Das 21. Jahrhundert ist geprägt von einer beispiellosen Häufung und Komplexität von Krisen- und Katastrophenlagen: Klimakrise, geopolitische Konflikte, Extremwetterlagen,cyberphysische Bedrohungen und Pandemien verdeutlichen, dass Krisenereignisse zunehmend vernetzt auftreten und weite Teile der Bevölkerung betreffen. Diese Dynamik fordert nicht nur operatives, technisches und organisatorisches, sondern auch PsychosozialesKrisenmanagement in bisher unbekanntem Ausmaß. Ereignisse wie die COVID-19-Pandemie oder die Flutkatastrophe 2021 in Rheinland-Pfalz und Nordrhein-Westfalen haben gezeigt, dass Krisenbewältigung weit über die Bereitstellung materieller Hilfe hinausgeht – sie erfordert auch das Verständnis und die Unterstützung der betroffenen Menschen hinsichtlich psychologischer Bedarfe, Ressourcen und sozialer Notlagen.
Das Psychosoziale Krisenmanagement hat sich hierfür als eigenständige und zunehmend systematisch verankerte Disziplin etabliert. Es zielt unter anderem darauf ab, die psychische und soziale Stabilität der Bevölkerung, der Einsatzkräfte und weiterer Betroffener während und nach Krisen- und Katastrophensituationen zu fördern. Dazu gehört neben der direkten Unterstützung auch die Einbindung psychosozialer Perspektiven in alle Phasen des Führungs– und Entscheidungsprozesses – von der Lagefeststellung über die Planung bis hin zur Evaluation.
Eine zentrale Herausforderung bleibt dabei die zeitnahe Erhebung und Bewertung relevanter Informationen zur Einschätzung der psychosozialen Lage. Für eine wirksame, bedarfsgerechte Hilfe müssen Entscheidungstragende nicht nur die physischen, sondern auchdie psychischen, emotionalen und sozialen Auswirkungen eines Ereignisses verstehen. Hier bieten sich neue Chancen durch die Nutzung digitaler Räume, die im Rahmen des durch das Bundesamt für Bevölkerungsschutz und Katastrophenhilfe geförderten Projektes #sosmapbetrachtet wurden: Soziale Medien dienen Betroffenen, Beobachtenden und Helfenden längst als Kommunikations- und Interaktionsplattform während Krisen- undKatastrophensituationen. Die dort geteilten Inhalte spiegeln häufig die Wahrnehmung, Emotionen und Bedarfe eines relevanten Teils der Bevölkerung wider und können damit wertvolle Hinweise für ein Psychosoziales Lagebild des digitalen Raumes liefern.
An dieser Schnittstelle zwischen analoger und digitaler Krisenrealität agieren die Virtual Operations Support Teams (VOST). Sie analysieren die Kommunikation in sozialen Medien, bewerten digital erhobene Daten und unterstützen Führungsstrukturen mit Lagebildern desdigitalen Raumes. Ein VOST nimmt damit eine Schlüsselrolle ein, um aus der Vielzahl digitaler Daten relevante Informationen zu identifizieren und für die operative Arbeit nutzbar zu machen.
Virtual Operations Support Teams (VOST) – Struktur, Arbeitsweise und Funktion
Die Analyse des inneren Arbeitsprozesses und der Teamstruktur der VOST offenbart zentrale Merkmale, die diese digitalen Unterstützungseinheiten von anderen Formen digitaler Freiwilligenarbeit unterscheiden. Im Gegensatz zu den häufig spontanen oder projektbezogenen Aktivitäten digitaler Freiwilliger – etwa das Humanitarian OpenStreetMap Team (HOT) – sind VOST in Deutschland institutionell in die staatliche Gefahrenabwehr eingebettet. Diese Integration erfordert spezifische organisatorische und rechtliche Rahmenbedingungen, etwa formalisierte Auswahlverfahren mit Eignungsüberprüfung sowie definierte Zuständigkeiten innerhalb der behördlichen Strukturen. Dadurch entsteht ein hybrides Organisationsmodell: ehrenamtlich geprägt, aber mit klaren Standards, Verantwortlichkeiten und Schnittstellen zur Einsatzorganisation.
Der Zustand in Bereitschaft – Aufbau, Training und Monitoring
Im Regelfall befindet sich ein VOST in Bereitschaft, also außerhalb konkreter Einsatzlagen, aber auf einen potenziellen Einsatz vorbereitet. Diese Phase dient der Regeneration, der Teamentwicklung und der kontinuierlichen Qualifizierung der Mitglieder. Sie ist geprägt durch interne Abstimmungen, Analyseprojekte vergangener Einsätze und den Aufbau sowie die Pflege nationaler und internationaler Netzwerke. Neben der Aufbereitung vergangener Einsätze werden auch neue Szenarien identifiziert, aktuelle Forschungserkenntnisse integriert und die Kommunikationsstrategien fortlaufend optimiert. Ein weiteres Element dieser Phase ist das technisch gestützte Monitoring des digitalen Raumes durch einzelne Mitglieder. Dabei werden soziale Medien und relevante Informationsplattformen regelmäßig beobachtet, umfrühzeitig auf Auffälligkeiten oder sich anbahnende Krisensituationen aufmerksam zu werden. Diese Vorbeobachtung kann zu einer internen Vor-Alarm-Phase führen, die es dem Team ermöglicht, sich bereits vor einem offiziellen Einsatzauftrag organisatorisch vorzubereiten. Damit schafft ein VOST eine Brücke zwischen der permanenten Beobachtung des digitalen Raumes und der formellen Gefahrenabwehr.
