Die Fähigkeit von Krankenhäusern und Kliniken, in Krisen, Katastrophen oder Verteidigungsfällen funktionsfähig zu bleiben, ist ein zentraler Baustein des gesundheitlichen Bevölkerungsschutzes. Die zunehmende Sicherheitsdynamik in Europa und die Erfahrungen aus der COVID-19-Pandemie haben die Frage aufgeworfen, wie resilient das deutsche Gesundheitswesen tatsächlich ist – also wie gut Krankenhäuser Störungen von außen über längere Zeiträume bewältigen können.
Eine Stichprobe des Westdeutschen Rundfunks in Nordrhein-Westfalen hat strukturelle Schwächen in wesentlichen Resilienzbereichen aufgezeigt. Zugleich haben die Deutsche Krankenhausgesellschaft (DKG) und sicherheitspolitische Planungsdokumente wie der Operationsplan Deutschland (OPLAN DEU) die Diskussion auf eine nationale, gesamtstaatliche Ebene gehoben.
Von 53 Kliniken in NRW gaben 40 an, über Notstromaggregate zu verfügen. In mehr als der Hälfte dieser Häuser ist die Betriebsdauer der Notstromversorgung auf rund 72 Stunden begrenzt. Eine längere Stromunterbrechung wäre nur mit kontinuierlich nachgelieferter Treibstoffversorgung beherrschbar, was bei unterbrochenen Lieferketten nicht gesichert ist.
Demnach deckt die Notstromkapazität kurzfristige Störungen ab, nicht jedoch längerfristige Versorgungsunterbrechungen bei Ausfall von Treibstoffanlieferungen.
Medikamente sind überwiegend für zwei bis sechs Wochen vorrätig. Blutkonserven (z.B. EKs) haben meist noch kürzere Zeitfenster. Die vorhandenen Lagerflächen und Bestände sind in vielen Häusern nicht auf längerfristige Versorgungsausfälle ausgelegt.
Nur etwa ein Fünftel der Kliniken hält Wasservorräte für rund eine Woche vor. Die Mehrheit ist vollständig von externen Versorgern abhängig.
Wasser stellt damit einen der größten Schwachpunkte in der klinischen Resilienz dar – Notstromaggregate können dieses Defizit nicht kompensieren.
Keine der befragten Kliniken verfügt über unterirdische Schutzräume oder befestigte Schutzbereiche.
Frühere Hilfskrankenhäuser in Bunkeranlagen existieren nicht mehr.
Neue Planungen, die z. B. Tiefgaragen als Schutzbereiche zweckentfremden könnten, scheitern aktuell vor allem an fehlender Finanzierung. Es gibt aber erste Projekte, die solche Vorhaben skizzieren.
Fortbildungsbudgets sind in der Regel nicht ausreichend, um Personal umfassend auf Krisenszenarien vorzubereiten. Darüber hinaus sind spezialisierte Aus- und Weiterbildungen (z. B. zur Behandlung spezieller Verletzungsmuster) eher punktuell integriert. Das BG-Klinikum Bergmannsheil bildet seine Ärzteschaft in spezieller Traumaversorgung aus.
Die Deutsche Krankenhausgesellschaft (DKG) hat die oben beschriebenen strukturellen Schwächen bestätigt und in eigenen Stellungnahmen sowie Analysen konkrete Herausforderungen und Forderungen formuliert:
- Die DKG begrüßt die gesetzlichen Resilienzvorgaben im neuen KRITIS-Dachgesetz, fordert jedoch schnelle Konkretisierungen und klare Umsetzungsregularien.
- Sie sieht Rechtssicherheit als Voraussetzung für Investitionen in Resilienzmaßnahmen.
- Krankenhäuser müssen nach Ansicht der DKG Teil einer nationalen Resilienzstrategiesein – jenseits von Cyberrisiken auch für Szenarien wie Verteidigungsfälle.
- Diese Strategie muss technische, personelle und organisatorische Aspekte umfassen.
- Die DKG-Analysen gehen von einem Investitionsbedarf in Milliardenhöhe aus – je nach Szenario zwischen ca. 2,7 Mrd. € und 14–15 Mrd. € für Resilienzmaßnahmen.
- Die Umsetzung soll im Rahmen eines Stufenplans bis 2027 erfolgen.
Laut der DKG bestehen erhebliche Defizite insbesondere bei IT- und Kommunikationssicherheit, physischem Infrastrukturschutz, Personalausbildung sowie Logistik und Lagerhaltung.
Die DKG fordert daher eine umfassende, strategische und finanziell untersetzte Stärkung der Krankenhausresilienz.
Klinikresilienz im Kontext OPLAN DEU
Der Operationsplan Deutschland (OPLAN DEU) ist der strategische Plan der Bundeswehr für die gesamtstaatliche Landes- und Bündnisverteidigung. Obwohl detaillierte Inhalte nicht vollständig öffentlich sind, lassen sich aus frei zugänglichen Informationen folgende relevante Grundsätze ableiten:
Die Verteidigung Deutschlands wird nicht ausschließlich militärisch gesichert, sondern als gesamtstaatliche Aufgabe verstanden. Die zivile Verteidigung mit einem funktionierenden gesundheitlichen Bevölkerungsschutz ist eine tragende Säule der Gesamtverteidigung Deutschlands. Zentrale zivile Infrastrukturen – Energie, Verkehr, Versorgung und Gesundheitswesen – müssen funktional in diesen Gesamtplan eingebunden werden.
Zivile und militärische Akteure sollen in Krisen- oder Verteidigungsfällen koordiniert zusammenarbeiten, z. B. in der Patientensteuerung oder Ressourcenverteilung. Hierzu werden bereits Kongresse, Fortbildungsveranstaltungen und Vollübungen zwischen der Bundeswehr und zivilen Stellen wie den Hilfsorganisationen und Krankenhäusern durchgeführt, einzelne Kliniken werden bereits in Konzepte eingebunden. Aber es muss mehr und koordinierter passieren.
Die gesamtstaatliche Perspektive des OPLAN DEU und die strukturelle Analyse der DKG decken auf, dass eine kurzfristige operative Resilienz einzelner Kliniken derzeit begrenzt ist – Insellösungen reichen nicht aus.
Strategische Vorgaben und Investitionsrahmen fehlen bislang in ausreichendem Maße und Resilienzmaßnahmen müssen Teil nationaler Sicherheitsstrategien sein, nicht nur sektorspezifisch.
Kurz gesagt: Klinikresilienz ist keine rein medizinische Herausforderung, sondern Teil der gesamtstaatlichen Sicherheits- und Verteidigungsplanung.
Die Resilienz deutscher Kliniken weist in mehreren zentralen Dimensionen erhebliche strukturelle Schwächen auf – von Energie- und Wasserversorgung über Logistik bis hin zu Ausbildung und baulichem Schutz. Die DKG-Positionen untermauern diese Befunde und fordern konkrete strategische Antworten, einschließlich signifikanter Investitionen. In Kombination mit dem sicherheitspolitischen Anspruch der gesamtstaatlichen Verteidigung (OPLAN DEU) ergibt sich ein klares Bild. Es muss entschieden gehandelt werden.
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