohne dass klassische Schwellenwertsysteme frühzeitig Alarm schlagen.

Grenzen klassischer Alarmkonzepte

Traditionelle Alarmierungslogiken orientieren sich meist an festen Grenzwerten. Sobald ein definierter Wert über- oder unterschritten wird, erfolgt eine Meldung. Dieses Prinzip greift jedoch zu kurz, da es weder dynamische Entwicklungen noch Wechselwirkungen zwischen Parametern berücksichtigt. Die Folge: Entweder entstehen zu viele Alarme ohne echte Relevanz oder kritische Trends bleiben lange unentdeckt. „Ein zukunftsfähiger Ansatz setzt daher nicht erst bei der Alarmierung an, sondern bereits bei der systematischen Auswertung der Betriebsdaten“, erklärt der Experte. Moderne Betriebsdatenlösungen erfassen, verdichten und bewerten eine enorm hohe Datendichte aus unterschiedlichsten Anlagen, Sensoren und Prozessbereichen. Damit gehen sie weit über die klassische Grenzwertüberwachung hinaus. Entscheidend ist nicht allein, dass möglichst viele Informationen vorliegen, sondern dass sie sinnvoll korreliert, kontextualisiert und bewertet werden. Lösungen wie acron schaffen hierfür die Grundlage, indem sie Prozesswerte, historische Daten und Zustandsinformationen zusammenführen und so aufbereiten, dass Zusammenhänge für Anwender transparent werden. Dabei unterstützt die Lösung insbesondere die strukturierte Analyse und Visualisierung von Zeitverläufen und Anlagenzuständen und schafft so eine fundierte Basis für die Einordnung von Entwicklungen.

Daten sinnvoll bewerten statt Alarme vervielfachen

Gerade in regulierten und prozesskritischen Umgebungen reicht es nicht aus, jede Abweichung ungefiltert weiterzugeben. Die eigentliche Herausforderung liegt darin, aus der Vielzahl überwachbarer Informationen diejenigen Signale herauszufiltern, die tatsächlich handlungsrelevant sind. Moderne Betriebsdatenlösungen unterstützen Unternehmen dabei, Veränderungen im Prozess nicht isoliert zu betrachten, sondern im Zusammenhang mit weiteren Parametern, historischen Verläufen und bekannten Prozessmustern zu bewerten. Auf Basis von Zeitreihenanalysen, anlagenübergreifenden Auswertungen und der strukturierten Zusammenführung von Daten werden Entwicklungen sichtbar, die sich über längere Zeiträume aufbauen. So lassen sich schleichende Veränderungen frühzeitig erkennen und einordnen, ohne dass daraus automatisch eine unübersichtliche Alarmflut entsteht. „Genau hier liegt der Unterschied zur alten Grenzwertlogik. Während klassische Systeme meist nur melden, wenn ein definierter Wert verletzt wird, ermöglichen datenbasierte Lösungsansätze eine differenziertere Bewertung: Ist eine Abweichung kritisch oder nur temporär?“, hält Brexendorf fest. Betrifft sie einen einzelnen Sensor oder deutet sie auf eine Veränderung im Prozesszusammenhang hin? Hat sie Auswirkungen auf Qualität, Verfügbarkeit oder nachgelagerte Prozessschritte? Erst diese Bewertung schafft die Grundlage für eine Alarmierung, die nicht zum Wegklicken verleitet, sondern echte Aufmerksamkeit erzeugt.

Effizient alarmieren, gezielt reagieren

Auf dieser Datenbasis folgt der nächste entscheidende Schritt: die effiziente und passende Alarmierung. Denn selbst die beste Analyse entfaltet ihren Nutzen nur dann, wenn relevante Anomalien im Sensorverhalten oder im Prozessverlauf schnell bei den richtigen Personen, Abteilungen oder Zuständigkeiten ankommen. Hier können Lösungen wie AIP ansetzen. Sie unterstützen dabei, bewertete Ereignisse gezielt weiterzuleiten, Prioritäten abzubilden und Alarmwege so zu gestalten, dass die jeweils zuständigen Fachkräfte rechtzeitig informiert werden. Der Experte hebt hervor: „Statt isolierter Einzelmeldungen entsteht damit ein strukturierter Informationsfluss. Die Betriebsdatenlösung liefert die Grundlage für Korrelation und Bewertung, während die Alarmierungslösung sicherstellt, dass aus relevanten Erkenntnissen auch konkrete Handlungen werden.“ Unternehmen erhalten damit keine weitere Ebene zusätzlicher Meldungen, sondern einen Lösungsansatz, der Analyse, Bewertung und Weitergabe sinnvoll miteinander verbindet.

Früh erkennen, gezielt handeln

Ein praxisnahes Beispiel verdeutlicht den Mehrwert: In einer chemischen Produktionsanlage bewegen sich Temperatur, Druck und Durchfluss zunächst weiterhin innerhalb ihrer zulässigen Toleranzen. Für sich genommen würde keiner dieser Werte eine klassische Alarmmeldung auslösen. Gleichzeitig zeigt die Auswertung der Betriebsdaten jedoch, dass sich mehrere Parameter über einen längeren Zeitraum ungewöhnlich zueinander entwickeln. Der Druck steigt minimal an, der Durchfluss verändert sich schleichend, und die Temperatur reagiert nicht mehr im gewohnten Verhältnis. Eine reine Grenzwertüberwachung würde diese Entwicklung möglicherweise erst erkennen, wenn ein definierter Schwellenwert bereits überschritten ist. Eine moderne Betriebsdatenlösung kann diese Abweichung dagegen im Zusammenhang bewerten und frühzeitig als relevante Auffälligkeit einordnen. Erst auf dieser Grundlage wird gezielt alarmiert, zum Beispiel an Instandhaltung, Produktion oder Qualitätssicherung. „Entscheidend ist, dass nicht jede technische Auffälligkeit automatisch einen Alarm erzeugt, sondern dass relevante Entwicklungen bewertet und an die passenden Verantwortlichen weitergegeben werden“, erklärt Brexendorf. Eingriffe erfolgen damit rechtzeitig, bevor Qualitätseinbußen, ungeplante Stillstände oder Folgeprobleme entstehen.

Mehr Transparenz für regulierte Umgebungen

Neben der reinen Ereigniserkennung eröffnet dieser Ansatz auch Vorteile für Compliance und Dokumentation. In regulierten Branchen spielt die Nachvollziehbarkeit von Entscheidungen eine zentrale Rolle. Kontextualisierte Alarmierungen liefern nicht nur eine Meldung, sondern auch eine Begründung: Warum trat dieser Alarm auf? Wie entwickelt sich der zugrundeliegende Prozess? Welche Bewertung lag zugrunde? Diese Transparenz erleichtert Audits, stärkt die Prozesssicherheit und unterstützt eine saubere Dokumentation entlang regulatorischer Vorgaben. „Daneben wird deutlich, dass Alarmierung nicht losgelöst von Datenbewertung betrachtet werden kann“, so der Experte. „Erst das Zusammenspiel aus belastbarer Betriebsdatenerfassung, intelligenter Korrelation und passender Weiterleitung schafft eine Grundlage, auf der Entscheidungen nachvollziehbar und rechtzeitig getroffen werden können.“

Entlastung im Leitstand

Gleichzeitig verändert sich die Arbeitsrealität im Leitstand spürbar. Statt permanenter Reizüberflutung entsteht ein strukturierter Informationsfluss, der gezielte Aufmerksamkeit ermöglicht. Fachkräfte konzentrieren sich auf das Wesentliche, treffen fundiertere Entscheidungen und agieren proaktiv statt reaktiv. „Die Reduktion unnötiger Alarme senkt nicht nur die Belastung, sondern erhöht auch die Betriebssicherheit. So verwandelt sich Alarmierung von einem reinen Reaktionsmechanismus zu einem strategischen Instrument der Prozesssteuerung“, verdeutlicht Brexendorf. „Grundlage dafür ist jedoch nicht ein einzelnes Produkt, sondern ein lösungsorientierter Ansatz, der Betriebsdaten, Bewertung und Alarmierung zusammendenkt.“ Gerade in sensiblen Industrien wie Pharma und Chemie entsteht daraus ein klarer Vorteil: mehr Kontrolle, bessere Qualität und eine deutlich höhere Resilienz im laufenden Betrieb. Unternehmen vermeiden nicht nur eine unkontrollierte Alarmflut, sondern schaffen die Voraussetzungen dafür, kritische Entwicklungen früher zu erkennen, gezielter zu bewerten und schneller an die richtigen Stellen zu bringen.

Quelle: VIDEC Data Engineering GmbH

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