Aktivierung und operative Phase
Bei Eintritt einer Krisen- oder Katastrophensituation erfolgt der Übergang in den aktiven Zustand. Dieser markiert den Beginn der operativen Tätigkeit und die Einbindung in die behördliche Krisenstruktur. Die Aktivierung erfolgt in der Regel auf Anforderung einer beauftragenden Stelle, etwa einer Landes- oder Bundesbehörde, und wird durch einen offiziellen Einsatzauftrag formalisiert. Mit diesem Auftrag werden Aufgaben, Beobachtungsschwerpunkte und Informationsbedarfe festgelegt – beispielsweise die Analyse bestimmter Indikatoren wie das Stimmungsbild in sozialen Medien oder die Identifikation von Hilferufen.
In dieser Phase wird ein VOST optimalerweise durch technische Berater „VOST“ im Krisenstab vertreten, die als Schnittstelle zwischen der digitalen Lageanalyse und denEntscheidungstragenden agieren. Ziel ist es, Erkenntnisse aus sozialen Medien in die behördliche Lagebeurteilung zu integrieren und so das Gesamt-Lagebild zu erweitern. Auf diese Weise kann das Team zur Identifikation von relevanten Informationen der Bevölkerung im digitalen Raum beitragen, die in klassischen Informationskanälen häufig erst zeitverzögert sichtbar werden.
Arbeitsweise und Dokumentationsstruktur
Ein charakteristisches Merkmal eines VOST ist die dezentrale, digital vernetzte Arbeitsweise. Die Mitglieder agieren ortsunabhängig und koordinieren sich online über Videokonferenzen und gemeinsame Arbeitsplattformen. Zentrales Instrument der Zusammenarbeit ist das sogenannte VOST-Worksheet (s. Abbildung 1 für eine schematische Darstellung), ein digitales Arbeitsdokument, das sämtliche relevanten Informationen, Aktivitäten undBewertungen strukturiert erfasst. Es beinhaltet:
Dieses Dokument wird während des gesamten Einsatzes fortlaufend aktualisiert und dient sowohl der internen Koordination als auch der Nachvollziehbarkeit externer Kommunikation.
Die Datenbeschaffung durch VOST erfolgt manuell, technisch unterstützt und lageabhängig. Dabei nutzen die Mitglieder Suchfunktionen einzelner Plattformen, kuratieren Inhalte aus sozialen Medien und verifizieren diese durch Abgleich mit weiteren Quellen. Besonders häufig genutzte Plattformen sind Facebook, Instagram, Telegram, X (ehem. Twitter), YouTube und TikTok. Daneben werden Webcams, Live-Daten, Verkehrsinformationen, EnergieoderHochwasserportale und Presseportale eingebunden. Die lokale Verankerung spielt hierbei eine wesentliche Rolle: Mitglieder mit regionalem Bezug oder aus Behörden und Organisationen mit Sicherheitsaufgaben können Informationen besser verifizieren und regionale Kontexteinterpretieren. Für die Datenanalyse und Visualisierung kommen unterschiedliche Tools zum Einsatz, darunter ArcGIS, Google Tools, QGIS, DataMiner, Start.Me oder Wakelet. Diese Werkzeuge ermöglichen die systematische Aufbereitung, Kartierung und Priorisierung relevanter Daten. Herausforderungen ergeben sich durch die hohe Dynamik der digitalen Plattformen und die Notwendigkeit regelmäßiger Software-Updates, um die Funktionalitätund Datensicherheit auf aktuellem Stand zu halten. Eine zusammenfassende Darstellung findet sich in Abbildung 2.
Von der digitalen Lageanalyse zur psychosozialen Dimension
Neben der Informationsgewinnung nimmt in der operativen Arbeit der VOST zunehmend auch die Bewertung von Informationen und die Interpretation sozialer Dynamiken und Stimmungen im digitalen Raum eine bedeutende Rolle ein. Während die klassische Lageerkundung auf die Erfassung von Schadensausmaßen, Ressourcen und Handlungsbedarfen aus technischer Perspektive abzielt (z. B. betroffene Infrastrukturen), hat sich in der praktischen Tätigkeit der Teams gezeigt, dass auch Informationen über die psychologische und soziale Situation innerhalb digitaler Kommunikationsprozesse entscheidungsrelevant ein können.
