Einsatzhygienemanagement: Die Gesundheit aller Einsatzkräfte rückt in Zeiten zunehmender Schadstoffbelastung und steigender arbeitsbedingter Erkrankungen immer stärker in den Fokus der Gefahrenabwehr.
Nicht nur die Feuerwehr, sondern auch das Technische Hilfswerk, Polizei, Rettungsdienste und Schornsteinfeger sind regelmäßig mit gesundheitsgefährdenden Brandfolgeprodukten wie Feinstaub, polyzyklischen aromatischen Kohlenwasserstoffen (PAK), Dioxinen und Schwermetallen konfrontiert.
Diese Kontaminationen enden nicht am Einsatzort; sie begleiten die Einsatzkräfte bis in ihre Fahrzeuge, in die Wachen und oft sogar ins private Umfeld. In allen Organisationen bestehen ähnliche Risiken, dennoch werden oftmals unterschiedliche Standards gelebt. Das führt dazu, dass nicht selten Schutzmaßnahmen und Schnittstellen unklar sind oder Wissenslücken etwa im Bereich Hygiene und Reinigung die Risiken für chronische Erkrankungen, insbesondere Krebs, erhöhen.
Einsatzhygiene betrifft alle Bereiche und Schnittstellen. Während in der Feuerwehr vielerorts Strukturen und Bewusstsein gewachsen sind, bestehen oftmals in anderen Organisationen Defizite. Beispielsweise fehlen bei Brandermittlern, Schornsteinfegern und Rettungsdiensten strukturierte Schutzmaßnahmen, passende persönliche Schutzausrüstung (PSA) und regelmäßige Schulungen.
Besonders kritisch ist, dass einfache Maß-nahmen, wie das rasche Wechseln kontaminierter Kleidung, bereits bis zu 90 Prozent der Schadstoffe entfernt, in der Praxis jedoch Einsatzjacken häufig stundenlang weitergetragen oder im Dienstfahrzeug transportiert werden. Dies gefährdet nicht nur die Einsatzkraft, sondern auch Kollegen, Familie und selbst Servicekräfte in den Standorten.
Mit der Novellierung der Gefahrstoffverordnung (§ 10a GefStoffV) sind alle Organisationen der Gefahrenabwehrverpflichtet, Maßnahmen zum Schutz vor Kontamination umzusetzen, Expositionsverzeichnisse zu führen und die Beschäftigten regelmäßig zu unterweisen. Dies gilt unabhängig davon, ob eine Exposition gesichert festgestellt wurde. Die rechtlichen Vorgaben sind eindeutig, die praktische Umsetzung jedoch oft lückenhaft.
Ein erfolgreiches (Einsatz-) Hygienemanagement funktioniert nur organisationsübergreifend. Die Herausforderungen beginnen bereits beim Eintreffen der Einsatzkräfte: Diese kommen aus verschiedenen Organisationen zusammen, oft mit unterschiedlichen Standards, Begrifflichkeiten und Abläufen. Einheitliche Ausbildung, abgestimmte Schutzkleidung und Einsatzhygienepläne sowie die harmonisierte Ausstattung mit Dekontaminationsmaterial und klaren Zonenkonzepten sind essenziell.
Die Trennung zwischen Schwarz-, Grau- und Weißbereich ist ein zentrales Element und muss durchgängig gelebt werden. Alle Beteiligten, vom Feuerwehrmann bis zur Rettungskraft und Ermittlerin, benötigen strukturiertes Wissen und die Möglichkeit, die vorgeschriebenen Maßnahmen selbstständig und routiniert umzusetzen.
Interdisziplinarität als Erfolgsmodell
Einsatzhygiene kennt keine Organisationsgrenzen: Von Brandbekämpfung über Nachlöscharbeiten bis zu kriminaltechnischer Spurensicherung begegnen Schadstoffe allen Sektoren. Einheitliche Standards, harmonisierte Abläufe, Schutzkleidung und Hygienepläne sowie gemeinsame Schulung sind essenziell. Die Trennung zwischen Schwarz-, Grau- und Weißbereich muss in allen Organisationen durchgängig umgesetzt werden. Moderne Gefahrenabwehr braucht abgestimmte Schnittstellenrichtlinien und den kontinuierlichen Erfahrungsaustausch zwischen Feuerwehr, Polizei, THW und Rettungsdienst.
Der Ablauf eines Konzepts zur Einsatzhygiene beginnt vor dem Einsatz: Hier werden persönliche Gegenstände, Tabakwaren und Nahrungsmittel zurückgelassen, private Kleidung abgelegt und offene Wunden oder Hautkrankheiten beachtet. Während des Einsatzes ist die korrekte Nutzung der PSA, das Vermeiden eines direkten Kontakts mit Schadstoffen und die unmittelbare Reinigung von Gesicht, Händen und möglicherweise kontaminierten Körperstellen zentral. Nach dem Kontakt mit biologischen Gefahrstoffen werden Desinfektionsmaßnahmen durchgeführt.
Besonders wichtig ist die Vermeidung der Verschleppung von Schadstoffen beim Ablegen der Schutzausrüstung. Bereits am Einsatzort werden verschmutzte Jacken, Handschuhe und Einsatzbekleidung dicht verpackt, etwa in Kunststoffsäcken, um zu verhindern, dass Fahrzeuginnenräume verunreinigt werden. Erst nach vollständiger Reinigung sollte gegessen und getrunken werden. Selbst bei Aufräumarbeiten besteht noch ein erhebliches Risiko der Kontamination, sodass Maßnahmen zur Einsatzhygiene auch hier gewahrt bleiben müssen.
Praxisbeispiele aus verschiedenen Regionen zeigen, wie Einsatz(stellen)hygiene wirksam umgesetzt werden kann: In Munster bspw. kommt das Hygienekonzept schon an der Einsatzstelle zum Einsatz. Dort erfolgt eine Grobdekontamination der Einsatzkräfte, die anschließende Verpackung der Einsatzkleidung in Plastiktüten und deren vorschriftsmäßige Reinigung. Die Mannschaft wird direkt vor Ort an einem Hygieneanhänger in Empfang genommen, kann sich dort entkleiden, schnellstmöglich duschen und sich mit frischer Ausrüstung versorgen, sodass eine unmittelbare Verschleppung von Schadstoffen unterbunden wird.
Viele deutsche Feuerwehren folgen diesem Vorbild: Sie wechseln PSA direkt am Einsatzort, lagern kontaminierte Kleidung in speziellen Beuteln und setzen mobile Hygieneeinheiten für die Trennung der Zonen ein. Die Einführung mobiler Hygiene-Module, ausgestattet mit Dusche, Reinigungsmitteln und Abwurfstationen an jedem Standort, ist eine bewährte Maßnahme.
Digital unterstützte Expositionserfassung und zentrale Datenbanken wie das ZED-Konzept ermöglichen den organisationsübergreifenden Nachweis und die Optimierung der Maßnahmen. Regelmäßige arbeitsmedizinische Vorsorge und Gesundheits-Checks, insbesondere für Hochrisikogruppen wie Atemschutzgeräteträger, sind unerlässlich.
Handlungsempfehlungen für die Praxis umfassen daher: Vor dem Einsatz eine einheitliche Ausbildung und Ausstattung aller Organisationen. Im Einsatz strikte Trennung der Zonen und konsequente Nutzung der PSA. Nach dem Einsatz sofortige Hautreinigung, Wechsel und professionelle Reinigung der Einsatzkleidung sowie eine lückenlose Dokumentation im Expositionsverzeichnis. Schnittstellenmanagement muss durch klare Protokolle, gemeinsame Übungen und die Benennung von Hygiene-Beauftragten etabliert werden.
Der Weg zu einer modernen Einsatzhygiene führt über die konsequente Zusammenarbeit aller Organisationen, fortlaufende Schulungen, innovative technische Lösungen und die Bereitschaft, bestehende Abläufe zu hinterfragen und zu verbessern. Nur so können wir das Ziel erreichen, dass alle Einsatzkräfte gesund aus ihren Einsätzen zurückkehren und hohe Lebensqualität auch im Alter genießen. Moderne Gefahrenabwehr ist keine Einzelleistung, sondern ein kollektiver Prozess, der den Menschen in den Mittelpunkt rückt und sich kontinuierlich weiterentwickeln muss.
Innovation und Ausblick
Zukünftige Einsatzhygiene wird organisationsübergreifend zum Berufsethos. Nationale Standards, kontinuierliche Schulung und konsequente Umsetzung in allen BOS schaffen Sicherheit und Gesundheit. Künstliche Intelligenz und digitale Tools ermöglichen effizientes Expositionsmanagement; mobile Dekon-Lösungen, moderne PSA und interdisziplinäre Forschung werden zum Standard.
Ziel ist eine Gefahrenabwehr, bei der alle gesund heimkehren und hohe Lebensqualität auch im Alter genießen können. Dies gelingt mit Haltung, technischer als auch organisatorischer Modernisierung und Reflexion im Alltag. Dieser Artikel basiert auf aktuellen Forschungsergebnissen, praktischen Beispielen sowie Empfehlungen der vfdb, des Feuerwehrmagazins und verschiedener Einsatzorganisationen. Er richtet sich an alle, die in der Gefahrenabwehr Verantwortung tragen und ein modernes, zukunftsfähiges Hygienemanagement etablieren möchten.
Autor:
Marcus Bätge, CEO FeuerKrebs
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