Vom Datenpunkt zur Einsatzstrategie: GIS als strategischer Hebel in der Kriminalprävention

Geldautomatensprengungen stellen Polizei und Banken vor neue Herausforderungen. Das Hessische Landeskriminalamt begegnet dieser Dynamik mit Geoinformationssystemen, die Risiken sichtbar machen und gemeinsame Entscheidungen ermöglichen. Im Interview mit Christoph Lange wird deutlich, wie aus Datenpunkten gezielte Einsatzstrategien werden und GIS zum strategischen Hebel der Kriminalprävention avanciert.

GIS: Interview mit Christoph Lange, Erster Kriminalhauptkommissar & stellv. Leiter Datenkompetenzzentrum, Hessisches Landeskriminalamt
Interview mit Christoph Lange, Erster Kriminalhauptkommissar & stellv. Leiter Datenkompetenzzentrum, Hessisches Landeskriminalamt
Foto: Esri

WhereNext: Geldautomatensprengungen haben sich zu einem sicherheits- und reputationskritischen Thema entwickelt, auch in Hessen. Was hat Sie strategisch überzeugt, auf einen GIS-getriebenen Ansatz zur Prävention und Einsatzsteuerung zu setzen?

Christoph Lange: Die Sprengung von Geldautomaten war in den letzten Jahren eine der dynamischsten Kriminalitätsformen in Deutschland. Klassische polizeiliche Maßnahmen stießen schnell an ihre Grenzen – die Täter agierten hochmobil, grenzüberschreitend und in wenigen Minuten.

Strategisch war deshalb klar: Wir brauchen ein Instrument, das Risiken sichtbar macht, bevor eine Tat geschieht. GIS ermöglicht uns genau das. Mit raumbezogenen Analysen können wir Standortfaktoren, Täterverhalten und Infrastruktur zusammenführen und in einem Lagebild abbilden. Diese Transparenz schafft die Grundlage, um präventiv zu handeln und Partner wie Banken gezielt einzubinden. Kurz gesagt: GIS gibt uns die Möglichkeit, Kriminalität vorauszudenken – und nicht nur hinterherzulaufen.

WhereNext: Viele Organisationen sammeln Daten, doch ihre Mehrwerte entfalten sich erst durch nutzbare Erkenntnisse. Wie verwandeln Sie raumbezogene Informationen in klare Risikoindikatoren und konkrete Empfehlungen für Einsatzkräfte und Banken?

Christoph Lange: Der entscheidende Schritt war, Daten aus sehr unterschiedlichen Quellen zusammenzuführen: von polizeilichen Falldaten über sozioökonomische Strukturen bis hin zu Standort- und Infrastrukturfaktoren der Banken. In ArcGIS haben wir diese Informationen in komplexen Analysen miteinander verknüpft und Muster erkennbar gemacht. So entstand ein gewichteter Risikoindex für jeden Geldautomatenstandort.

Christoph Lange
Christoph Lange
Foto: Hessisches Landeskriminalamt

Für Banken bedeutet das: Sie können die Sicherheit ihrer Filialen objektiv einschätzen und investieren gezielt. Für die Polizei heißt es: Wir erkennen Schwerpunkte frühzeitig und planen Maßnahmen dort, wo sie am dringendsten gebraucht werden. GIS übersetzt abstrakte Daten in klare Indikatoren – und diese Indikatoren werden zu konkreten Handlungsoptionen.

WhereNext: Prävention gelingt nur im Schulterschluss unterschiedlicher Akteure. Wie organisieren Sie die Zusammenarbeit zwischen Polizei, Banken und weiteren Partnern, damit Entscheidungen schnell, nachvollziehbar und abgestimmt getroffen werden?

Christoph Lange: Wir haben früh verstanden, dass wir dieses Phänomen nur gemeinsam bewältigen können. Polizei und Banken haben sehr unterschiedliche Perspektiven, Aufgaben und Kulturen – und genau das macht die Zusammenarbeit herausfordernd. Der Schlüssel war ein gemeinsames Lagebild, das für alle verständlich ist. Mit GIS konnten wir eine Plattform schaffen, auf der Daten geteilt, Risiken transparent bewertet und Maßnahmen abgestimmt werden. Jeder Akteur behält seine Verantwortung, aber Entscheidungen basieren nun auf denselben Informationen. So entsteht Vertrauen – und das ist die eigentliche Grundlage für wirksame Prävention.