Beiträge in sozialen Medien spiegeln nicht nur faktische Informationen, sondern auchEmotionen, Wahrnehmungen und Stimmungen wider. In Krisenlagen können solcheemotionalen Äußerungen Indikatoren für Stress, Unsicherheit, Angst, aber auch für Solidarität und Resilienz sein. Damit rückt das VOST in eine Position, in der es nicht nur zur technischen Informationssammlung, sondern auch zur Beobachtung gesellschaftlicher Resonanzräume agiert. Diese Entwicklung führte dazu, dass sich in den vergangenen Jahren innerhalb der VOST-Arbeit zunehmend Verfahren etablierten, die sich – wenn auch bislang zumeist ohne formale Beauftragung – der Erfassung und Analyse der öffentlichen Stimmung und Kommunikationskulturen widmen. Erste Ansätze wurden im Rahmen von Workshopsund Einsatzauswertungen konkretisiert. Ziel war es, den Monitoringauftrag um die Dimension der „Stimmungserfassung“ zu erweitern und die Erkennung von emotionalen Mustern als Bestandteil der digitalen Lagebeurteilung zu verstehen.
Obwohl bisher selten ein offizieller Auftrag zur Erstellung eines Psychosozialen Lagebildes des digitalen Raumes in deutschen VOSTs vorlag, zeigen die bestehenden Praktiken und Erfahrungen der Teams bereits deutliche Parallelen zu einem solchen Ansatz. Die systematische Beobachtung von Emotionen, Reaktionen, Diskurse und Stimmung gegenüberEinsatzkräften und deren Tätigkeit sowie gegenüber Verantwortlichen in Politik undVerwaltung in sozialen Medien ermöglicht es, Hinweise auf psychosoziale Belastungen, Unterstützungsbedarfe oder Spannungen in der Bevölkerung zu identifizieren – Aspekte, die bislang häufig außerhalb der klassischen Lagefeststellung lagen.
Damit entsteht eine neue, hybride Beobachtungsebene im digitalen Krisenmanagement: die psychosoziale Lage im digitalen Raum. Sie verbindet technische Analysekompetenz mit sozialwissenschaftlicher Betrachtung und eröffnet die Möglichkeit, frühzeitig Indikatoren mitEinfluss auf die psychosoziale Lage zu erkennen. So wird das VOST nicht nur zum Sensor fürphysische Ereignisse, sondern zunehmend auch für die psychosoziale Lage in Krisenzeiten.
Fazit und Handlungsempfehlungen für die Praxis
Die Erfahrungen der deutschen VOST zeigen deutlich, dass digitale Einsatzunterstützung weit über die reine Informationsbeschaffung hinausgeht. Bereits heute verfügen die Teams überumfangreiche methodische Kompetenzen, technische Werkzeuge und analytische Verfahren, um auch psychosoziale Dynamiken im digitalen Raum zu erkennen und einzuordnen. Damit kann ein VOST eine wichtige Unterstützung bei der Entwicklung eines Psychosozialen Lagebildes des digitalen Raumes arstellen – einer Perspektive, die in der behördlichenLagebewertung bislang nur begrenzt verankert ist.
Für die künftige Arbeit ist es jedoch entscheidend, klare Rahmenbedingungen und definierte Standards für die Zusammenarbeit von Entscheidungstragenden und VOST zu schaffen. Dazu gehören unter anderem:
Eine präzise Definition dieser Parameter ist notwendig, um die Vergleichbarkeit, Nachvollziehbarkeit und fachliche Qualität der Analysen sicherzustellen.
Darüber hinaus sollte das VOST strukturell stärker in die Stabsarbeit und Entscheidungsprozesse eingebunden werden. Die direkte Integration einer auch in psychosozialer Hinsicht qualifizierten digitalen Fachkraft – etwa in Form des technischen Beraters „VOST“ – in die Führungsstrukturen ermöglicht eine fundiertere Einordnung derdigitalen Datenlage. Insgesamt zeigt sich: VOST verfügen bereits heute über zentrale Werkzeuge, um als Brückenakteur zwischen digitalem Informationsraum und Entscheidungstragenden zu wirken. Entscheidend für die Zukunft wird sein, diese Kompetenzen systematisch zu strukturieren, fachlich zu verankern und in den behördlichenEntscheidungsprozess einzubetten, damit aus digitaler Beobachtung handlungsrelevante Erkenntnisse werden.
Weitere Informationen: https://sosmap.uni-wuppertal.de/
Literatur bei den Verfassern.
Autoren: Francesca Müller, Samuel Tomczyk, Lars Tutt, Harald Karutz, Frank Fiedrich
Erstmals erschienen in Crisis Prevention 4/2025
Mit WhatsApp immer auf dem neuesten Stand bleiben!
Abonnieren Sie unseren WhatsApp-Kanal, um die Neuigkeiten direkt auf Ihr Handy zu erhalten. Einfach den QR-Code auf Ihrem Smartphone einscannen oder – sollten Sie hier bereits mit Ihrem Mobile lesen – diesem Link folgen:













