„Wir sind nicht im Krieg, aber wir sind auch nicht in Frieden“ – mit diesen Worten eröffnete Generalmajor Jürgen Setzer, stellvertretender Inspekteur des Cyber- und Informationsraums der Bundeswehr, seinen Vortrag beim Symposium „PMRExpo meets Wehrtechnik“ in Köln. Als Chief Security Officer der Bundeswehr und Befehlshaber CIR Truppen trägt Generalmajor Setzer die Gesamtverantwortung für Informationssicherheit und digitale Landesverteidigung. Ein Einblick in seinen Vortrag.
Die Bundeswehr steht rund um die Uhr unter digitaler Attacke. „24 Stunden am Tag, 7 Tage die Woche“ erlebe man unspezifische DDoS-Angriffe ebenso wie komplexe Versuche, in IT-Infrastrukturen einzudringen, berichtete der Generalmajor. Manchmal reiche bereits ein kompromittiertes IT-Gerät, um Zugriff auf sensible Nutzerdaten zu erhalten – wie in diesem Jahr an der Universität der Bundeswehr geschehen.
Doch die Bedrohung beschränkt sich nicht auf den Cyberraum. Im elektromagnetischen Spektrum erlebe man kontinuierlich Spionage und Sabotage durch Drohnen, die Bundeswehrstandorte ausspähen, oder durch Navigation Warfare in der Ostsee mit Auswirkungen auf Flug- und Seeverkehr. Selbst im Informationsraum tobt ein unsichtbarer Kampf: Als Politik und Öffentlichkeit über den neuen Wehrdienst diskutierten, wurden soziale Medien mit Memes gegen den Wehrdienst geflutet – „Mimic Warfare“ nennt Generalmajor Setzer dieses Phänomen.
Information als zentrale Ressource
Der Kern der modernen Kriegsführung liegt in der Informationsüberlegenheit. Setzer formuliert es als Gleichung: „Informationsüberlegenheit führt zur Führungsüberlegenheit, führt zur Wirkungsüberlegenheit als Voraussetzung für Siegfähigkeit.“
In der digitalisierten, vernetzten Gefechtsführung entscheidet, wer schneller Daten erfassen, zu einem belastbaren Lagebild zusammenführen und daraus Entscheidungen ableiten kann. Ein Beispiel aus dem Ukraine-Krieg veranschaulicht dies: Wer innerhalb von Minuten aus Handyvideos, Satelliten- und Drohnenaufnahmen Zielkoordinaten generieren und in Feuerbefehle umwandeln kann, gewinnt entscheidende Vorteile – selbst bei zahlenmäßiger Unterlegenheit.
Das gläserne Gefechtsfeld ist Realität
Der Ukraine-Krieg zeige deutlich: Das gläserne Gefechtsfeld ist keine Zukunftsvision mehr, sondern gegenwärtige Realität. Der massenhafte Einsatz von Aufklärungs- und Wirkungsdrohnen habe die Kriegsführung fundamental verändert. Doch mit jedem zusätzlichen Sensor, jeder Plattform und App wachse auch die Verwundbarkeit.
„Eine kompromittierte Information, ein technischer Ausfall eines Netzwerkknotens durch einen gezielten Cyberangriff – sei es an der Front oder im Hinterland – können unmittelbare militärische Folgen nach sich ziehen“, warnte der Generalmajor. Moderne Streitkräfte würden ohne stabile und resiliente IT-Systeme „blind, taub und handlungsunfähig“.
Die Bedrohung betrifft die gesamte Gesellschaft
Doch nicht nur die Bundeswehr steht im Fokus: „Die digitale Front verläuft heute durch jedes Unternehmen, jede Behörde, bei jedem zu Hause“, stellte Generalmajor Setzer klar. Russland setze gezielt auf Spionage, Sabotage und strategische Einflussnahme, besonders bei Partnern in der Rüstungsindustrie.
