Um Verletzte nach einem militärischen Angriff zu retten und zu evakuieren, brauchen Helfende schnell einfach zu bedienende Tragehilfen. Zeitenwende, Sondervermögen, Wehrdienst – die Veränderung der sicherheits-politischen Lage in Europa hat auch in Deutschland erkennbare Auswirkungen auf die Diskussionen. Bestimmt wird der Diskurs von Fragen zu militärischen Aspekten. Das vom Bundesamt für Bevölkerungsschutz und Katastrophenhilfe (BBK) geförderte Projekt ReTranZ unterstreicht jedoch: Zur Gesamtverteidigung gehört auch die zivile Widerstandsfähigkeit.
Eine Erkenntnis, die in vielen Behörden und Fachkreisen etabliert, im öffentlichen Bewusstsein aber nicht überall verankert ist. So misst sich unsere Resilienz im Verteidigungsfall – neben militärischer Stärke – eben auch an der zivilen Unterstützung in Rettungsketten, der (Not-)Versorgung der Bevölkerung und dem Zivilschutz, wie es auch in der Konzeption zur zivilen Verteidigung festgehalten ist.
ReTranZ – das steht für „Rettung und Transport in der Zivilen Verteidigung“. Das interdisziplinäre Forschungsprojekt entwickelt eine innovative Tragehilfe, die für die unmittelbare Beförderung von Verletzten nach einem militärischen Angriff auf deutsches Staatsgebiet vorgesehen ist.
Unter der Projektleitung des DRK-Landesverbands Bayerisches Rotes Kreuz forschen der DRK-Bundesverband, das Universitätsklinikum Würzburg, die Fraunhofer-Institute IPA und INT sowie der Industriepartner der Stollenwerk GmbH nach einer innovativen Lösung. Die Tragehilfe ist in erster Linie für den Einsatz durch die Zivilbevölkerung konzipiert. Denn, wie Lacher et al. betonen, ist es gerade die Selbsthilfe, die ursächlich dafür ist, dass „kriegerische Auseinandersetzungen (…) bewältigt werden können.“ Diese Beobachtung zeigt sich sowohl im bewaffneten Konflikt in der Ukraine als auch in Erfahrungen im Nahen Osten – selbst unter widrigsten Bedingungen.
Ob bei Naturkatastrophe oder anderen Krisen werden durch äußere Gewalteinwirkungen herkömmliche Rettungswege beeinträchtigt: Blockierte Straßen, zusammengebrochene Brücken und unpassierbare Wege zwingen Rettende zu gefährlichen Umwegen und primitiven Transportmitteln. Rettungsmittel erreichen Verletzte dadurch mitunter nicht oder nur sehr schwierig.
Verletzte werden zudem häufig zu Fuß, ungesichert und improvisiert transportiert – mit Bettlaken bis hin zu Schubkarren. Dies kann zusätzliche Schäden bei den Verletzten begünstigen. Gleichzeitig gefährden improvisierte Rettungsaktionen auch Rettende.
Und genau hier setzt ReTranZ an: Um die Gesundheitsrisiken für Verletzte und Rettende in Zivilschutzfällen zu reduzieren, investiert das BBK in die Entwicklung einer speziell auf diese Extremsituationen zugeschnittenen Tragehilfe. Das Ziel des zweijährigen Vorhabens ist ein Demonstrator, der intuitiv bedienbar, biomechanisch optimiert und robust genug für den schnellen Transport in die nächstgelegene sichere Versorgungseinrichtung ist. Der Fokus auf die Bedienung führt dazu, dass auch Zivilpersonen die Trage im Krisenfall nutzen können und so einen Beitrag zum Zivilschutz leisten können.
ReTranZ befindet sich aktuell in der dritten von fünf thematischen Projektphasen. Es folgt ein Überblick über alle fünf Phasen:
Phase 1 – Innovation vorbereiten.
Mit Projektstart im Januar 2025 beleuchtete das Forschungsteam zunächst den Status-quo des Verwundetentransports im Bevölkerungsschutz. Dabei war die Frage handlungsleitend, wie Verletzte heute, insbesondere unter Konfliktbedingungen, transportiert werden, wenn Straßen blockiert, Wege mühsam und Versorgungsrouten eingeschränkt sind.
Anhand von Fachliteratur und vertiefenden Interviews mit erfahrenen Einsatzkräften aus Hilfsorganisationen und dem Sanitätsdienst der Bundeswehr bereiteten ReTranZ-Mitarbeitende des DRK-Generalsekretariats und des Fraunhofer-Instituts INT ein differenziertes Bild der realen Herausforderungen und Anforderungen im Zivilschutz auf. Die Ergebnisse: ein Merkmalkatalog für den Aufbau realistischer Zivilschutzszenarien für in ReTranZ geplante Feldtests sowie ein Anforderungskatalog für eine neuartige Tragehilfe.
Phase 2 – Der Mensch im Mittelpunkt.
Wie belastend ist der Transport Verletzter aber tatsächlich? Diese Frage stand im Zentrum anschließender Untersuchungen. In einem auf dem Merkmalkatalog aus Phase 1 aufbauenden Testparcours im Sommer 2025 wurden reale Zivilschutzbedingungen in kontrollierter Umgebung simuliert: Hanglagen, Geröll, Engstellen und wechselnde Witterungsbedingungen stellten die Einsatzrealität nach.
Getestet wurden zehn herkömmliche Tragesysteme aus dem Rettungskontext von insgesamt 50 Einsatzkräften aus Behörden und Organisationen mit Sicherheitsaufgaben (BOS) sowie der Bundeswehr.
Folgende BOS nahmen teil: DRK-Landesverband Bayerisches Rotes Kreuz, Deutsches Rotes Kreuz, Technisches Hilfswerk, Feuerwehr sowie der 28. und 47. Einheit der Medizinischen Task Force des Bundes (MTF). Von Seiten der Bundeswehr partizipierte das Vereinte Nationen Ausbildungszentrum der Bundeswehr. Getragen wurden Dummy-Puppen.
Zivil-militärische Zusammenarbeit wurde während des Feldtests in folgender Form umgesetzt: Gemischte Teams testeten die Tragesysteme gemeinsam und tauschten dabei ihre Erfahrungen über die Funktion der verwendeten Systeme und über die Rettung in unwegsamem Gelände aus. Anschließend bewerteten sie die verwendeten Systeme – ganz im Sinne systematischer Vergleiche von Tragesystemen in Szenarien eines Massenanfalls von Verletzten. Vier der zehn Systeme erwiesen sich als besonders geeignet zur Rettung aus unwegsamem Gelände.
Diese vier Systeme wurden im Labor des Fraunhofer-Instituts IPA mit modernster Messtechnik – Motion-Capture-System, Muskelaktivitätsmessungen und metabolischen Messverfahren und Inertialsensorik – analysiert. Dabei rekonstruierten die Forschenden den Feldtest in einer kontrollierten Umgebung, um präzise die biomechanischen Auswirkungen auf den Körper zu erfassen.
Hierbei werden unter anderem Beanspruchungs- sowie Belastungsspitzen betrachtet und es wird eruiert, wo ergonomische Anpassungen für eine Entlastung sinnvoll sein könnten. Die hier gewonnenen Ergebnisse werden gemeinsam mit dem aus Phase 1 entwickelten Anforderungskatalog und der Evaluation des vorangegangenen Feldtests als Lastenheft zusammengefasst. Dieses bildet die Grundlage für die Entwicklung eines ReTranZ-Demonstrators.
Phase 3 & 4 – Vom Konzept zur Anwendung.
Basierend auf den Ergebnissen der Phasen 1 und 2 wird derzeit der ReTranZ-Demonstrator in den Fertigungsanlagen der Stollenwerk GmbH entwickelt und gebaut. Im September 2026 wird sich ReTranZ an eine großangelegte MTF-Übung adaptieren, um Bewährungstests des Demonstrators im Feld durchzuführen.
Folgend wird der Demonstrator hinsichtlich seiner biomechanischen Messdaten im Labor des Fraunhofer-Institut IPA untersucht – analog zu den herkömmlichen Systemen (Phase 2). Katastrophenmedizinische Einschätzungen der Universitätsklinik Würzburg komplettieren diese Forschung.
Phase 5 – Von der Forschung in die Praxis.
Innovation entfaltet ihren Wert, wenn sie in der Praxis ankommt. Seit Projektbeginn kommuniziert ReTranZ regelmäßig über eine Projekt-Webseite, Social-Media-Kanäle sowie Fach- und Vernetzungsveranstaltungen. Mit Abschluss seiner Entwicklungs- und Testphasen (Phase 4) wird ReTranZ in die finale Projektphase eintreten: die Verbreitung der Ergebnisse.
Ab Sommer 2026 soll die Tragehilfe auf einschlägigen Fachmessen (z. B. Interschutz 2026) und Tagungen der Sicherheitsforschung und des Bevölkerungsschutzes vorgestellt werden – als Impulsgeber für eine moderne Diskussion über Zivil- und Selbstschutz sowie gesellschaftliche Vorbereitung auf den Ernstfall.
Dabei wird eine zentrale Erkenntnis des Projekts im Vordergrund stehen: Die Wirksamkeit des Zivilschutzes als Teil der Gesamtverteidigung bemisst sich nicht zuletzt an einer verlässlichen Sanitätsversorgung, funktionierenden Rettungsketten und der Fähigkeit einer handlungsstarken Zivilbevölkerung.
Von großer Bedeutung für den Bevölkerungsschutz
ReTranZ verknüpft technische, ergonomische und medizinische Perspektiven zu einem integrativen Rettungskonzept für den Zivilschutzfall. Das Vorhaben leistet einen Beitrag, die Handlungsfähigkeit des Bevölkerungsschutzes und aller Bürgerinnen und Bürger im Verteidigungsfall zu stärken – praxisnah, interdisziplinär und zukunftsorientiert. Die Beteiligten an ReTranZ werden künftig darüber berichten können, wie aus Projekterkenntnissen nachhaltige Strukturen und neue Standards im Zivilschutz entstehen können.
Denn die Frage, wie wir den Bevölkerungsschutz leben, beginnt dort, wo Forschung, Praxis und Verantwortung ineinandergreifen – und dadurch schließlich Innovation zur gesellschaftlichen Sicherheit beiträgt.
Autoren:
Nils Geib, Carolin Saltzmann, Uwe Kippnich, Chris Speicher, Mirjam Holl, Maike Overmeyer, Max Eichenbrenner und Dr. Nils Geib
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