Berliner Stromausfall 2026: Was wir für die Zukunft lernen müssen

Der mehrtägige Stromausfall in Berlin Anfang Januar 2026 hat einmal mehr gezeigt, wie verwundbar unsere Infrastruktur ist – und wie schlecht wir auf solche Ereignisse vorbereitet sind. Herbert Saurugg und Peter Erlhofer von der Gesellschaft für Krisenvorsorge (GfKV) haben das Ereignis analysiert und ziehen daraus wichtige Schlussfolgerungen für eine zukunftsfähige Krisenvorsorge.

Herbert Saurugg und Peter Erlhofer von der Gesellschaft für Krisenvorsorge (GfKV) ziehen in einem aktuellen Newsletter wichtige Schlussfolgerungen aus dem Stromausfall in Berlin.
Herbert Saurugg und Peter Erlhofer von der Gesellschaft für Krisenvorsorge (GfKV) ziehen in einem aktuellen Newsletter wichtige Schlussfolgerungen aus dem Stromausfall in Berlin.
Bild: freepik.com/pvproductions

„Das Problem ist weniger der Ausfall selbst, sondern vielmehr die Unvorbereitetheit und Überraschtheit“, betonen Saurugg und Erlhofer in ihrer Analyse. Der Berliner Stromausfall, der vom 3. bis 7. Januar rund 100.000 Menschen betraf, widerlegt die weitverbreitete Annahme einer unverwundbaren Stromversorgung. Die holprige Krisenbewältigung verdeutlichte, wie wichtig fundierte Vorsorge ist – auch bei regionalen Lagen.

Die beiden Experten warnen eindringlich: „Resilienz entsteht nicht durch blumige Worthülsen und ständiges Wiederholen, sondern durch die Vorwegnahme möglicher Entwicklungen sowie durch rechtzeitige Anpassung und Vorsorge.“

Strukturelle Defizite im Krisenmanagement

Besonders kritisch bewerten die GfKV-Experten die strukturellen Schwachstellen, die während der Krise sichtbar wurden. Die verspätete Einstufung als Großschadenslage – erst 36 Stunden nach Ereignisbeginn – hatte weitreichende Konsequenzen: Erst danach konnten Freistellungen für ehrenamtliche Hilfskräfte verordnet, Kostenzusagen gesichert und die Bundeswehr formell angefordert werden.

„Ein regionaler Stromausfall bei Winterwetter, von dem 100.000 Menschen betroffen sind, sollte automatisch und unmittelbar als Großschadenslage eingestuft werden, wenn die Wiederherstellung nicht innerhalb eines Tages absehbar ist“, fordern Saurugg und Erlhofer. Die Kriterien müssten klarer definiert werden und im Anlassfall keine große Diskussion mehr erfordern.

Auch das fehlende Kat-Leuchtturm-Konzept kritisieren sie scharf. Obwohl es seit über zehn Jahren existiert und sogar in Berlin entwickelt wurde, war es nicht operativ vorbereitet. Stattdessen mussten ad hoc Polizei und Feuerwehr als Anlaufstellen dienen – was diese zusätzlich band. „Wie in der Schweiz sollten bei jedem Stromausfall, der nicht nach wenigen Minuten behoben ist, solche Anlaufstellen aktiviert werden“, empfehlen die Experten.

Individuelle Vorsorge als Grundpfeiler

Für Saurugg und Erlhofer ist klar: „Die individuelle Vorsorge ist die zentrale Basis für jegliche Krisenbewältigung.“ Sie ermögliche Selbstversorgung und entlaste die öffentliche Hilfe, sodass diese zugunsten vulnerabler Gruppen priorisiert werden könne.

Wer sich auf ein mögliches Blackout-Szenario vorbereitet habe, könne auch wesentlich besser mit regionalen Lagen umgehen, die sogar wahrscheinlicher seien. Die beiden Experten betonen: „Aus unserer Sicht ergeben sich bislang keine wesentlichen neuen Erkenntnisse, die wir nicht bereits im Rahmen der Blackout-Vorsorge berücksichtigt und kommuniziert haben.“

Die urbane Herausforderung

Besonders alarmierend finden die GfKV-Vertreter die Situation in großen Wohnanlagen mit fragmentierten Sozialstrukturen. Ältere, mobilitätseingeschränkte Menschen waren oft isoliert, ihre Nachbarn wussten nichts von ihrer Situation. „Dies ist ein spezielles Strukturproblem urbaner Räume, das durch generische Vorsorge-Maßnahmen allein nicht gelöst werden kann.“

Die kommunale Krisenplanung müsse daher Sozialstrukturen berücksichtigen – etwa Altersverteilung, Mobilitätseinschränkungen und Nachbarschaftsdichte. Hier empfehlen sie das Notfallregister (www.notfallregister.eu), das seit dem Ereignis vor allem bei Behörden hohen Zulauf verzeichnet.

Schnelle Eskalation statt Abwarten

Bei lokalen und regionalen Ereignissen empfehlen Saurugg und Erlhofer eine rasche Eskalation bei der Bereitstellung von Hilfsangeboten. Besonders wenn sich eine Lage über mehrere Tage bei tiefen Temperaturen abzeichnet, müsse schnell gehandelt werden: sofortige Aktivierung von Krisenstäben, Organisation nachbarschaftlicher Notfallteams, Einbeziehung von Hilfsorganisationen und Einrichtung von Notunterkünften.

Auf Kreis- und Länderebene sei innerhalb von Stunden die Großschadenslage auszurufen. „Die Berliner Großschadenslage bestätigt bekannte Muster aus der Ahrtal-Katastrophe 2021: Der Föderalismus und die Verwaltung funktionieren im Alltag, sind in Krisensituationen jedoch schnell überfordert.“

Glück ist keine Strategie

Dass es nicht zu mehr Schäden kam, sei „äußerst überraschend und sollte nicht als selbstverständlich erwartet werden“, warnen die Experten. Wie bereits bei der Nachbesprechung 2019 festgestellt wurde, war es vielleicht einfach Glück, dass wieder eine Region mit wenigen Hochhäusern und guten sozialen Strukturen betroffen war. Ihr eindringlicher Appell:

„Glück allein ist keine Garantie für eine gute Zukunft. Dieser Stromausfall war kein Systemtest, sondern reiner Zufall. Echte Resilienz fehlt.“

Handeln statt Verdrängen

Saurugg und Erlhofer sehen in der aktuellen politischen Diskussion eine gefährliche Ablenkung vom eigentlichen Problem. Die Forderungen nach mehr Sicherheit, Technik oder höheren Strafen lenkten nur von der fehlenden Vorsorge ab. „Man kann die Realität verdrängen, doch nicht die Folgen einer verdrängten Realität.“

Ihr Fazit ist eindeutig: „Wie wir mit einer solchen Situation umgehen, liegt allemal in unserer Hand. Und dazu kann jede und jeder Einzelne von uns im eigenen Umfeld einen Beitrag leisten.“ Sie rufen dazu auf, das Thema Vorsorge in Familie, Nachbarschaft und Organisationen anzusprechen und nicht darauf zu warten, dass „die da oben“ es schon richten werden.

Die Botschaft der beiden GfKV-Experten ist klar: Echte Resilienz entsteht nicht durch Hoffen auf Glück, sondern durch konkrete Vorbereitung auf allen Ebenen – individuell, kommunal und organisatorisch. Der Berliner Stromausfall war eine Warnung. Die Frage ist nun, ob wir daraus lernen – oder weiter auf unser Glück vertrauen.

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