Host Nation Support aus Sicht der Behörden und Organisationen mit Sicherheitsaufgaben (BOS)

Host Nation Support (HNS) ist im sicherheitspolitischen Diskurs der vergangenen Jahre zunehmend aus dem Schatten einer rein militärischen Unterstützungsleistung herausgetreten. Mit dem Operationsplan Deutschland (OPLAN DEU) wird HNS explizit als gesamtstaatliche Daueraufgabe verstanden, die weit über logistische Einzelmaßnahmen hinausgeht.

Host Nation Support Überblick
Überblick: Host Nation Support
Grafik: Bundeswehr

Deutschlands Rolle als Drehscheibe im Host Nation Support

Deutschland wird innerhalb des Operationsplans als zentraler Transit-, Aufmarsch- und Unterstützungsraum der Bündnisverteidigung, als sogenannte „Drehscheibe Deutschland“, konzipiert.

Diese Rolle ist unmittelbar an die Funktionsfähigkeit ziviler Strukturen gebunden und verleiht den Behörden und Organisationen mit Sicherheitsaufgaben (BOS) eine sicherheitspolitische Bedeutung, die in dieser Klarheit lange nicht formuliert wurde.

Für die BOS bedeutet diese Entwicklung keinen abrupten Paradigmenwechsel, wohl aber eine strukturelle Erweiterung ihres Auftrags. Aufgaben der Gefahrenabwehr, des Bevölkerungsschutzes und der Aufrechterhaltung öffentlicher Sicherheit und Ordnung werden systematisch in militärische Operations- und Durchhalteplanungen eingebunden.

Damit verschiebt sich der Fokus von kurzfristiger Reaktion auf kleinere und größere Schadenslagen hin zu langfristiger Belastbarkeit, vorausschauender Planung und politisch legitimierter Priorisierung in komplexen Krisenszenarien. Diese Veränderung ist Ausdruck eines erweiterten Sicherheitsverständnisses, das zivile und militärische Dimensionen nicht mehr getrennt betrachtet!

Neue Anforderungen an Behörden und Organisationen mit Sicherheitsaufgaben (BOS)

Den konzeptionellen Rahmen hierfür bilden die Rahmenrichtlinien für die Gesamtverteidigung (RRGV), welche mit Beschluss des Bundeskabinetts vom 05.06.2024 neu erschienen sind. Sie definieren Verteidigung als gesamtstaatlichen Prozess, der militärische und zivile Leistungen untrennbar miteinander verzahnt.

Für die BOS ist dieser Ansatz von zentraler Bedeutung, da ihre Einsatzfähigkeit nicht erst im formalen Verteidigungsfall relevant wird, sondern bereits in hybriden Lagen, in Phasen erhöhter Spannungen und bei Angriffen unterhalb der Kriegsschwelle.

Ergänzt wird dieser Rahmen durch die Konzeption Zivile Verteidigung (KZV vom 24.08.2016), welche vom Bundesinnenministerium verantwortet wird. Sie beschreibt den Schutz der Bevölkerung, die Sicherstellung kritischer Infrastrukturen und die Aufrechterhaltung staatlicher Handlungsfähigkeit als Kernaufgaben ziviler Verteidigung.

OPLAN DEU greift diese Grundlagen auf und überführt sie in militärische Operationsplanung, insbesondere mit Blick auf Durchmarsch, Stationierung und logistische Unterstützung verbündeter Streitkräfte.

Aus Sicht der BOS ist entscheidend, dass diese konzeptionelle Verzahnung nicht zu einer einseitigen Belastung ziviler Systeme führt. Gesamtverteidigung kann nur dann wirksam sein, wenn zivile Sicherheitsstrukturen nicht lediglich als verfügbare Ressource betrachtet werden, sondern als eigenständiger Pfeiler der Sicherheitsarchitektur mit eigenen Schutzbedarfen und Belastungsgrenzen.

Host Nation Support ist daher weniger als zusätzliche Aufgabe zu verstehen, sondern als neuer strategischer Rahmen für bestehende Fähigkeiten.

Inhaltlich greift HNS auf klassische Kompetenzen der BOS zurück. Verkehrslenkung, technische Hilfeleistungen, medizinische Versorgung, Notunterbringung und die Sicherung kritischer Infrastrukturen gehören seit Jahrzehnten zum Kernbestand ziviler Gefahrenabwehr.

Neu ist jedoch die Art und Weise, wie diese Fähigkeiten in OPLAN DEU verortet werden. Sie werden nicht mehr ausschließlich reaktiv eingesetzt, sondern vorausschauend geplant, räumlich priorisiert und zeitlich hinterlegt. Damit entsteht ein qualitativer Unterschied, der erhebliche Auswirkungen auf Ressourcenmanagement, Führungsstrukturen und rechtliche Absicherung hat.

Vom reaktiven Einsatz zur vorausschauenden Planung

Besonders deutlich wird dies bei großräumigen Truppenverlegungen. Polizeiliche Verkehrsmaßnahmen, rettungsdienstliche Absicherung, technische Unterstützung beschädigter Infrastruktur und die Bereitstellung von Unterkünften müssen über längere Zeiträume aufrechterhalten werden.

Gleichzeitig bleibt der Auftrag der BOS bestehen, die Bevölkerung vor zivilen Gefahren zu schützen und die öffentliche Sicherheit und Ordnung aufrechtzuerhalten.

Gerade das Aufrechterhalten und Wiederherstellen der öffentlichen „Normalität“ ist eine wichtige Aufgabe der BOS. Diese Gleichzeitigkeit unterschiedlicher Anforderungen stellt eine der zentralen Herausforderungen des Host Nation Support dar und macht deutlich, dass es weniger an fachlicher Kompetenz als an struktureller Durchhaltefähigkeit mangelt.

In diesem Spannungsfeld gewinnt die zivilmilitärische Zusammenarbeit eine neue Qualität. Sie ist nicht länger auf punktuelle Abstimmungen oder Katastrophenhilfe beschränkt, sondern wird zu einem dauerhaften Planungs- und Führungsprinzip.

Zivile und militärische Stellen müssen ihre Planungen frühzeitig aufeinander abstimmen, gemeinsame Lagebilder entwickeln und kompatible Führungsprozesse etablieren.

Zivilmilitärische Zusammenarbeit im Host Nation Support

Für die BOS bedeutet dies eine stärkere Einbindung in militärisch geprägte Planungszyklen, welche sich in Logik, Zeitansatz und Geheimschutzanforderungen deutlich von klassischen Verwaltungs- oder Einsatzstrukturen unterscheiden.

Gleichzeitig muss militärische Planung die Realität ziviler Gefahrenabwehr berücksichtigen. Einsatzkräfte können nicht beliebig disponiert werden, da sie parallel für Naturkatastrophen, technische Großschadenslagen oder hybride Bedrohungen benötigt werden.

Die Qualität der zivilmilitärischen Zusammenarbeit entscheidet sich daher weniger an formalen Zuständigkeiten als an der praktischen Anschlussfähigkeit der jeweiligen Systeme. Gemeinsame (Stabsrahmen- und Voll-)Übungen, realistische Annahmen und ein gegenseitiges Verständnis der Leistungsgrenzen sind dabei von zentraler Bedeutung.

Eine besondere sicherheitspolitische Relevanz kommt im Kontext von Host Nation Support dem Schutz kritischer Infrastrukturen zu. Verkehrswege, Energieversorgung, Wasser, Kommunikation, Gesundheitswesen und Logistik bilden die Grundlage ziviler Resilienz und sind zugleich Voraussetzung militärischer Operationsfreiheit.

Angriffe auf diese Strukturen treffen zivile Gesellschaft und militärische Handlungsfähigkeit gleichermaßen.

Kritische Infrastrukturen im Host Nation Support: Schutz und Nutzungskonflikte

Mit dem KRITIS-Dachgesetz reagiert der Gesetzgeber auf diese Verwundbarkeit und verfolgt das Ziel, sektorenübergreifende Mindeststandards für den Schutz kritischer Infrastrukturen zu etablieren. Privatwirtschaftliche Krisenvorsorge und letztlich auch private Selbstvorsorge können das System stark entlasten und die öffentlichen Bedarfsträger für den ersten Moment reduzieren.

Für die BOS ergibt sich daraus eine doppelte Verantwortung. Einerseits werden sie stärker in Prävention, Schutz und Reaktion auf Störungen kritischer Infrastrukturen eingebunden. Andererseits steigen die Erwartungen an ihre Koordinations- und Durchsetzungsfähigkeit in komplexen Krisenlagen.

Im Zusammenspiel mit OPLAN DEU erhält das KRITIS-Dachgesetz eine zusätzliche verteidigungspolitische Dimension. Kritische Infrastrukturen sind nicht mehr nur Objekte des Bevölkerungsschutzes, sondern zugleich militärisch relevante Ressourcen. Ihr Schutz wird damit zu einer gemeinsamen Aufgabe ziviler Sicherheitsbehörden und militärischer Stellen, da es um eine effektive Landes-und Bündnisverteidigung geht.

Aus BOS-Sicht entstehen daraus erhebliche Spannungsfelder. Kritische Infrastrukturen müssen gleichzeitig geschützt, betrieben und im Rahmen von Host Nation Support intensiv genutzt werden. Militärische Durchmarsch- und Versorgungsbedarfe können in Konkurrenz zu zivilen Grundbedürfnissen treten (Versorgung mit Treibstoff, Wasser, Nahrung, Sanitätsversorgung etc.).

Schauen wir uns die schon in Friedenszeiten angespannte Lage in den Krankenhäusern an. Diese Nutzungskonflikte lassen sich nicht allein operativ lösen, sondern erfordern politisch legitimierte Priorisierungsentscheidungen, die rechtlich abgesichert und transparent kommuniziert sind.

Gesellschaftliche Akzeptanz und Rolle der BOS im Host Nation Support

Das KRITIS-Dachgesetz kann hierfür einen Rahmen bieten, ersetzt jedoch nicht die Notwendigkeit ausreichender Ressourcen und belastbarer Redundanzen.

Hinzu kommt die gesellschaftliche Dimension. Militärische Präsenz, Verkehrsbeeinträchtigungen oder priorisierte Versorgung können in der Bevölkerung auf Angst und Unverständnis stoßen. Versammlungslagen werden Polizei und weitere BOS personell und materiell einbinden.

Die BOS übernehmen eine zentrale Vermittlungsfunktion. Sie genießen hohes Vertrauen und sind häufig erste Ansprechpartner vor Ort. Ihre Fähigkeit, Maßnahmen nachvollziehbar zu erklären und staatliches Handeln zu vermitteln, ist ein entscheidender Faktor für die Akzeptanz von HNS und KRITIS-Schutzmaßnahmen.

Dieses Vertrauen ist eine sicherheitspolitische Ressource, die ebenso geschützt werden muss wie materielle Fähigkeiten.

Host Nation Support als strategischer Kern moderner Gesamtverteidigung

Sicherheitspolitisch markiert Host Nation Support im Rahmen von OPLAN DEU einen tiefgreifenden Wandel des deutschen Verteidigungsverständnisses. Verteidigung wird nicht mehr ausschließlich als militärische Aufgabe begriffen, sondern als gesamtstaatlicher Prozess, der lange vor einem formalen Bündnisfall beginnt.

Für die BOS bedeutet dies eine strukturelle Aufwertung, zugleich aber auch eine deutliche Ausweitung ihrer Verantwortung. Ihre Leistungsfähigkeit entscheidet unmittelbar über die militärische Beweglichkeit, eine gewachsene gesellschaftliche Resilienz und politische Glaubwürdigkeit.

Die Logik von OPLAN DEU macht deutlich, dass zivile Resilienz und militärische Verteidigungsfähigkeit nicht additiv, sondern untrennbar miteinander verbunden sind.

Der Schutz kritischer Infrastrukturen, funktionierende zivile Führungsstrukturen und belastbare Einsatzverbände sind keine begleitenden Rahmenbedingungen militärischer Operationen, sondern deren Voraussetzung.

Zivilmilitärische Zusammenarbeit wird damit von einem Kooperationsprinzip zu einem strategischen Steuerungsinstrument, dessen Qualität über Erfolg oder Scheitern gesamtstaatlicher Verteidigungsfähigkeit entscheidet.

Es zeigt sich, dass OPLAN DEU, Host Nation Support, zivilmilitärische Zusammenarbeit und der Schutz kritischer Infrastrukturen nicht getrennt betrachtet werden dürfen. Sie bilden gemeinsam den Kern moderner Gesamtverteidigung.

Ob Deutschland dieser sicherheitspolitischen Herausforderung gerecht wird, entscheidet sich nicht allein an militärischen Fähigkeitsprofilen, sondern an der nachhaltigen Stärkung ziviler Sicherheitsstrukturen.

Die konsequente Einbindung, rechtliche Absicherung und angemessene (finanzielle) Ausstattung der BOS sind damit kein unterstützendes Element, sondern ein strategisches Erfordernis für glaubwürdige Abschreckung und nationale Resilienz im 21. Jahrhundert.

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