Ein erkennbarer Trend sei, die Bundeswehr nicht mehr direkt anzugreifen, sondern über Geschäftspartner zu gehen. Deren IT-Infrastruktur oder Benutzerkonten würden kompromittiert, um dadurch Zugriff auf Bundeswehr-Daten zu erhalten. „Bewusst wird dabei das Vertrauen in bestehende Kommunikationsbeziehungen ausgenutzt“, so Setzer.
Das Ziel dieser hybriden Kriegsführung: Deutschland und Europa politisch, wirtschaftlich, gesellschaftlich und militärisch zu schwächen und zu spalten. Die Unterstützung der Ukraine solle unterlaufen, die Einsatzbereitschaft der Bundeswehr gestört und die Bevölkerung verunsichert werden.
Neu denken: Von Cybersicherheit zu Cyberresilienz
Generalmajor Setzer fordert ein Umdenken in der Verteidigungsstrategie. „Wir müssen akzeptieren, dass es keinen hundertprozentigen Schutz geben kann“, sagte er. Statt nur auf Prävention zu setzen, müsse die Bundeswehr Cyberresilienz aufbauen: die Fähigkeit, auch nach IT-Ausfällen schnell wieder operativ zu agieren.
Dies erfordere nicht nur technische Maßnahmen, sondern auch einen Kulturwandel in Organisation und Prozessen. Cyberresilienz beginne bereits bei der Planung, indem Schadensszenarien integraler Bestandteil der Strategieentwicklung werden.
Besonders kritisch: Die Innovationszyklen im Cyberbereich sind extrem kurz. Im Ukraine-Krieg betrage die Halbwertszeit technischer Neuerungen teilweise nur drei bis zwölf Wochen. Danach seien sie kopiert oder Gegenmaßnahmen entwickelt worden. Bei Software seien die Zyklen noch kürzer. Dies erfordere einen intensiven Austausch mit Industrie und Forschung.
Gesamtstaatliche Aufgabe
„Sicherheit im Cyber- und Informationsraum ist ein Gesamtmanöver von Sicherheitsbehörden, Politik, Forschung und Unternehmen“, betonte Generalmajor Setzer. Gemeinsame Übungen aller relevanten Akteure seien unverzichtbar, um in Krisen vorbereitet zu sein.
Als Erfolgsbeispiel nannte er die internationale Cyberübung „Locked Shields“, bei der ein deutsch-singapurisches Team bestehend aus 70 Soldaten, 30 Industrieexperten und 20 zivilen Behördenexperten den ersten Platz belegte.
Der neu aufgestellte Nationale Sicherheitsrat mit seinem Aktionsplan zur Abwehr hybrider Bedrohungen gehe in die richtige Richtung. Etablierte, erprobte und resiliente Strukturen seien entscheidend. Krisenstäbe erst nach Schadenseintritt einzuberufen, reiche nicht aus.
Aus Erfahrung lernen
Zum Abschluss zitierte Setzer Konfuzius: Der Mensch habe dreierlei Wege, klug zu handeln – durch Nachdenken (der edelste), durch Nachahmen (der leichteste) und durch Erfahrung (der bitterste).
„Lassen Sie uns aus den schmerzhaften Erfahrungen in der Ukraine, aber ebenso aus den sich häufenden hybriden Nadelstichen Russlands gegen Europa rechtzeitig durch Nachdenken die richtigen Lehren ziehen“, appellierte der Generalmajor. „Verteidigung heute heißt Verteidigung auch im Cyber- und Informationsraum und setzt digitale Kriegstüchtigkeit voraus.“
Seine Botschaft ist eindeutig: In einer Zeit zwischen Krieg und Frieden muss Deutschland seine digitale Verteidigungsfähigkeit als gesamtgesellschaftliche Aufgabe begreifen – bevor die Erfahrung zum bittersten aller Lehrmeister wird.
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