WhereNext: Ein gemeinsames Lagebild für alle Beteiligten erhöht nicht nur das Tempo, sondern auch die Qualität von Entscheidungen. Wie unterstützen Karten und GIS-gestützte Analysen die Trainings- und Einsatzvorbereitung, damit Ihre Teams im Ernstfall in die Lage versetzt werden, handlungssicher zu agieren?

Christoph Lange: Die Analysen enden nicht im Lagebild – sie sind die Grundlage für Training und Einsatzvorbereitung. Ein Beispiel: Wir wissen, dass Täter fast immer in Richtung Niederlande fliehen. Mit GIS konnten wir Fluchtrouten berechnen und neuralgische Punkte wie Autobahnauffahrten identifizieren. Diese Erkenntnisse haben wir in Visualisierungen übersetzt, die im Training eingesetzt werden. Einsatzkräfte üben also an realistischen Szenarien und wissen, wo sie im Ernstfall mit hoher Wahrscheinlichkeit auf Täter treffen können. Karten werden damit zu Übungsmaterial – und aus Daten entsteht Handlungssicherheit.

Analytische Risikoidentifizierung Geldautomaten
Analytische Risikoidentifizierung Geldautomaten
Bild: Hessisches Landeskriminalamt

WhereNext: In dynamischen Lagen zählt der verlässliche Blick auf das Jetzt. Wie nutzen Sie Live-Informationen und geobasierte Visualisierungen, um Hypothesen zu prüfen und Ermittlungen zielgerichtet zu steuern?

Christoph Lange: Im Einsatz ist jede Minute entscheidend. Wir nutzen GIS, um Hypothesen mit der aktuellen Lage abzugleichen: Stimmen unsere Berechnungen mit den tatsächlichen Bewegungen überein? Mit den Informationen aus dem echten Täterverhalten können wir unsere Analysen direkt überprüfen und Maßnahmen anpassen. Auch in den Ermittlungen nach der Tat werden alle Spuren – von Zeugenaussagen bis zu forensischen Funden – in einem räumlichen Kontext betrachtet. So entsteht ein dynamisches Lagebild, das sich mit jedem neuen Hinweis aktualisiert. Das macht unsere Ermittlungen schneller, präziser und nachvollziehbarer.

WhereNext: Für nachhaltige Investitionen braucht es sichtbare Ergebnisse. Welche Erfolge sehen Sie bislang und wie kommunizieren Sie diese, um Vertrauen und Ressourcen bei Entscheiderinnen und Entscheidern zu sichern?

Christoph Lange: Die Ergebnisse sprechen eine klare Sprache. In Hessen konnten wir die Fallzahlen seit Einführung unseres GIS-gestützten Ansatzes um rund 60 Prozent reduzieren. Das ist nicht nur eine statistische Zahl, sondern ein spürbarer Sicherheitsgewinn für die Bürgerinnen und Bürger. Gleichzeitig haben wir durch die enge Zusammenarbeit mit Banken und Politik Vertrauen aufgebaut. Wir kommunizieren unsere Erfolge transparent – sowohl in Zahlen als auch in Beispielen, die zeigen, wie Prävention funktioniert. So entsteht die Bereitschaft, weiter zu investieren und die nächsten Schritte zu gehen.

WhereNext: Der Schritt vom ersten Piloten zur Organisation in der Breite ist oft die größte Hürde. Beim Hessischen Landeskriminalamt setzen Sie ein Enterprise GIS mit über 10.000 Nutzerinnen und Nutzern ein. Welche Faktoren waren für die Skalierung zum Enterprise-Einsatz entscheidend, und wo sehen Sie die nächsten Entwicklungsschritte in Richtung Automatisierung, Echtzeit-Integration und überregionaler Zusammenarbeit?

Christoph Lange: Die Skalierung war nur möglich, weil wir von Anfang an auf eine Enterprise-Lösung gesetzt haben. Das Hessische Landeskriminalamt betreibt eine zentrale ArcGIS Enterprise Plattform, die von Kriminalisten und IT-Spezialisten gemeinsam betreut wird. Entscheidend war, dass wir früh Standards geschaffen, Schulungen angeboten und die Fachpraxis eng eingebunden haben.

Heute können über 10.000 Nutzer auf dieselbe Plattform zugreifen – von der Analyse bis zur operativen Anwendung. Der nächste Schritt ist klar: Wir wollen noch stärker automatisieren, Echtzeit-Daten integrieren und die Zusammenarbeit mit anderen Bundesländern ausbauen. Das Ziel ist ein länderübergreifendes, dynamisches Lagebild, das Kriminalität dort bekämpft, wo sie tatsächlich entsteht – über Grenzen hinweg.

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